Euchologia-Projekt: Alltag und Religion—Byzantinische Gebetbücher als sozialgeschichtliche Quelle

(FWF Projekt P 28219-G25)


Codex (Skylitzes) Matritensis Vitr. 26-2, f. 85r (detail): Adelphopoiesis, use of an euchologion (Facsimile edition. Scientific consultant: Agamemnon Tselikas. Athens: Militos 2000)

Die in byzantinischen Gebetbüchern (euchologia) überlieferten „kleinen Gebete“ beziehen sich auf das Alltagsleben aller sozialen Schichten, ungeachtet des sozialen und ökonomi­schen Status und ungeachtet des Geschlechts der jeweiligen Person.

Verschiedene Einzelforschungsprojekte veranschaulichen das Potential dieses Quellenmaterials, das sich besonders dann entfaltet, wenn es gemeinsam mit anderen normativen oder präskriptiven Texten, wie z.B. mit kanonischem Recht oder kaiserlicher Gesetzgebung, oder in Gegenüberstellung mit narrativen Texten, wie hagiographischen und historiographischen Texten, untersucht wird: durchgeführt werden Projektstudien zu Gebeten für spezifische historisch fassbare Situationen (E. Schiffer), zur Organisation der Bildung in kirchlichem Umfeld (I. Nesseris), zur Relevanz der euchologia für Frauen im Zusammenhang mit ritueller Reinheit, Schwangerschaft und Geburt (E. Afentoulidou), und zum Entstehen sozialer Beziehungen auf der Grundlage gemeinsam gelebter Frömmigkeit (C. Rapp).  Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie die handschriftliche Überlieferung der euchologia die textuellen, örtlichen Gemeinschaften, denen sie zum Gebrauch dienten, widerspiegelt (G. Rossetto; uni:docs Förderung).

Datenbank byzantinischer Gebetbücher

Die Projektmitarbeiter arbeiten gemeinsam an der Erstellung einer Datenbank handschriftlich überlieferter Gebetbücher bis ca. 1650. Da der größte Teil des Materials unediert ist, sind im ersten Schritt umfassende Handschriftenstudien erforderlich, bevor eine Systematik der Gebetstexte und Gebetsanliegen erstellt werden kann. Die open-access Datenbank ist so konzipiert, dass sie auch künftige Forschungen in anderen Themenbereichen, wie z. B. der Liturgiewissenschaft unterstützt. Alle Gebete werden mit tags (in englischer Sprache) versehen, die über Zweck und Intention der Gebete Aufschluss geben, um eine spezifische Suche zu ermöglichen und so diese neue Quellengattung für die Sozial- und Alltagsgeschichte zu erschließen.