Grabrecht und Grabschutz I:

Mysien — Troas — Ionien — Karien


Ergebnisbericht

Die Westküste Kleinasiens, also Mysien und die Troas, Ionien und Karien, bildete den geographischen Rahmen für das erste Projekt zum Grabrecht und Grabschutz. Ich habe bewusst für den Anfang diejenigen Landschaften ausgesucht, in denen die klassische griechische Polis die typische Organisationsform war, obwohl von Anfang an klar war, dass der Ursprung der Verbote und Strafen zum Grabschutz in Lykien lag. Während der Arbeiten an meiner Habilitationsschrift habe ich Quellen zum öffentlichen Recht und zur Verwaltung in den griechischen Poleis unter römischer Herrschaft gesammelt und analysiert. Darunter waren zahlreiche Texte aus der römischen Provinz Asia, daher waren die Rahmenbedingungen für das zu untersuchende System des Grabschutzes bereits analysiert und aufgearbeitet. Rund 1000 Texte, die Informationen zum Grabrecht oder Grabschutz im weitesten Sinne enthalten, wurden in unsere Datenbank aufgenommen, die folgende Karte zeigt die geographische Verbreitung der Texte. Karte

Die Relation der Texte mit „rechtshistorisch relevantem Inhalt“ zu den erhaltenen Grabinschriften bewegt sich zwischen 15 und 25 % in den nördlichen Untersuchungsgebieten und zwischen 25 und 50 % in Karien. Dies zeigt deutlich, dass das Phänomen im Süden weiter verbreitet ist, was auf den eingangs erwähnten Ursprung der Vorschriften im hellenistischen Lykien zurückzuführen ist. Ein erster Überblick über die relevanten Texte aus Südwestkleinasien hat ergeben, dass der Anteil in Lykien, Pisidien und Pamphylien durchaus noch höher wird. Aus Aphrodisias, Ephesos, Smyrna, Milet und Kyzikos stammen jeweils genügend Texte, um eine differenziertere Darstellung der lokalen Muster zu erlauben. In der Abschlusspublikation wird diesen Städten daher jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet werden. Darüberhinaus wurden bereits Studien zu Milet und Ephesos sowie einigen Aspekten der smyrnäischen Texte publiziert (siehe am Ende des Berichts).

Die ersten Beispiele für Verbote und Strafen auf Grabinschriften, die so typisch für das späthellenistische Lykien sind, datieren in Westkleinasien in das 1. Jh. n. Chr., einen deutlichen Höhepunkt erreicht das Phänomen im späten 2. und 3. Jh. n. Chr. Die Texte, die wir in unsere Datenbank aufnahmen, enthalten Informationen zu einer oder mehreren der folgenden Kategorien: Graberwerb und Grabbesitz; Berechtigung zur Bestattung; verschiedene Verbote und Sanktionen; Empfänger der Strafzahlungen und die Eintreibung der Gelder; zusätzliche Strafverfolgung. Diese Kategorien konnten zwei großen Bereichen des Grabrechts zugeordnet werden: dem Erwerb einer Grabstätte sowie dem Schutz derselben durch Verbote und Sanktionen, die vom Grabherrn bestimmt wurden.

Erwerb eines Grabgrundes oder eines Grabes

Viele Grabtexte beginnen mit den Worten „Dies ist das Grab des ...“ oder einfach „Grab des ...“ und sollen damit erläutern, das die Grabstätte demjenigen, der sie einrichtete, „gehörte“. Dies wird normalerweise in der üblichen Kombination von εἶναι mit dem Genitivus possesivus ausgedrückt und kann nicht als Beleg für das tatsächliche Eigentum am Grab gesehen werden. Die Phrase wird ebenso umgangssprachlich verwendet, wie der entsprechende deutsche Ausdruck oder auch das englische „to belong to ...“. Dennoch enthalten die Grabinschriften durchaus Informationen zum Eigentum, vor allem dort, wo ein Eigentumsübergang von einer Privatperson zu einer anderen, oder von der Polis zu einer Privatperson stattfand. In Smyrna bezeugen 28 der 124 Texte in unserer Studie (bei insgesamt ca. 560 Grabinschriften) explizit den Kauf des Grabes durch die Person, die in weiterer Folge die Bedingungen für seine Nutzung festsetzte. Eine ähnliche Relation ist auch in Herakleia Salbake zu finden (6 von 20 Texten in unserer Datenbank). Auf der anderen Seite gibt es in Ephesos keine einzige derartige Bestätigung, auch wenn wir von dort 276 Texte mit rechtlich relevantem Inhalt haben. Natürlich werden Gräber auch in Ephesos ge- und verkauft worden sein (und das Veräußerungsverbot bestätigt diese Annahme), aber der ursprüngliche Erwerb war nicht so wichtig, als dass er in der Grabinschrift selbst Erwähnung finden musste.

