10/03/2018

GRÜSS GOTT, SERVAS, PFIAT DI!

Dialekte halten sich weiterhin wacker, sagt die Sprachwissenschaftlerin Alexandra N. Lenz. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Manfred Glauninger erforscht sie „Variation und Wandel des Deutschen in Österreich“. Warum im Alltag, in der Werbung oder der Popmusik gerne Dialekt verwendet wird, erklären die beiden ÖAW-Wissenschaftler/innen im Interview.

Fragt man Österreicher/innen nach ihrer Muttersprache, antworten die wenigsten mit: „Deutsch“ – vielmehr spricht man Steirisch, Wienerisch, Tirolerisch oder Kärntnerisch. Und selbst innerhalb der Regionalsprachen gibt es eine bunte Vielfalt an Mundarten. Denn: Dialekte sind gelebte Sprachkultur. Lange Zeit als „hinterwäldlerisch“ verschrien und durch das überregionale, „hochdeutsche“ Fernsehen weitgehend ignoriert, erleben Dialekte als regionales Kulturgut heute ein Comeback, und zwar nicht nur im Alltag, sondern auch in Popmusik, Werbung oder der Sprache von Politiker/innen.

Die Vielfalt und der Wandel österreichischer Varietäten – damit sind in der Fachsprache Mundarten, Umgangssprachen und Hochdeutsch gemeint – interessiert auch Alexandra N. Lenz und Manfred Glauninger vom Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Wie und warum macht man in Österreich von verschiedenen Varietäten des Deutschen Gebrauch? Welche Assoziationen und Wertungen rufen Dialekte, Umgangssprachen- und Standardvarietäten bei den Sprecher/innen hervor? Zu diesen Fragen wollen die Variationslinguistin Lenz und der Soziolinguist Glauninger im Spezialforschungsbereich „Deutsch in Österreich. Variation – Kontakt – Perzeption“ – einem vom FWF finanzierten Gemeinschaftsprojekt mehrerer Universitäten und der ÖAW – Antworten finden.

Frau Lenz, stirbt der Dialekt aus?

Alexandra N. Lenz: Die Befürchtung, dass Dialekte aussterben, ist eine alte Befürchtung, die uns seit Jahrhunderten begleitet. Dennoch können wir gerade in Österreich eine relative Stabilität der Dialekte feststellen, besonders in ländlichen Räumen. Diese Stabilität zeigt sich in einer großen Zahl – auch jüngerer – Dialektsprecher/innen. Das entscheidende Moment sind sicher die Einstellungen, die gegenüber Dialekten herrschen, die Bewertungen, mit denen sie versehen sind. In Österreich hat der Dialekt nach wie vor ein relativ hohes Prestige.

„In Österreich hat der Dialekt nach wie vor ein relativ hohes Prestige“

Manfred Glauninger: Auch die in Österreich als „Hochdeutsch“ bezeichnete Art des Sprechens hat nach wie vor charakteristisch „österreichische“ Merkmale. Wenn man Wiener Kinder „hochdeutsch“ reden hört, fällt einem sofort auf, dass sie statt dem „ei“ ein „ää“ sagen und statt „au“ fast „oo“, also „hääß statt heiß oder „Hoos“ statt „Haus“. Die Furcht vor dem „Sterben“ österreichischer Sprachmerkmale oder ganz allgemein der Sprache „von früher“ hat damit zu tun, dass man den fortwährenden Wandel der Sprache und ihres Gebrauchs mit einem Verschwinden verwechselt. Vor allem die Wiener Kinder sprechen heutzutage nicht mehr den Dialekt ihrer Großeltern, weil sie ja auch nicht in der Welt von damals leben. Aber sie sprechen nach wie vor nicht wie Berliner oder Hamburger Kinder.

Warum wechseln Menschen während Gesprächen manchmal in den Dialekt?

