Rechtsleben des griechisch-römischen Ägypten und Papyrologie


Während der Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Kulturraum der klassischen Antike zwischen der Inbesitznahme des Landes durch Alexander den Großen (332 v.Chr.) und der Eroberung durch die Araber 641 n.Chr. wechselten sich auf dem Boden der alten pharonischen Hochkultur Ägyptens vier verschiedene Kulturen und Staatsformen ab. Am Anfang stand das in der Nachfolge Alexanders d. Gr. von der Dynastie der Ptolemäer begründete hellenistische Königreich. Nach der Niederlage von dessen letzter Herrscherin, der berühmten Königin Kleopatra VII, die als Verbündete des römischen Feldherrn Marcus Antonius gegen Octavian (den späteren ersten römischen Kaiser Augustus) im römischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, wurde das Land im Jahre 30 v.Chr. zur römischen Provinz und damit Teil des Imperium Romanum der Kaiserzeit. Mit der sich allmählich etablierenden Teilung in ein westliches und ein östliches Reich seit dem Ende des 4. Jh. bzw. nach dem endgültigen Zusammenbruch des weströmischen Reiches am Ende des 5. Jh. wurde Ägypten Teil des östlichen bzw. byzantinischen Kaiserreiches von Konstantinopel, bis schließlich im Jahre 641 die arabischen Muslime die Herrschaft über das Land übernahmen. 

Neben den literarischen Quellen und den Inschriften sind die auf Papyrus überlieferten dokumentarischen Texte aus Ägypten von eminenter Bedeutung für die antike Rechtsgeschichte. Während des „Griechischen Jahrtausends am Nil“ war in Ägypten das Griechische Amts- und Verkehrssprache. Begünstigt durch das trockene Wüstenklima haben sich viele Zehntausende auf Papyrus (dem aus den Stengeln der Papyruspflanze hergestellten Beschreibstoff) geschriebene Urkunden und schriftliche Zeugnisse des Alltagslebens erhalten, die in den anderen Gegenden der Alten Welt, in welchen Papyrus als Beschreibstoff ebenfalls verbreitet war, bis auf wenige Ausnahmen, infolge der ungünstigen Klima- und Bodenverhältnisse zumeist verloren sind. 

Die auf Papyri und Ostraka (Tonscherben) überlieferten Zeugnisse reichen von Privat- und Geschäftsbriefen mit alltäglichen Mitteilungen oder einfachen Steuerquittungen sowie oft umfangreicher Verwaltungskorrespondenz bis hin zu Edikten und Erlassen von ptolemäischen Königen, römischen Kaisern und ihren Statthaltern sowie arabischen Gouverneuren und sind von großer Bedeutung für die Sozial-, Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte. Aber natürlich sind sie ebenso sehr Informationsquelle für die Rechtsgeschichte. In besonderem Maße gilt dies für die zahlreichen Zeugnisse für die diversen Vertragstypen (Kauf-, Miet-, Pacht-, Arbeitsverträge etc.), in denen sich die privaten Rechtsverhältnisse manifestieren. 

Anknüpfend an die überaus erfolgreiche papyrologische Arbeit in der Vergangenheit wird sich die Arbeitsgruppe auch in Zukunft der Edition und der Kommentierung solcher dokumentarischer Zeugnisse widmen. Aufgrund des Kooperationsvertrages zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB), welche eine der weltweit größten Papyrussammlungen beherbergt, bestehen hierfür außerordentlich günstige Voraussetzungen, da dadurch für die in der Papyrologie tätigen Mitarbeiter der Arbeitsgruppe der Zugang zu unpublizierten Beständen der Sammlung gesichert ist. Die Editionen werden sowohl in der Reihe „Papyrologica Vindobonensia“ als auch in der von der ÖNB herausgegebenen Reihe „Corpus Papyrororum Raineri“ (CPR) publiziert.