Eva ALRAM-STERN
Im Spannungsfeld der Ägäis: Grab, Ritual und Identität im frühminoischen Kreta
Die Bewohner des frühminoischen Kreta setzten ihre Toten in Kollektivgräbern bei, für die ein zweistufiges Bestattungsritual nachweisbar ist. Neben diesen von Familienverbänden genutzten Gräbern tauchen in Frühminoisch IB in Nordkreta Gräberfelder mit Einzelbestattungen auf, die mit einer kykladischen Einflussnahme auf Kreta verbunden werden. Diese Einzelgräber ermöglichen Beobachtungen zum Charakter der Beigaben und Rituale sowie Rückschlüsse auf den Status der Beigesetzten, die Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zu den Kollektivgräbern aufweisen und so Übereinstimmungen in den Beigabensitten in beiden Grabformen erkennen lassen. Gleichzeitig sind ausschließlich mit der Region Nordkretas sowie mit den Kykladen zu verbindende kulturelle Merkmale fassbar, die annehmen lassen, dass die soziale Identität der hier Bestatteten in engem Zusammenhang mit Interaktion und Produktion im Raum der südlichen und zentralen Ägäis stand. (zum Programm)
Manfred BIETAK
Das schöne Fest vom Wüstentale
Ähnlich wie wir Abendländer, so gedachten die alten Ägypter in Theben (heute Luqsor) ihrer Toten aus Anlass eines Festes, das ursprünglich wohl kein Totenfest war. Das Kultbild des Amun wurde dabei in feierlicher Prozession aus seinem Tempel in Karnak herausgebracht und über den Nil gesetzt. Amun besuchte ursprünglich die Kultgrotte der Göttin Hathor und an diesen Ursprung des Festes erinnert noch Diodor, der berichtet, dass Zeus die Aphrodite in Libyen besucht hätte. Die Götterbidler wären mehrere Tage auf einem mit Blumen bestreuten Podest gestanden, bevor Zeus wieder nach Theben heimkehrte.
König Nebhepetre Mentuhotep (c. 2000 v. Chr.) ließ sein Grab und seinen Totentempel in diesem heiligen Thal in Theben West (heute Deir el Bahari) errichten, um auf diese Weise der Göttin nahe zu sein, die bald zur Schutzpatronin für die nunmehr entstehende Gräberwelt rings um den Talkessel wurde. Das Talfest - ursprünglich ein Besuch unter Göttern, vielleicht eine göttliche Heirat - entwickelte sich zu einem Nekropolenfest. Die Familien setzten in den Festtagen über den Nil und verbrachten die Tage in und vor den Familiengräbern, nicht nur in Beobachtung des Festgeschehens sondern auch bei fröhlichem Schmaus und Trank, woran im Geiste auch die Verstorbenen teilnahmen. Dieser Teil des Festes stand im Schutz von Hathor, "der Herrin der Trunkenheit". (zum Programm)
Alexandrine EIBNER
Das Bildprogramm auf der Situla Kuffern, Niederösterreich: Die Selbstdarstellung eines Princeps? Erläuterung zur Situla Kuffern - Beschreibung des Frieses:
Nachdem die Situla Kuffern eine späte Situla ist, bereits der Frühlatènezeit angehört, hat sie auch ein anderes Bildprogramm als die klassischen Situlen. Von diesen Motiven hat auf jeden Fall der Faustkampf Eingang gefunden, auch mit einem Zuschauer, doch in einer Form, die an die antiken Sportwettkämpfe gemahnt, da eindeutig zwei Kampfrichter mit gegabelten Stäben zu erkennen sind. Weiters scheint der thronende (Sesselfußteil ist vorgezogen und dient als Schemel) Fürst auf, dem ein Getränk angeboten wird – hier ist allerdings noch ein zweiter Mann innerhalb dieser Szene dargestellt, der mit zwei leeren Gefäßen und einem Teller (? Auftragplatte) unter dem Arm enteilt, vermutlich um Nachschub zu holen, der sich bei den Getränken in sechs wohl gefüllten Situlen hinter dem Thronenden auf einem besonders künstlerisch gestalteten Regal befindet. Als neues Motiv tritt aber jetzt zum altbekannten gymnischen Agon, dem Faustkampf, der hippische hinzu: Sowohl ein Pferderennen als auch ein Wagenrennen mit Schiedsrichter sind dargestellt. Damit erscheint jetzt ein neues Bildprogramm: Die Selbstdarstellung des Princeps, was sich beim hippischen Agon indirekt durch die aufwendige Pferdezucht und -haltung ergibt. (zum Programm)
Carola METZNER-NEBELSICK (Festvortrag)
„Rituale: identitätsstiftende Handlungskomplexe" aus der Perspektive der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie

Einleitend wird ein Überblick über potentielle, Rituale evozierende Situationen menschlicher Existenz gegeben, so beispielsweise Zeiten des Übergangs (z.B. Initiation, Heirat, Tod etc.) oder mannigfaltige Überlebensstrategien und -praktiken, die von Ritualen begleitet werden (Konflikt und Sühne; Herrschaftslegitimation und -erhaltung; Opferrituale als Zeichnen von Dank, Sühne etc.). Anschließen werden deren Nachweismöglichkeit in einem archäologischen Fundkontext – zumal in der Regel schriftloser Kulturen – diskutiert.