Abgesehen vom Kauf bot eine Erbschaft eine weitere Möglichkeit des originären — in diesem Fall entgeltlosen — Eigentumserwerbs. Erneut konnten nicht viele positive Hinweise darauf gefunden werden (mit der Ausnahme einiger Texte aus Smyrna und Aphrodisias). Wiederum ist es ein Verbot, das eingehendere Untersuchungen erlaubt. Aus dem römischen Recht wurde die Bestimmung HMHNS (hoc monumentum heredem non sequebit) übernommen und in vielen Fällen wortwörtlich ins Griechische übersetzt (v.a. in Ephesos). Der Ausschluss eines Grabes aus der Erbmasse musste demnach eigens geregelt werden und wurde auch auf der Grabinschrift selbst vermerkt, der Normalfall scheint das Familiengrab gewesen zu sein, das automatisch auf die Erben überging.

Zu den Möglichkeiten, das Recht auf Bestattung legal zu erwerben, gehört auch die synchoresis, die vom Eigentümer des Grabes anderen Personen erteilt werden konnte. Dieses Zugeständnis übertrug zwar nicht das Eigentum, sondern lediglich das Recht der Nutzung des Grabes, kann aber doch als ein wichtiges Instrument im Grabrecht angesehen werden. Die Übertragung erfolgte regelmäßig schriftlich, in vielen Fällen unter Beiziehung der lokalen Archive. An keiner Stelle wurde ein Hinweis auf ein Entgelt für die synchoresis gefunden, die sowohl Familienmitgliedern, als auch Personen außerhalb des Familienkreises erteilt werden konnte. Grundsätzlich gab es zwei verschiedene Typen: Das Grabrecht konnte einerseits nur derjenigen Person oder denjenigen Personen selbst übertragen werden, die in der Urkunde genannt wurden, oder andererseits diese Personen dazu berechtigen, das Grabrecht selbst weitergeben zu können, in einigen Fällen an jedermann, den sie dazu vorsehen wollten. Die synchoresis als Rechtsgeschäft ist ein typisch karisches Phänomen, und gerade in den Grabinschriften aus Aphrodisias wird vielfach gleich am Anfang des Textes bestätigt, dass der Grabherr das Recht zur Nutzung der Grabstätte von einem Mitbürger übertragen bekommen hatte. In Ionien andererseits tritt sie selten auf, nur wenige Beispiele aus Smyrna (2), Teos (2) und Ephesos (8) sind bekannt. Dennoch stammt gerade aus Ephesos einer der interessantesten Texte zu diesem Rechtsgeschäft, ein Brief, in dem Claudia Antonia Tatiane ihrem Bruder das Recht überträgt, seine Frau in ihrem Heroon zu bestatten (IEph 2121). Der Brief ist subjektiv, in der ersten Person, formuliert und nennt auch Zeugen für die Erstellung der Urkunde. Wir nehmen an, dass ein derartiges Dokument die Basis jeder synchoresis bildete und zahlreiche Inschriften zeigen, dass die lokalen Archive bei der Ausstellung des Dokuments eine Rolle spielten.

