Bankett und Grab


FWF-Projekt P 20953-G02; Projektbeginn: 1. Februar 2009

Projektleitung: P. Amann (Antragstellerin, Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien), P. Ruggendorfer (nationaler Kooperationspartner, Institut für Kulturgeschichte der Antike)                                                      

BearbeiterInnen: Chr. Eder (Institut für Altorientalische Philologie und Vorderasiatische Altertumskunde der Universität Münster), T. Mitterlechner (Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien), A. Nordmeyer, E. Rehm (Institut für Altorientalische Philologie und Vorderasiatische Altertumskunde der Universität Münster)


In der antiken Welt spielten Abschiedsrituale nach dem Tod eines Menschen, Riten am Grab, Totenkult und Erinnerungspflege eine wichtige Rolle, wobei jede Kulturgruppe ihre eigenen spezifischen Vorgangsweisen und Traditionen entwickelte, die nicht selten einen wichtigen Faktor in der kulturellen Definition der jeweiligen Gruppe darstellen. Die Untersuchung der im Sepulkralbereich vertretenen bzw. im funerären Zusammenhang entwickelten Bildthemata ist daher ein zentrales Aufgabengebiet der Altertumswissenschaften. Nach Auskunft des ikonographischen Quellenmaterials scheint besonders dem Motiv des Bankettierens, d.h. des feierlichen Speisens und/oder Trinkens einer oder mehrerer Personen, in vielen Gebieten der antiken Welt eine vorrangige Bedeutung im sepulkralen Kontext zugekommen zu sein.

Das Projekt hat die umfassende und nach Landschaften gegliederte Untersuchung aller im funerären Zusammenhang stehender Bankett- und Gelageszenen im italischen, griechischen und klein- bzw. vorderasiatischen Raum im 1. Jt. v. Chr. (Schwerpunkt 8./7.-3. Jh. v. Chr.) zum Inhalt. Ausgangspunkt für die Projektidee war die Existenz auffallender Ähnlichkeiten in der ikonographischen Ausschmückung von Grabmonumenten in weit voneinander entfernten Bereichen der antiken Welt, besonders zwischen dem kleinasiatischen Raum und Etrurien. Der geographische Bogen der Untersuchung ist daher weit gefaßt und spannt sich von der italischen Halbinsel im Westen (Bearbeiterinnen P. Amann, T. Mitterlechner) über das griechische Mutterland und die Inselwelt bis nach Kleinasien. Um einen vollständigen Überblick zu gewinnen, ursprüngliche Konzeptionen des Bildthemas und mögliche Entwicklungslinien verfolgen zu können, muß aber auch der vorderasiatisch-levantinische Raum im späten 2. und 1. Jt. v. Chr. in die Untersuchungen miteingebunden werden (Bearbeiterin E. Rehm). Flankierend sind die entsprechenden Befunde in Ägypten (v. a. in der 'Saitischen Renaissance' ab der 25. Dynastie - Bearbeiter Chr. Eder) und der karthagische Einflußbereich im zentralen und westlichen Mittelmeerraum zu berücksichtigen.

Dabei ist das eigentliche Ziel des Projekts der überregionale, gesamtmittelmeerische Vergleich der nach einheitlichen, klar definierten Prämissen ausgewerteten Evidenzen - ein Vorhaben, das sicher einiges zum überregionalen Verständnis der einzelnen rund um das Mittelmeer angesiedelten Kulturen beitragen kann.


Griechisch-kleinasiatischer Raum: die am Institut für Kulturgeschichte der Antike angesiedelten Aufgabenbereiche

BearbeiterInnen: A. Nordmeyer, P. Ruggendorfer

Während die homerischen Epen für die Griechen noch das Speisen im Sitzen überliefern, zeigen zwei Bronzeblechfragmente aus der Idäischen Grotte auf Kreta mit der Darstellung von Klinenmöbeln aus dem 8. Jh. v. Chr., dass die neue Sitte des Lagerns von der lokalen kretischen Aristokratie schon früh übernommen wurde und ab dem 7. Jh. scheinbar auch im restlichen Griechenland weit verbreitet war (belegt vor allem in der korinthischen Vasenmalerei). Wo der Brauch, beim Bankett bzw. Trinkgelage zu liegen jedoch seinen Ursprung hat, dazu gibt es in der Forschung verschiedene Ansätze. Fehr versuchte diese Neuerung auf nomadische Bräuche der iranischen Reitervölker (Meder, Perser und Skythen) an den Grenzen des assyrischen Reiches zurückzuführen, die dann durch die Assyrer in den höfischen, luxusbetonten Bereich übernommen wurden und über Lyder und Ionier schließlich ihren Weg zu den mutterländischen Griechen fanden. Für Dentzer hingegen liegt der Ursprung des Brauches im nordsyrisch-phönizischen Raum.

Im Hinblick auf den sepulkralen Kontext der Darstellungen in der griechischen Kunst kamen besonders die sog. attischen Totenmahlreliefs schon früh in den Blickpunkt des Interesses: Unterschied die ältere Forschung nicht zwischen Votiv- und Sepulkralfunktion und ging noch vom sepulkralen Charakter fast aller Reliefs aus, so gelangte man in jüngerer Zeit zu einer weitaus differenzierteren Auffassung. Dies geschah unter Berücksichtigung der vereinzelten Inschriften, die erstmals von Thönges-Stringaris in die Interpretation einbezogen wurden, der Attribute des Gelagerten, der Realien und der Nebenmotive sowie der (seltenen) Herkunftsangaben. Demnach handelt es sich bei den breitformatigen attischen Bankettszenen des späten 5. und 4. Jhs. v. Chr. um Weihreliefs für einen Heros (in seltenen Fällen auch für eine Gottheit), die in ihrer Funktion von jenen "Totenmahldarstellungen" zu trennen sind, welche in Attika ab der zweiten Hälfte des 4. Jhs. v. Chr., reduziert um die Heroenattribute wie z.B. Polos, 'emblematischer' Pferdekopf und Schlange, auch im sepulkralen Kontext auf einfachen Bildfeldstelen erscheinen.

Im Vergleich mit den anderen griechischen Landschaften ist die attische Serie der Bankettreliefs (die gegen Ende des 4. Jhs.v.Chr. ausläuft) quantitativ dominierend. Ab dem 4. Jh. v. Chr. verbreitet sich der Typ des Bankettreliefs im gesamten griechischen Raum: Böotien, Sparta, Korinth, Tegea (das vor allem technisch, aber auch typologisch eigene Wege geht), Korfu, Thasos, Delos, Kos. Funeräre Funktion ist nur in wenigen Fällen eindeutig nachzuweisen. Allerdings stammt das älteste griechische Grabrelief mit einem Gelagerten beim Mahl bezeichnenderweise nicht aus Attika, sondern findet sich auf der böotischen Saugenes-Stele aus Tanagra, die dem späten 5. Jh.v.Chr. angehört und einen sehr eigenwilligen Typ widergibt. Der überwiegende Teil der aus Boötien bekannten Reliefs mit Bankettszenen ist aber dem Votivbereich zuzuweisen.

Eine gewisse Bedeutung kommt dem Motiv des Lagerns und Bankettierens ab dem 4. Jh. v. Chr. auch in der Grabmalerei des makedonischen und thrakischen Raumes zu. Beispiele hierfür sind etwa das "makedonische" Grab III in Agios Athanasios, das Palmetten-Grab in Mieza/Lefkadia oder das bekannte Grab von Kazanlak in Thrakien.

Einen weiteren bedeutenden Überlieferungsstrang des Bildthemas bilden die westkleinasiatischen Monumente. Es ist dies eine an Kulturkontakten und reziproken Einflüssen reiche Region, in der griechische Einwanderer, einheimisch-westkleinasiatische Völkerschaften und zeitweise persische Oberhoheit nebeneinander existierten. Zwar werden sowohl jene älteren Darstellungen an den Stockwerk- und Registerstelen der graeco-persischen Oberschicht im Umkreis der Satrapensitze in Sardeis und Daskyleion als auch die Szenen in den Friesen und Reliefs der lykischen Grabmonumente von Dentzer treffend vor dem Hintergrund des höfisch-aristokratischen Kontextes einer kleinasiatischen Adelsgesellschaft erschloßen, doch bilden z.B. die Bankettdarstellungen in der lykischen Sepulkralkunst, bei denen meist das Speisemobiliar fehlt und es sich daher eigentlich um Trinkgelage handelt, keine homogene Denkmälergruppe. Dies verdeutlicht in der Serie der jüngeren Monumente aus den Jahren 420 bis 300 v. Chr. die unterschiedliche ikonographische Gestaltung der kollektiven Bankette: Darstellungen mit meist mehreren aneinandergereihten Klinen mit jeweils zwei Gelagerten und einer beträchtlichen Anzahl an Dienern und Mundschenken (so z.B. am Nereidenmonument, auf den Sarkophagen in Xanthos oder am Heroon von Trysa) stehen im familiären Bereich angesiedelten Banketten gegenüber, in deren ebenfalls vielfigurigen Darstellungen Frauen, mehrere Kinder, weitere Nebenfiguren und Hunde eingebunden sind (so z.B. das Felsfassadengrab Nr. 53 in der Nekropole II von Limyra und das Salas-Monument in Kadyanda). Die unterschiedliche Konnotation der Darstellungen ist evident, doch bei Dentzer bildtypologisch nicht hinreichend geschieden und auch nicht auf den gesellschafts-politischen Hintergrund und die Intention des Grabherrn hin analysiert.

Für die hellenistische Zeit lieferte Fabricius mit ihrer grundlegenden Bearbeitung der "Totenmahlreliefs" in den östlichen Griechenstädten Samos, Rhodos, Byzantion und Kyzikos, die über unterschiedliche ikonographische Akzentuierung des Bildschemas die gesellschaftlich determinierten Wertvorstellungen der Einwohner sowie die rechtlichen und ökonomischen Strukturen der jeweiligen Stadt widerspiegeln, eine wichtige themenrelevante Untersuchung.

Die Aktualität des Bankettmotivs im Sepulkralbereich bleibt jedoch weit über die hellenistische Zeit hinaus bis in die christliche Katakombenmalerei Roms evident und reicht somit auch lange über den zeitlichen Rahmen des geplanten Forschungsprojektes hinaus.

Abbildungsnachweis:

Abb1: Mus. Istanbul Inv. Nr. 1947 (nach Thönges-Stringaris, Das griechische Totenmahl, AM 80, 1965, Beil. 5); Abb. 2: Mus. Istanbul Inv. Nr. 367 (nach I. Kleemann, Der Satrapensarkophag aus Sidon, IstForsch 20 (1958) Taf. 4); Abb. 3: Nat. Mus. Athen Inv. Nr. 1501 (nach N. Thönges-Stringaris, Das griechische Totenmahl, AM 80, 1965, Beil 7,2); Abb. 4: Nat. Mus. Athen Inv. Nr. 3873 (nach J.-M. Dentzer, Le motif du banquet couché dans le Proche-Orient et le monde grec du VIIe au IVe siècle avant J.-C. (Rom 1982) Taf. 76 Fig. 453); Nat. Mus. Athen Inv. Nr. 997 (nach A. Scholl, Die attischen Bildfeldstelen des 4. Jhs. v. Chr. Untersuchungen zu den kleinformatigen Grabreliefs im spätklassischen Athen, AM Beih. 17 [Berlin 1996] Taf. 18, 12); Abb. 6: (nach M. Tsimbidou Avloniti, Revealing a painted Macedonian tomb near Thessaloniki, in: A. Pontrandolfo (Hrsg.), La pitturale parietale in Macedonia e Magna Grecia, Atti del Convegno internazionale di studi in ricordo di Mario Napoli, Salerno/Paestum, 21.-23.11.1996 (Paestum 2002) Taf. 7, 1; Abb. 7: Arch. Mus. Istanbul Inv. Nr. 1502 (nach J.  Fabricius, Die hellenistischen Totenmahlreliefs. Grabrepräsentation und Wertvorstellungen in ostgriechischen Städten (München 1999) Abb. 7; Abb. 8: London Brit. Mus. (J.-M. Dentzer, Le motif du banquet couché dans le Proche-Orient et le monde grec du VIIe au IVe siècle avant J.-C. (Rom 1982) Taf. 53 Fig. 292).


Etruskisch-italischer Raum: die am Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien) angesiedelten Aufgabenbereiche

 

Bearbeiterinnen:P. AmannT. Mitterlechner