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12.03.2008

Vertriebene Wissenschaftler

Anlässlich des 70. Jahrestags des Anschlusses gedenkt die ÖAW jener Mitglieder, die die Akademie in den Jahren 1938-41 verlassen mussten



Nach dem Anschluss am 12. März 1938 lief der Prozess der "Säuberung" und "Gleichschaltung" in der Akademie der Wissenschaften mit zeitlicher Verzögerung ab. Die im Oktober 1938 genehmigten neuen Statuten bedingten zumindest indirekt bereits den Ausschluss jener Personen, denen aufgrund der "Nürnberger Rassengesetze" als so genannte "Nichtarier" die Reichsbürgerschaft verwehrt wurde. Die Akademie wurde zunächst nicht von sich aus aktiv, sondern reagierte erst im Spätherbst 1938 aufgrund behördlicher Anordnungen von verschiedenen Ministerien.

Einerseits wurde den von den "Nürnberger Rassengesetzen" Betroffenen ein "freiwilliger" Austritt nahe gelegt. In der Gesamtsitzung am 27. Jänner 1939 wurden die bereits erfolgten Austritte der ordentlichen Mitglieder Stefan Julius Meyer, Hans Horst Meyer und Berthold Hatschek sowie der korrespondierenden Mitglieder Emil Abel, Alfred Francis Pribram, Ernst Peter Pick und Eduard Norden bekannt gegeben.

Andererseits wurden behördliche Noten und Erlässe kommentarlos zur Kenntnis genommen und ausgeführt. Den korrespondierenden Mitgliedern im Ausland Richard Willstätter und Wolfgang Josef Pauli wurde mitgeteilt, dass ihre Mitgliedschaft aufgrund der Erlässe des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung bzw. des Ministeriums für innere und kulturelle Angelegenheiten als erloschen zu gelten habe. Gleichzeitig wurde ihnen für ihre bisherige wissenschaftliche Tätigkeit gedankt. Im Frühjahr 1939 schieden auch die korrespondierenden Mitglieder Ernst Theodor v. Brücke, Josef Weninger und August O. R. v. Loehr aus. Nachweisliche Bemühungen der Akademie, einen Ausschluss zu verhindern, gab es nur bei Franz Eduard Suess. Nach einem ablehnenden Erlass des Reichsministers wurde sein Ausscheiden in der Gesamtsitzung vom 9. Februar 1940 zur Kenntnis genommen.

Im Oktober 1940 wurden aufgrund eines Erlasses des Reichsministers die ordentlichen Mitglieder Karl Walther Brecht und Hermann Franz Mark und die korrespondierenden Mitglieder Karl Bühler, Victor Franz Hess, Erwin Schrödinger, Franz Boas und Alfred Hettner, nach einem weiteren Erlass wurde im Mai 1941 Viktor Moritz Goldschmidt aus der Mitgliederliste gestrichen. Insgesamt wurden sechs ordentliche (wirkliche) Mitglieder, neun korrespondierende Mitglieder im Inland und sechs korrespondierende Mitglieder im Ausland auf diese Weise ausgeschlossen.

In der Gesamtsitzung am 22. Juni 1945 wurden die aufgrund der Rassengesetze geforderten Aufhebungen von Mitgliedschaften für ungültig erklärt und die davon betroffenen Mitglieder von diesem Beschluss benachrichtigt und eingeladen, ihre frühere Mitgliedschaft wieder anzunehmen. Einige bisherige Mitglieder, die nun ihren Wohnsitz im Ausland hatten, wurden gemäß der wieder in Kraft getretenen alten Satzung von 1921 als korrespondierende Mitglieder im Ausland weitergeführt.


Quelle:
Herbert MATIS: Zwischen Anpassung und Widerstand. Die Akademie der Wissenschaften in den Jahren 1938-1945, Wien 1997.


Mitglieder, die teils durch Austritt, teils durch Streichung 1938-1941 aus der Akademie ausgeschieden sind:
Vertriebene Wissenschaftler [PDF]


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