„Gräberfeld Potzneusiedl“

Analyse einer Körpergrabgruppe früher Pannonier


 

Projektleitung: L. Formato

Mit Entdeckung der Potzneusiedler Körpergrabgruppe durch das Bundesdenkmalamt im Jahre 2011 lässt sich die bisher fast ausschließlich von Grabstelen überlieferte „norisch-pannonische“ Tracht erstmals im archäologischen Befund in großer Anzahl eindeutig fassen. Mindestens zehn der 29 hier in der birituellen Nekropole in Körpergräbern beigesetzten Personen wurden mit Bekleidungsbestandteilen aus Buntmetall dieser „Trachtgruppe“ ausgestattet. Darunter befinden sich beispielsweise norisch-pannonische Flügelfibeln, Augen- und Scheibenfibeln sowie norisch-pannonische Gürtelgarnituren. Eine Besonderheit stellt jedoch nicht nur die hohe Anzahl hervorragend erhaltener metallener Bekleidungsbestandteile und Keramikbeigaben dar. Auch die Datierung der für den nordwestpannonischen Raum ungewöhnlich frühen Körperbestattungen kann als bisher singulär bezeichnet werden. Diese Gräber wurden bereits in tiberisch-claudischer Zeit angelegt. Damit fallen diese in eine Frühphase der Provinzgeschichte. Die Fundmaterialien deuten außerdem auf Kontakte in norddanubische Regionen und in südlichere Gebiete (Oberitalien) hin. Zusammen mit diesen Merkmalen wirft auch die unmittelbare Lage im Hinterland des Carnuntiner Legionslagers zahlreiche Fragen über die Rolle dieser eindeutig nicht-römischen Personengruppe auf. Zentral soll dabei mithilfe von kleinfundbasierter-antiquarischer und bioarchäologischer Expertise folgenden Forschungsfragen nachgegangen werden: 

  • In welchen exakten Zeitraum sind die Körperbestattungen mit „norisch-pannonischen“ Bekleidungsbestandteilen einzuordnen? Wann setzen der Übergang zur Sitte der Brandbestattung und ein Wandel im Beigabenspektrum ein?
  • Lassen sich aus der Analyse der Körpergrabgruppe Aussagen zur Sozialstruktur gewinnen? Lassen sich die Bestatteten womöglich einer bestimmten ethnischen („germanischen/keltisch-boischen“) Gruppe zuordnen?
  • Sind mithilfe bioarchäologischer Untersuchungen verwandtschaftliche Beziehungen der Personen untereinander fassbar? Lassen sich Aussagen zum Gesundheitszustand sowie zum Sterbealter treffen die wiederum Rückschlüsse über den sozialen Status der Körperbestatteten erlauben könnten?
  • Welche überregionalen Kontakte sind anhand der Grabbeigaben rekonstruierbar?
  • Welchen Beitrag kann die Potzneusiedler Körpergrabgruppe zur Rekonstruktion der „norisch-pannonischen“ Tracht, ergänzend zu den uns bekannten Steindenkmälern des späten 1. bis 3. Jahrhunderts n. Chr., leisten?

Diesen Forschungsfragen wird in der AG Grenzen und Grenzräume seit Oktober 2019 im Rahmen des Teilprojektes „Gräberfeld Potzneusiedl – Analyse einer Körpergrabgruppe aus der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. mit ‚norisch-pannonischen‘ Trachtbeigaben“ unter Leitung von L. Formato nachgegangen. Gefördert wird dieses Projekt aus Mitteln der Energie Burgenland (AT) und durch eine PostDoc-Kofinanzierung der Hans-Böckler-Stiftung (D).