Besonderes Gewicht wir folgende Aspekte gelegt:

a. Deskriptiver Teil:

Todesbewältigungsstrategien mit Fallbeispielen aus der Bronze- und Eisenzeit
Opferrituale verschiedener Art und zu unterschiedlichen Zeiten an ausgewählten Beispielen

In einem zweiten interpretatorischen Teil im Sinne des Leitgedankens der Tagung werden die archäologisch rekonstruierbaren bzw. postulierbaren Mechanismen der Identitätsstiftung von Ritualen untersucht: u. a.
Gräberfelder mit langen Belegungszeiten als Teil einer rituell verankerten Erinnerungskultur; Materialopfer von Edelmetall in einem Kontext von Herrschaft und deren Erhaltung oder Materialopfer als Quelle der Identität der Dedikanden – Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnisfindung.

Größeren Raum widme ich der Frage der räumlichen Komponente ritueller Aktivitäten:
Im Zentrum steht die landschaftliche Verortung von spezifischen Ritualplätzen. In der Bronze- und verstärkt in der älteren Eisenzeit lassen sich in verschiedenen Regionen Europas erste über längere Zeit konstante räumliche Bindungen von Ritualen feststellen. Diese Bindungen reflektieren ein Traditionsbewusstsein der Ritualgemeinschaften - Tradition wird zum Ausdruck von persönlicher, vielmehr jedoch von gruppenspezifischer Identität. Für die Vorgeschichte gelingt ihr Nachweis nur über die materiellen Überreste diverser Ritualpraktiken.
Während zuweilen naturräumliche Bindungen bzw. Vorraussetzungen bestehen, wie bei der skandinavischen Felsbildkunst der Bronzezeit, lassen sich gleichfalls erste langlebige bauliche Strukturen anführen, die als Kultbauten zu beschreiben sind. Ihnen gegenüberzustellen sind ephemere Spuren ritueller Aktivitäten.
Neben diesem eher übergeordneten Verständnis von Raum und Ritual wird die innere räumliche Organisation von Ritualorten näher untersucht, wobei der performative Charakter von Ritualen im Zentrum der Betrachtung steht. (zum Programm)
Philipp SCHEIBELREITER (in Absprache mit Prof. G. Thür, Kommission
für Antike Rechtsgeschichte)
Und zur Bekräftigung der Eide versenkten sie Metallklumpen im Meer (Neue Überlegungen zu einem Ritual der Vertragsbesicherung zwischen „ewiger Bindung" und Sympathiezauber)
Anlässlich der Gründung des delisch-attischen Seebundes, die in das Jahr 478/77 v. Chr. datiert wird, ist in der Athenaion politeia (Ath. Pol. 23,5) und bei Plutarch (Plut. Arist. 25,1) ein besonderes Ritual tradiert: Zur Besicherung des Eides/Vertrages werden Metallklumpen im Meer versenkt. Die Interpretation dieser rechtssymbolischen Handlung als „symmachia eis aiei" orientierte sich lange Zeit vornehmlich an einem bei Herodot (Hdt. 1,165,1) überlieferten ähnlichen Akt und dessen Deutung. Vor dem Hintergrund antiker Rechtsvergleichung lässt sich das Versenken der Metallklumpen jedoch auch als Sympathiezauber verstehen, womit diesem singulären Akt zur Vertragsbesicherung für die erste umfassendere militärische Allianz der griechischen Antike nicht zuletzt auch Identität stiftende Funktion zugesprochen werden kann. (zum Programm)
Victoria ZIMMERL-PANAGL
Totenreden des Bischos Ambrosius und Begräbnisrituale aus dieser Zeit
Ambrosius, Bischof von Mailand, hielt im Rahmen von Begräbnisfeierlichkeiten Leichenreden (einerseits für die verstorbenen Kaiser Valentinian bzw. Theodosius, anderseits für seinen verstorbenen Bruder), die uns als die einzigen christlichen Leichenreden lateinischer Sprache erhalten sind. Sie unterscheiden sich in ihrer Zielsetzung, was u.a. auf die unterschiedliche Intention (und offensichtlich auch Sprechsituation) des Ambrosius im Rahmen der Feierlichkeiten zurückzuführen ist. Eine Auseinandersetzung mit dem Umfeld der Reden bzw. ihren spezifischen 'Problemkreisen' soll versuchen, diese in Bezug auf die mit ihnen verbundenen Rituale zu verstehen. (zum Programm)