Das Theater von Ephesos

Der Band zu den archäologischen Forschungen ist 2017 erschienen.


Projektkoordination: P. Ruggendorfer

Bearbeiter: M. Hofbauer (Archäologie), G. Styhler (Bauforschung), A. Waldner (Fundbearbeitung)

Allgemeines

Seit nunmehr 142 Jahren ist das Theater von Ephesos immer wieder Gegenstand kleinerer und größerer archäologischer und baugeschichtlicher Untersuchungen gewesen. Das gegenwärtige Projekt hat auf Wunsch der türkischen Regierung unter Leitung des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) 1993 begonnen. Im Rahmen eines umfassenden Sanierungsprogramms für das Gebäude, das vom ÖAI realisiert werden wird, soll über die bisher getätigte Forschung hinaus wissenschaftlichen Fragestellungen nachgegangen werden. Seit 2007 wird die wissenschaftliche Erforschung des Theaters vom Institut für Kulturgeschichte der Antike (IKAnt) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften betreut, das für die archäologischen Arbeiten verantwortlich zeichnet. Die baugeschichtliche Untersuchung v.a. der Cavea, die bereits 2003 eingesetzt hat, wird nun in Kooperation zwischen IKAnt und der Technischen Universität Wien sichergestellt. Ein Abschluss der Feldarbeiten ist für 2010 geplant, die Vorbereitung der Publikation der gewonnenen Erkenntnisse wurde 2009 in Angriff genommen.

Mit rund 150m Durchmesser und einer Kapazität von 18.000 bis 20.000 Sitzplätzen in der letzten Ausbauphase gehört das Theater von Ephesos zu den größten Theaterbauten der Antike. Das am Westabhang des Panayirdağ errichtete Gebäude befindet sich unweit der Agora und lag in hellenistischer Zeit in unmittelbarer Hafennähe.
Von den Sitzbereichen sind noch ca. 75% vorhanden. Jedoch zeigt sich die Gestalt der römischen Cavea, wie sie sich aus dem 2. Jh. n. Chr. erhalten hat, heute ohne ihre repräsentative Oberfläche aus Marmor. Die einst zugehörige Verkleidung mit Marmorplatten tritt im Theater lediglich noch als vereinzeltes Fragment auf und entspricht in Summe weniger als 10% der ursprünglichen Marmoroberfläche. Gut sichtbar ist hingegen in vielen Bereichen die bauzeitliche Unterkonstruktion der Sitze, Radialtreppen und Umgänge.
Das Bühnengebäude ist lediglich im Untergeschoss zur Gänze erhalten, wobei die hellenistischen  Mauern im römischen  Bau  bewahrt  wurden. Schlechter ist der Erhaltungszustand im Obergeschoss.

 

Archäologie

Auf Grund der Forschungen der letzten Jahre kann die Entstehungszeit des ältesten Bühnengebäudes um 200 v. Chr. – oder bald danach – angegeben werden. Das 41,65m x 10,77m große, zweigeschossige Bühnenhaus ist aus Kalkstein errichtet. Die Kombination eines langen Korridors und einer Reihe von Räumen hinter den Thyromata (Toröffnungen in der Bühnenhausfassade) im Obergeschoss ist eine eher singuläre Lösung im Theaterbau. Eine Umgestaltung in Marmor erfuhr das Bühnengebäude im Bereich der ostseitigen Fassade zur Orchestra hin. Bei den Ausgrabungen konnten keine Reste des hellenistischen Proskenium gefunden werden, doch wird man von der für Kleinasien typischen Trapezform ausgehen dürfen. Für den großen Umbau unter dem Kaiser Domitian wurde von A. Öztürk ein neuer Rekonstruktionsvorschlag für die Scaenae frons gemacht. An der Stelle des Proskenium aus hellenistischer Zeit wurde eine dreigeschossige Prachtfassade errichtet. Die heute noch sichtbaren Stützen der römischen Bühne gehören allerdings späterer Zeit an. Die flavische Bühne kam mit nur einer Stützenreihe zwischen der Scaenae frons und der Bühnenfront aus. Eine Neugestaltung von Bühne und Orchestra erfuhr das Theater um die Mitte des 2. Jhs. n. Chr.