Glauninger: Der Gebrauch des Dialekts ist mit bestimmten kommunikativen Funktionen verknüpft. Er erzeugt eine bestimmte Atmosphäre, die im Gespräch wirksam wird. Gerade dann, wenn der Dialekt in der alltäglichen Kommunikation nicht mehr durchgehend verwendet wird, kann er bedeutende andere kommunikative Funktionen erfüllen – etwa als Mittel zur Signalisierung von sozialer „Nähe“ oder auch „Ironie“.
 

„Bestimmte Produkte lassen sich mit Dialekt-Signalen besser vermarkten, zum Beispiel Bio-Lebensmittel. Auch Tourismus-Regionen setzen auf die Klischee-Vorstellungen, die der Dialekt transportiert.“

 

Darüber hinaus lassen sich bestimmte Produkte in unseren Breiten mit Dialekt-Signalen besser vermarkten, zum Beispiel Bio-Lebensmittel. Auch Tourismus-Regionen setzen auf die Klischee-Vorstellungen, die der Dialekt transportiert. Und wir erleben derzeit erneut eine Dialekt-Welle in der österreichischen Popmusik. Es gibt auch Gangsta-Rap im Dialekt – wobei die Rapper abseits ihrer Musik oft keinen Dialekt sprechen.

Gibt es Unterschiede bei der Verwendung von Standardsprache und Dialekt zwischen Mann und Frau? Verfallen Männer eher in den Dialekt als Frauen?

Glauninger: In der älteren Forschung liest man häufig, dass Frauen in der Öffentlichkeit weniger Dialekt sprechen als Männer. Man müsste dieser Frage auf Basis aktueller empirischer Daten nachgehen. Vor ein paar Wochen wurde übrigens in den Medien berichtet, dass weibliche Rock- und Pop-Musikerinnen oft nicht akzeptiert werden, wenn sie im Dialekt singen, während dies ihre männlichen Kollegen mit großem Erfolg praktizieren.

Was genau macht eigentlich Deutsch so besonders, was das Österreichische?

Lenz: Zwei berühmte Kollegen, Barbour und Stevenson, haben das Deutsche einmal als die wahrscheinlich „vielgestaltigste Sprache Europas“ eingestuft. Es gibt viele Argumente, die dafür sprechen, dass die beiden Recht haben.

„Zwei berühmte Kollegen, Barbour und Stevenson, haben das Deutsche einmal als die wahrscheinlich „vielgestaltigste Sprache Europas“ eingestuft.“

Für mich als Variationslinguistin ist gerade in Österreich die deutsche Sprache besonders facettenreich und dynamisch. In kaum einem anderen Land gibt es so viele verschiedene und immer noch lebendige Varietäten innerhalb des Deutschen, wie Dialekte, Umgangssprache, „Hochdeutsch“ oder Jugendsprache. Diese Vielfalt ist sprachgeschichtlich in einer historisch gewachsenen Mehrsprachigkeit verankert, wobei natürlich über die Jahrhunderte hinweg unterschiedliche Kontaktsprachen in Österreich dominieren.

Inwiefern hat sich die deutsche Sprache in den letzten Jahren verändert?

Glauninger: Das lässt sich pauschal schwer beantworten. Klar ist: Einschneidende politische, ökonomische und technologisch-mediale Entwicklungen haben in den letzten Jahrzehnten auch die deutschsprachigen Gesellschaften stark verändert. Nun leben wir im Internet-Zeitalter. Das Faszinierende dabei ist: Noch nie zuvor in der Geschichte haben so viele Menschen so viel gelesen und geschrieben wie heute. Vor allem junge Menschen lesen und schreiben mithilfe ihrer Smartphones praktisch ununterbrochen. Sie kommunizieren dabei in Sozialen Medien, in denen Raum und Zeit völlig relativiert werden. Diese explosionsartige Zunahme von schriftsprachlich basierter, global ausgreifender Kommunikation wird mit Sicherheit den Sprachwandel auch im deutschen Sprachraum beeinflussen. Wie, das werden wir in ein, zwei Generationen sehen.