Die Inschriften, die wir im Rahmen unseres Projektes untersuchten, zeigen, dass die größte Furcht der Grabinhaber diejenige vor missbräuchlicher Verwendung der Grabstätte durch Familienmitglieder oder Fremde war. Daher wird in den meisten Inschriften explizit ausgeführt, wem es gestattet sein sollte, das Grab zu benutzen und wem nicht. „Positivlisten“, die ausführten, wem Zugang zur Grabstätte gewährt wurde und wem nicht konnte einerseits jeden einzelnen Berechtigten namentlich aufführen, oder andererseits mit allgemeinen Vermerken „meinen Kindern und meinen Nachfahren“ den Personenkreis festlegen, ohne sich auf eine Zahl oder Identität der Familienmitglieder festzulegen. Die zuletzt erwähnte Möglichkeit war typisch für die Einrichtung von Familiengräbern, die in weiterer Folge den erbrechtlichen Bestimmungen der einzelnen Städte unterlagen. Wie bereits angeführt erfolgte relativ häufig auch die Berechtigung einzelner Familienmitglieder dazu, über das Grab nach ihrem Gutdünken zu verfügen — mit Ausnahme der Veräußerung des Grabes. Die Tatsache, dass derartige Listen als endgültig angesehen wurden, wenn sie einmal im Archiv hinterlegt oder am Grab als Inschrift aufgestellt waren, belegen Texte, in denen sich die Grabherren selbst das Recht vorbehielten, auch nach der Einrichtung des Grabes ihre Wünsche zu ändern und neue Berechtigungen zu erteilen. Von ebenso großem Interesse waren für uns Texte, in denen das Zugeständnis einer Bestattung wieder zurückgezogen wurde. Normalerweise ist dieser Vorgang an den Rasuren auf der Inschrift zu erkennen, die einen oder mehrere Namen aus der Liste der Berechtigten tilgten. Neben der Information für die Öffentlichkeit, dass bestimmte Kinder oder Enkel nicht mehr in das Grab zugelassen waren, können diese Inschriften durchaus als private Beispiele einer damnatio memoriae angesehen werden und erlauben einen Einblick in die Familienstrukturen.

Verbote

Neben den Berechtigungen und Beschränkungen der Verwendung eines Grabes wurden auch regelmäßig Verbote, die durch Sanktionen gesichert wurden, in den Grabinschriften gefunden. Die beiden typischen Kategorien in Westkleinasien sind dabei das Verbot der unberechtigten Bestattung und das Veräußerungsverbot. Beide zielen darauf ab, das Eigentum oder den Besitz am Grab zu schützen und richten sich nicht so sehr gegen zufällig vorbeikommende Fremde sondern gegen die Familie und die Erben des Grabherrn. Vor allem das Verbot der unberechtigten Bestattung, das als Ergänzung zu den Bestimmungen über die Belegung des Grabes aufgefasst werden muss, lässt deutlich allgemein übliche Züge und lokale Varianten erkennen. Zunächst ist es in denjenigen Städten Westkleinasiens, aus denen Grabinschriften mit rechtlich relevante Inhalt erhalten sind, üblich, dieses Verbot unter die Vorschriften für das neu einzurichtende Grab aufzunehmen. Andererseits unterscheidet sich die Formulierung des Verbotes deutlich von Stadt zu Stadt. Dabei herrschen in einigen Städten starke Traditionen vor und einheitliche Formulierungen zeigen deutlich einen bestimmten epigraphic habit, typische Beispiele hierfür sind Aphrodisias und Herakleia Salbake. In anderen Städten wiederum, vor allem in den Metropolen Ioniens, Smyrna und Ephesos, können für ein Verbot viele verschiedene  Formulierungen ausgemacht werden. Meine Studien zu den zahlreich erhaltenen Grabtexten aus Ephesos haben gezeigt, dass Einflüsse aus umliegenden und auch weiter entfernten Gebieten auf die Abfassung der einzelnen Verbote ausgemacht werden können. So wird Ephesos seinem Ruf als Schmelztiegel im kaiserzeitlichen Ionien auch in diesem Aspekt des öffentlichen Lebens gerecht.

