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Europa und Palästina 1799-1948
Religion - Politik - Gesellschaft

Workshop und Publikation der Historischen Kommission der ÖAW

Das aktuelle Weltgeschehen lenkt den Blick wieder verstärkt auf die
Geschichte der Begegnung von Okzident und Orient , auf die Beziehungen
von Europa und dem Osmanischen Reich, von Christentum und Islam. Wien
als an der Schnittstelle von West und Ost gelegene europäische Metro-
pole kam hierbei stets eine besondere Rolle zu, der hinsichtlich Pa-
lästinas mit einer hier am 17. Mai 2003 abzuhaltenden Veranstaltung
Rechnung getragen werden soll. