Corpus der spätantiken und frühchristlichen Mosaike Bulgariens


Projektleitung und Koordination:

R. Pillinger

Bearbeiter:

A. Lirsch

Inhalt des Publikationsprojekts ist die vollständige Vorlage, der auf heutigem bulgarischen Staatsgebiet erhaltenen bzw. dokumentierten spätantiken und frühchristlichen Mosaiken und somit deren Erschließung für die westeuropäische Forschung. Das Corpus ist der zweite Band einer zweibändigen Arbeit über die spätantiken und frühchristlichen Wandmalereien und Mosaiken in Bulgarien, wobei die erste Veröffentlichung über die Wandmalereien bereits 1999 im Verlag der ÖAW erschienen ist. 

Es handelt sich um eine, von der Arbeitsgruppe Christliche Archäologie unter der Leitung von Renate Pillinger gemeinsam mit der bulgarischen Mosaikspezialistin Vanja Popova vom Institut für Kunstwissenschaft der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften (BAN) in Sofija initiierte Sammelpublikation in Kooperation mit bulgarischen Regionalmuseen und Wissenschaftern. Das Projekt ist umso notwendiger, da die meisten einschlägigen Denkmäler bis heute entweder unveröffentlicht sind, bzw. bereits vorhandene Publikationen bis auf wenige Ausnahmen nur in Form entlegener Artikel und Monografien in bulgarischer Sprache vorliegen. Vorgesehen ist die Veröffentlichung von 81 Lemmata zu derselben Anzahl von Mosaiken bzw. Mosaikenkomplexen vor dem Hintergrund der Grabungsbefunde. Projektziel ist die Erstellung eines fertigen Manuskripts bis Ende Mai 2011. Das abgeschlossene Projekt wurde auch im Rahmen des 11. Internationalen Mosaikencolloquiums der AIEMA im Oktober 2009 in Bursa/Türkei der Öffentlichkeit vorgestellt. 

Analog zum bereits veröffentlichten Wandmalerei-Corpus ergibt sich die Reihung der einzelnen Denkmäler nach geografischen Gesichtspunkten, wobei ihre Nummerierung durchlaufend ist. Von jedem Mosaik wird der Fundort angegeben, der Fundkontext mit einer kurzen Beschreibung des Gebäudes oder Raumes, in dem es sich befindet/befand und wer es wann freilegte. Abgehandelt werden Erhaltungszustand, Lage und Gestalt, Technik, Gliederung sowie figürliche und ornamentale Motive.

Auf die ermittelten Vergleichsbeispiele folgen kurz gefasste Kommentare mit dem Versuch einer Interpretation. Am Ende jedes Beitrags steht die vollständige Bibliographie oder der Hinweis „unpubliziert“, der auf eine Erstveröffentlichung hinweist. Soweit möglich, sind Abbildungen und Pläne beigegeben. Von bereits zerstörten oder wieder verschütteten Objekten aus Altgrabungen liegen allerdings manchmal nur alte Fotos in schlechter Qualität vor. 

Ebenso wie andere Ausdrucksformen hellenistisch-römischen Kunstschaffens gelangte die Mosaikkunst (trotz früherer griechisch-hellenistischer Einflüsse) im Zuge der Romanisierung in die ehemals thrakischen Gebiete. Insgesamt sind aus Bulgarien etwa 130 Mosaiken und Mosaikenkomplexe aus der römischen Kaiserzeit und der Spätantike bekannt, von denen allerdings viele nur noch fragmentarisch erhalten blieben. 

Dem, für das vorliegende Corpus, relevanten Zeitraum vom späten 3. bis zum 6. Jh. gehören mehr als zwei Drittel des Gesamtbestandes an, ein Faktum das die ökonomische und strategische Bedeutung der im Vorfeld von Konstantinopel und Thessaloniki liegenden Provinzen an der unteren Donau zu dieser Zeit verdeutlicht.

In der Spätantike entstehen zusätzlich zu den schon lange bestehenden Mosaikateliers in den Zentren des thrakischen Kernlandes (Serdica, Philippopolis, Augusta Traiana, Pautalia) und den Garnisonsorten am Donaulimes (Bononia, Ratiaria, Oescus, Novae), neue an der Westküste des Schwarzen Meeres (Odessos, Marcianopolis), sowie in der Macedonia Secunda (Sandanski, Nicopolis ad Nestum), wobei die letztgenannten hinsichtlich Motivik und Stil sehr stark vom nordgriechisch-makedonischen Raum beeinflusst sind. Zusätzlich gab es Wanderwerkstätten. 

Die meisten Mosaiken wurden in der Technik opus tesselatum angefertigt (Abb. 2, 3, 4, 6), allerdings häufig mit Einfügungen von opus vermiculatum an den detailreichen Stellen figürlicher Motive (Abb. 2, 3, 6). Ebenso liegen einige opus sectile-Böden vor, so im Baptisterium der Kirche auf dem Pirinc-Tepe bei Odessos/Varna, in jenem der Bischofskirche von Parthicopolis (?)/Sandanski, im Apsisbereich der frühchristlichen Kirche auf dem Carevec bei Veliko Tarnovo (Abb. 5) und der sog. Basilika Nr. 1 von Nicopolis ad Nestum/Garmen, sowie in einigen Räumen repräsentativer Wohnbauten in Serdica, Sandanski und Stara Zagora.

Funde einzelner Smalti, manchmal auch größerer Fragmente, belegen einige wenige Wand- und Gewölbemosaiken, z. B. in der Kirche auf dem Pirinc-Tepe bei Varna, der sog. Basilika Nr. 2 bei Pleven, dem Baptisterium der Bischofskirche von Sandanski (Abb. 6) und der sog. Basilika Nr. 2 von Garmen. 