Zurzeit konzentriert sich die archäologische Tätigkeit auf einzelne Untersuchungen in der Cavea, die in Zusammenhang mit der Bauforschung stehen, und den Bereich im Süden des Theaters. Entlang des Korridors im Eingang S1 wurden drei Kammern im Südanalemma entdeckt und weitgehend freigelegt. Die drei Eingänge, die von Süden her in das Theater geführt haben, sind durch eine große, zweiteilige Treppenanlage miteinander verbunden. Die 11,74m lange und bis zu 8,75m breite östliche Treppe konnte 2008 zur Gänze freigelegt werden. Sie verläuft zwischen dem Theater und der Wohnverbauung südlich des Theaters. Ein Raum eines Wohnhauses wurde partiell angeschnitten. Die Marmor- und Mosaikenausstattung ist vergleichbar mit der des Hanghauses 2 in Ephesos. Funde aus dem Schutt über dem Mosaik weisen auf eine Zerstörung des Hauses im 3. Jh. n. Chr. Dabei dürfte auch der hausnahe, südliche Teil der Treppe verschüttet und in Folge aufgegeben worden sein.In byzantinischer Zeit wurde das Theater in die Stadtmauer integriert. 2007 konnte der Anschluss der Stadtmauer östlich von Eingang S3 zur Gänze freigelegt werden. Die byzantinische Mauer ist hier über einer Terrassenmauer aus hellenistischer Zeit errichtet. Zahlreiche Stufen der Treppenanlage sind sowohl in der Stadtmauer als auch im Verschluss der Eingänge S1 und S2 verbaut worden.

 

Bauforschung


In der bisherigen Forschungsgeschichte werden für die antike Bau- und Nutzungszeit des ephesischen Theaters vier Bauphasen unterschieden, von denen jeweils zwei in die hellenistische sowie in die römische Zeit datieren. Mit der aktuellen Bauforschung, die das Gebäude eingehend in Hinblick auf Bautechnik, Bauphasen und Nutzungsänderungen untersucht, konnten u.a. neue Erkenntnisse zur Umorganisation und baulichen Adaption der Cavea in Zusammenhang mit der ersten römischen Bauphase gewonnen werden. So zeichnen sich in Korrespondenz zu den bereits bekannten Veränderungen am Bühne-Orchestra-Komplex in der Auswertung der bisherigen Ergebnisse auch im Zuschauerraum differenzierte Baufolgen ab. Der Bau der Scaenae frons im 1. Jh. n. Chr. stellt eine bedeutende Veränderung für das Theater dar. Das nun weit in die Orchestra hineinreichende römische Logeion schränkt die Parodoi als Hauptzugänge der hellenistischen Anlage stark ein. Dieses Zusammenrücken von Bühne und Zuschauerraum erfordert in Folge neue Zugänge. So wurden für den unteren und mittleren Rang jeweils im Süden und Norden voneinander getrennte Zugangskorridore geschaffen, die mit einer Breite von ca. 4,50m für die Benutzung durch große Menschenmassen geeignet waren. Vermutlich als Teilaspekt dieser neuen Organisationsstruktur im Theater wurde auch der untere ringförmige Umgang (Diazoma) erweitert, auf dem die über jeweils zwei große Korridore bzw. Treppenanlagen aus dem Süden und Norden kommenden Besucher geleitet wurden, um zunächst die Radialtreppen und schließlich ihre Sitze zu erreichen.

