Oberflächensurvey Carnuntum

Besiedlungsdynamik an der Peripherie der Carnuntiner Canabae


Projektleitung: Ch. Gugl

MitarbeiterInnen: Magdalena Bru Calderon, Emira Hasanovic, Simon Heinrich, Michael Hirschler, Isabella Kitz, Petra Mayrhofer, Markus Weisenhorn (Survey); Michaela Kronberger, Silvia Radbauer (Fundbearbeitung)

Die Carnuntiner canabae legionis nehmen unter den römischen Lagervorstädten eine Sonderstellung ein. Dank der in den letzten Jahren intensivierten luftbildarchäologischen Auswertung auf dem Gebiet der heutigen Gemeinden von Petronell und Bad Deutsch-Altenburg (Niederösterreich, A) liegt mittlerweile ein canabae-Gesamtplan vor, der hinsichtlich seines Detailreichtums wohl als singulär unter den römischen Lagervorstädten einzustufen ist. Ergänzend zur Auswertung der Prospektionsdaten aus den Carnuntiner Canabae wird seit 2009 ein Oberflächensurvey durchgeführt, um verschiedene Fragestellungen, die sich im Zuge der Luftbildinterpretation ergeben haben, zu klären. Die Geländebegehungen konzentrieren sich zunächst auf den südlichen und östlichen Randbereich der Carnuntiner Lagervorstadt (canabae legionis), wo anhand der Oberflächenfunde die Siedlungsausdehnung dokumentiert bzw. der Übergang vom geschlossen bebauten Siedlungsareal zu den Gräberfeldern fixiert werden soll. Ferner werden im Vorfeld der canabae einzelne in Luftbildern sichtbare Fundstellen abgegangen, um Anhaltspunkte für deren Zeitstellung zu gewinnen.

In den Sommermonaten der Jahre 2009 und 2010 wurden Ackerflächen im Gesamtumfang von ca. 201 ha abgegangen. Die Feldbegehungen wurden zumeist von vier bis fünf Personen in Form von linewalking durchgeführt, also in parallel zueinander verlaufenden Suchlinien, sodass die tatsächlich abgesuchte Fläche mit rund 83,3 ha veranschlagt werden kann. Der Einsatz von GIS-Technologie spielte bei der Planung, Durchführung und Auswertung des Oberflächensurvey eine zentrale Rolle. Bei der Analyse der Daten kam vor allem Desktop Mapping zum Einsatz. Hinsichtlich der Verteilung der Suchflächen handelte es sich bei dem Unternehmen nicht um einen reinen Stadtsurvey, der sich auf die südliche und südwestliche Lagervorstadt beschränkte, sondern er wurde auch auf das Vorfeld der canabae ausgedehnt. Der Großteil der abgegangenen Äcker lag aber in weniger als 2,0 km  Entfernung von der Legionslagermauer. Diese Ausrichtung des Surveys versprach somit Oberflächenensembles aus unterschiedlichen Siedlungsräumen, einschließlich von offsite-Zonen, also von Bereichen ohne Siedlungsaktivität im engeren Sinn.

Die Feldbegehungen waren als pick-up survey angelegt, Handklicker und Metallsuchgeräte kamen nicht zur Verwendung. Auf den Äckern konnten insgesamt rund 27.700 Funde aufgesammelt werden. Davon stammen knapp 23.000 Artefakte aus der Römerzeit. Die Baukeramik bildete mit 61% den größten Mengenanteil, gefolgt von der Gefäßkeramik (38%). Nur etwa 1% der Funde bestand aus anderen Materialien, wie Glas, Metall, Stein, Bein, etc. Die Zusammensetzung des Fundmaterials und der stark fragmentierte Erhaltungszustand der aufgelesenen Artefakte ist sicherlich nicht unwesentlich auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Äcker in und um Carnuntum seit den 1970er-Jahren Ziel zahlreicher Metallsondengänger und Schatzsucher sind. Die römerzeitlichen Funde umfassen eine Zeitspanne von der zweiten Hälfte des 1. Jhs. bis in das 4./5. Jh., wobei aber der chronologische Schwerpunkt eindeutig im 2. und 3. Jh. liegt.

Die besten Aussagemöglichkeiten bietet der Survey bei der Bewertung des Siedlungsabbruchs in der südlichen und südwestlichen Lagervorstadt. Der Vergleich der jüngsten Fundhorizonte der Lagervorstadt mit dem Legionslager führt deutlich die unterschiedlichen Siedlungsabläufe an der Peripherie und im Zentrum Carnuntums vor Augen. Während man im Legionslager noch eine Siedlungstätigkeit in der ersten Hälfte des 5. Jhs. nachweisen kann, kommt es in der Lagervorstadt bereits deutlich früher zu einem gravierenden Wandel. In den untersuchten Flächen bricht das Fundmaterial etwa im Zeitraum von der Mitte des 3. Jhs. bis in die Zeit um 300 n. Chr. ab. Das erstmalige Auftreten von Gräbern in ehemals besiedelten Bereichen und die punktuell durch Grabungen nachgewiesenen Verödungsvorgänge bezeugen einen großräumigen Schrumpfungsprozess, der das Erscheinungsbild der Siedlung nachhaltig veränderte. Die am Übergang von der späten Kaiserzeit zur Spätantike einsetzende Deurbanisierung, hatte vermutlich vielfältige politische und sozioökonomische Ursachen, die sich der archäologischen Nachweisbarkeit entziehen. Im Oberflächenmaterial spiegeln sich aber zumindest die – kleinsttopographisch unterschiedlich ablaufenden – Wüstungsvorgänge wider, die in letzter Konsequenz auch weitreichende demographische Auswirkungen  hatten und das endgültige Ende der antiken Stadtkultur an der mittleren Donau spätestens um die Mitte des 5. Jhs. einleiteten.