In Analogie zu Kleinasien und Syrien begegnen auch auf den Pavimenten der Balkanhalbinsel mit abnehmender Tendenz noch bis in die zweite Hälfte des 4. Jhs. die, bis auf den Hellenismus zurückgehenden und in der Kaiserzeit im östlichen Mittelmeerraum so verbreiteten emblemata-Kompositionen mit figural verzierten und von geometrischen Bordüren umgebenen Bildfeldern (Abb. 2). Ein, in der Mitte des 4. Jhs. neu aufkommender und bald dominierender streng-geometrischer Stil bringt jedoch eine jähe Zäsur mit sich. 

In der älteren Phase dieses anikonischen Stils – ihr Ende fällt etwa mit den Goteneinfällen um 378 zusammen – werden bevorzugt rein geometrische Kompositionen verlegt. In einer zweiten Stilstufe, die von den letzten Jahrzehnten des 4. bis zur Mitte des 5. Jhs. reicht, kehren florale Elemente und Kantharoi wieder als Füllmotive zurück (Abb. 3). Etwa ab der Mitte des 5. Jhs. fügt man wieder verstärkt zoomorphe Motive der Pavimentdekoration ein – diese entweder als Einzelelemente innerhalb eines geometrischen Musterrapports oder als mehrfigurige, emblemartige Kompositionen (Abb. 6).

Die Grabungsbefunde, die allerdings zum Teil aus älteren Grabungen stammen, legen nahe, dass die Mosaikproduktion im 6. Jahrhundert stark abnahm. Derzeit ist kein einziges Paviment bekannt, welches nach der Mitte des 6. Jhs. entstanden ist. 

Bei den 24 auf uns gekommenen, spätantiken Mosaikinschriften handelt es sich bei 19 um griechische, bei fünf um lateinische Inschriften. Das breite Spektrum beinhaltet Namensbeischriften („Haus der Antiope“ in Devnja und „Haus der Eirene“ in Plovdiv), Begrüßungsinschriften (zwei repräsentative Wohnhäuser in Stara Zagora und „Haus der Eirene“ in Plovdiv), Stifterinschriften (Synagoge und sog. Kleine Basilika in Plovdiv, Basilika Nr. 7 in Kjustendil, Basilika Nr. 1 in Pleven und Basilika Nr. 2 in Sandanski) sowie drei Inschriften mit Bezug zur christlichen Liturgie (Basilika Nr. 1 von Pleven, jüngere Basilika auf dem Carevec bei Veliko Tarnovo [Abb. 5], sowie älteste Memorialkirche unter Sv. Sofija in Sofija).

Wie in der vorangegangenen Epoche, stammen die meisten Mosaiken des 4. Jhs. nach wie vor aus dem profanen Bereich, wörtlich repräsentativen Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden (hier vor allem Badeanlagen). Im Zuge des aufstrebenden Christentums wandelt sich das Bild jedoch gegen Ende dieses Jahrhunderts zugunsten der frühchristlichen Sakralbauten, deren Bodenmosaiken nun jene der privaten Wohnkomplexe quantitativ um das Doppelte übertreffen. Waren die ersten frühchristlichen Kirchen vor allem mit Steinplattenböden versehen, so erlebt deren musivische Ausstattung in der zweiten Hälfte des 4. Jhs. einen ungeahnten Aufschwung. Die zu dieser Zeit dominierenden, streng geometrischen Kompositionen, eignen sich gut als Dekor für die langrechteckigen Naoi und begleiten den Einzug des Klerus vom Kircheneingang bis zum Altar durch ihre, sich rhythmisch wiederholende Bodengestaltung. Wo man in der Apsis und/oder dem Presbyterium Bodenmosaiken verlegte, sind manchmal, mit dem christlichen Glauben verbundene figurale Motive ausgeführt, wie das Christogramm aus dem Apsishalbrund der Basilika von Mikrevo und jene aus dem Bereich unmittelbar vor dem Presbyterium der sog. Basilika Nr. 1 von Storgosia/Pleven. Ferner ist der, den Klerikern vorbehaltene Bereich in mehreren Fällen mit einem opus sectile-Paviment bedeckt.
Es ist festzuhalten, dass ab der zweiten Hälfte des 4. Jhs. kaum formale und kompositorische Unterschiede zwischen Mosaiken frühchristlicher und profaner Gebäude festzustellen sind, was in der Tätigkeit derselben Mosaikwerkstätten in beiden Bereichen begründet ist. Der Purismus der anikonisch-geometrischen Dekorationen ging aber sicherlich vor allem von den Sakralbauten aus. 

Abbildungsnachweis

Abb. 1:© BAN; Abb. 2: nach E. Kessjakova, Philippopolis prez rimskata epoha [Philippopolis in der römischen Epoche] [Sofija 1999] 78, Fig. 92; Abb. 3: nach einer Kalenderillustration, © Historisches Museum Stara Zagora; Abb. 4: Historisches Museum Montana, Inv.-Nr. A 50, nach G. Alexandrov, Montana [Sofija 1981] Taf. 99; Abb. 5: Historisches Museum Veliko Tarnovonach, nach N. Angelov, Kulturni plastove predi izgraschdaneto na dvoreca. Rannovizantijski kulturen plast [Kulturschichten vor dem Bau des Palastes. Die frühbyzantinische Schicht]. In: K. Mijatev (Hg.), Carevgrad Tarnov 1 [Sofija 1973 ] 295, Abb. 40; Abb. 6: nach einer Kalenderillustration © Archäologisches Museum Sandanski