Vom architektonischen Ausbau des Zuschauerraumes, wie er sich nach den römischen Umbauten gezeigt hat, ist wenig erhalten. Jedoch konnten durch die detaillierte Aufnahme der verbliebenen Verkleidungselemente neben der Klärung der bautechnischen Anschlüsse auch verschiedene Gestaltungstypen einzelner Bauteile unterschieden werden, die die Vorstellung von der Marmorverkleidung weiter differenzieren.
Im Vergleich mit anderen kleinasiatischen Theatern stellt die Verkleidungstechnik mit einem Belag aus Marmorplatten eine eher seltene bauliche Lösung dar, die andere technologische Vorplanungen für die Unterkonstruktion erfordert als ein Aufbau der ansteigenden Sitzreihen aus massiven Sitzblöcken. In Kleinasien sind Vergleichsbeispiele für diese Technik u.a. das Theater von Metropolis (150 v. Chr.), das Odeon in Ephesos (160-169 n. Chr.) oder das römische Theater im Asklepios-Heiligtum in Pergamon (2. Jh. n. Chr.).
Im Theater von Ephesos besteht die Marmorverkleidung des Stufenkörpers aus den vier Hauptelementen Horizontale Sitzplatte, Vertikale Blende, Seitlicher Wangenstein sowie Trittstufen der Radialtreppen. Die Verbindung dieser Bauteile erfolgte in Abständen über Klammern und Dübel und war besonders im Anschlussbereich zu den Radialtreppen aufwendig.

Als ein weiterer Aspekt der aktuellen Bauforschung seien die Befunde angesprochen, die neuen Aufschluss über die Wassernutzung im Gebäude sowie Hinweise zur Wasserversorgung angrenzender Stadtteile geben. Verschiedene Systeme von Tonrohrleitungen und Kanälen sind durch die fehlende Marmorverkleidung heute sichtbar. Bei der Anlage der Vomitoria waren zum Teil offene Gerinne als Regenentwässerung geplant, die jedoch nicht vollständig ausgeführt wurden. Die baulich größte Leitungstrasse im Theater ist Teil der 40km langen Aristion-Leitung, die u.a. das Nymphaeum Traiani (errichtet 102-114 n. Chr.) an der Kuretenstraße versorgt. Der ca. 1,00m breite Leitungsquerschnitt tritt im Norden in das Theater ein, verläuft dann halbkreisförmig unter der achten bzw. neunten Sitzstufe des mittleren Ranges und verlässt das Theater in Richtung Süden etwa parallel zum dort befindlichen unteren Zugangskorridor. Innerhalb dieser 178m langen Strecke können hinsichtlich Tunnelhöhe und Gewölbeart drei Leitungsquerschnitte unterschieden werden. Spiegelbildlich zur Mittelachse des Gebäudes zweigen von der Aristion-Leitung zwei Tonrohrleitungen ab, die unter den Radialtreppen in Richtung Orchestra verlaufen, deren Endpunkte bisher jedoch nicht gefasst wurden.

Die Theaterruine mit ihrer außerordentlich großen Oberfläche und – bedingt durch den Erhaltungszustand – zahlreichen unerreichbaren Flächen wurde 2004 unter Einsatz eines terrestrischen 3D-Laser-Scanners dreidimensional erfasst. Mit den Ergebnissen aus diesem Pilotprojekt stand der Bauforschung nun erstmals ein formtreues digitales Mess-Abbild zur Verfügung, dass in Ergänzung durch Einzelpunktmessungen mit dem motorisierten Tachymeter aktuell die Grundlage für die detaillierte Analyse des Stufenbaus darstellt.
Bei dem Raumscanner handelt es sich um den terrestrischen 3D-Image-Scanner LMS Z420i der Firma Riegl, der serienmäßig mit einer Digitalkamera gekoppelt ist. Während des Scanvorgangs entstehen dreidimensionale zusammenhängende fotorealistische Punktabbilder großer Gebäudeteile, die zu einem digitalen 3D-Modell zusammen-gesetzt werden.

Die eingesetzte Totalstation besteht aus dem motorisierten Tachymeter „TCRM“ der Firma Leica und der Zusatzsoftware „TOTAL“ (Tachymetrische Objektorientierte Teil-Automatisierte Laservermessung), die das Gerät zu einem sog. „Intelligenten Tachymeter“ erweitert (entwickelt an der Ruhr-Universität Bochum). Besonderheit ist hierbei die Kombination der hochpräzisen Genauigkeit eines Tachymeters mit den Vorzügen automatisierter Scanprozesse, die speziell mit dem sogenannten „Profilscanning“ (das Gerät nimmt selbstständig Messpunkte in einer frei definierten Raumebene mit variabler Schrittweite und Entfernung bis über 100 m auf) zur Anwendung kommen.