Andere Vorschriften, die mit der missbräuchlichen Verwendung durchaus in Verbindung stehen, zeigen unter anderem die Furcht der Grabherren davor, dass ein Leichnam wieder aus dem Grab entfernt werden konnte. Das entsprechende Verbot ist Standard in Aphrodisias, in den anderen Städten findet es sich selten. Einige wenige Beispiele stammen aus Ephesos und interessanterweise Athen. Verschiedene Texte verbieten jegliche Öffnung des Grabes oder das Anheben oder Verschieben eines Sarkophag-deckels und schützen so das Grab vor jedem Eindringen. Entgegen den üblichen Annahmen belegen die entsprechenden Texte aus Kyzikos, Herakleia Salbake und Apollonia Salbake den Ursprung dieses Verbotes in der Furcht vor ungewünschte Bestattungen. Mit Strafen werden nicht nur die Tat, sondern bereits ihre Planung bedroht, zusätzlich sollen die Handwerker, die eventuell zur Ausführung angestellt werden, ebenfalls bestraft werden.

An zweiter Stelle steht das Veräußerungsverbot, für das in Bezug auf die verwendeten Termini das gleiche gilt, wie für das eben behandelte Verbot der unberechtigten Bestattung. Wiederum bietet Ephesos die meisten verschiedenen Varianten, indem neben dem Verkauf auch alle anderen Formen der Veräußerung verboten werden. Unter diesen „anderen Formen“ wird man auch die synchoresis verstanden haben, die in einigen anderen Städten explizit neben dem Verkauf ausgeschlossen wird. Normalerweise ist nur für den Verkäufer des Grabes eine Bestrafung vorgesehen, aber in manchen Fällen werden auch potentielle Käufer vor einem Verstoß gegen die Vorschriften des Grabherrn bereits auf der Grabinschrift gewarnt. In Smyrna wird zudem auf die Ungültigkeit jedes Kaufes, der entgegen den Willen des Grabherrn stattfand, hingewiesen. In denjenigen Städten, in denen keine positiven Informationen zum Kauf in die Grabinschriften aufgenommen wurden, bieten diese Klauseln die einzigen Quellen zur Eigentumsübertragung. 

Sanktionen und zusätzliche Strafverfolgung

Obwohl Flüche in Westkleinasien auch in der Kaiserzeit noch Grabstätten schützen sollen, ist die typische Sanktion, die in den Inschriften gefunden wird, die Geldstrafe. Üblicherweise wird im Detail festgehalten, wie viel an wen zu zahlen war. Die Strafsummen bewegen sich zwischen 1000 und 50000 Denaren, wobei 2500 und 5000 Denare am häufigsten begegnen (einige wenige Texte nennen auch Summen unter 1000 Denaren). Wiederum kann festgehalten werden, dass diese Art des Grabschutzes überall im Untersuchungsgebiet Verwendung fand, aber die Empfänger der Strafen typischerweise lokalen Traditionen entsprachen. Zumeist wird der römische fiscus begünstigt, vor allem in Ephesos, wo der Statthalter residierte, zusätzlich erhielt oft die Stadt oder eine ihrer Einrichtungen die gleiche Strafsumme. Andererseits wurde in Städten wie Smyrna und Milet normalerweise der Polis oder einem lokalen Heiligtum mehr Geld zugedacht, als der römischen Kasse. Das ephesische Hinterland zeigt eine Besonderheit: Obwohl städtische Einrichtungen in Ephesos selbst normalerweise nicht bedacht werden, sind sie doch regelmäßig Empfänger von Strafgeldern in den Siedlungen rund um Ephesos. Diese ursprünglichen Dorfgemeinschaften hatten sich in römischer Zeit zu kleinen Städten entwickelt, die eigene Verwaltungsstrukturen und in manchen Fällen auch eigene Münzen hatten. Trotzdem muss ihre Bevölkerung klein genug gewesen sein, sodass Grabherrn hofften, dass die möglichen Einkünfte aus Strafgeldern ihre Mitbürger zur Wachsamkeit anregen würden. In manchen anderen ionischen und karischen Städten werden regelmäßig lokale Heiligtümer als Empfänger der Strafsummen eingesetzt, so etwa das Heiligtum des Apollon Klarios in Kolophon, der Meter Sipylene (regelmäßig der einzige Empfänger) in Smyrna, oder Aphrodite in Aphrodisias und Artemis Kindya in Bargylia. In diesen kann wird man davon ausgehen, dass die Eintreibung der Strafgelder durch die Finanzverwaltung des Heiligtums erfolgte.

Interessanterweise wird der Grabraub (tymborychia) nie als eine der möglichen Taten in den zahlreichen Verboten angeführt, obwohl oft auf ihn verwiesen wird. Dies geschieht jeweils in einem Verweis auf zusätzliche Strafverfolgung. Wer auch immer die Verbote übertrat, musste nicht nur eine Geldstrafe zahlen, sondern wurde auch wegen tymborychia angeklagt. Nun ist zwar der Verkauf eines Grabmals gegen den ausdrücklichen Wunsch des verstorbenen Grabherrn oder eine unberechtigte Bestattung nicht im eigentlichen Tatbestand der tymborychia erfasst, konnte aber auf Wunsch des Grabherrn unter diesen subsumiert werden. Die Möglichkeit der Einleitung eines Strafverfahrens nach den städtischen Gesetzen verschärfte die Drohung des Grabherrn erheblich.

Beispiele für diese Vorgehensweise stammen unter anderem aus Didyma, Milet und regelmäßig aus Aphrodisias. Ein öffentliches Verfahren wegen tymborychia konnte normalerweise von jedermann eingeleitet werden, der im Besitze seiner bürgerlichen Rechte war und dies wollte. Üblicherweise musste dieser boulomenos dann auch als Kläger in dem Verfahren auftreten. Allerdings wissen wir weder, welcher Verfahrenstyp zur Anwendung kam, noch wer die Richter waren oder welche Strafen im Falle einer Verurteilung drohten. Aus dem Vergleich mit der asebeia, auf die in den Grabinschriften ebenso wie auf die tymborychia verwiesen wurde, vermuten wir aber, dass sowohl der Ausschluß aus der Sakralgemeinschaft, als auch weitere soziale Folgen bis hin zur Aberkennung der bürgerlichen Rechte (atimia) möglich waren. Wir konnten nachweisen, dass die Anwendung städtischen Strafrechts zur Absicherung der vorher angeführten Verbote der Grabherren nicht selbstverständlich war, sondern erst durch Subsumption unter einen bekannten Tatbestand erreicht wurde. Damit wird der Polis eine Rolle in der ansonsten privaten und freiwilligen Anwendung von Verboten und Sanktionen zugewiesen. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die Zahlungen regelmäßig an die öffentliche Hand gerichtet waren und in Kleinasien nicht als Ersatz für den geschädigten Grabherrn gesehen wurden.

Oft wird ein Anteil des eingetriebenen Geldes denjenigen Privatpersonen zugedacht, die die Übertretung anzeigten oder als freiwillige Kläger (boulomenoi) auftraten. Dieses System ist aus dem öffentlichen Recht der Poleis wohlbekannt und wird stets als Anreiz für die Bürger einer Gemeinschaft gesehen, sich an der Strafverfolgung und damit der Sicherung der öffentlichen Ordnung zu beteiligen. In Grabinschriften wird zumeist verfügt, dass zwischen 1/8 und 1/2 der Strafsumme dem boulomenos ausgezahlt werden sollen. Die Aufgaben der boulomenoi reichten von der einfachen Anzeige über das Auftreten als Kläger in einem Verfahren bis hin zur Eintreibung der Strafgelder.

Die Ergebnisse zur Strafverfolgung und zur Popularklage im Rahmen des Grabschutzes zeigen deutlich, dass der Ursprung dieses Systems in den Grabtexten aus Lykien zu finden ist, die im nunmehr beantragten Projekt untersucht werden sollen. Dennoch wird es — unter Verweisen auf die späthellenistischen Texte Südwestkleinasiens — bereits in der Monographie zu Ionien und Karien im Detail vorgestellt werden.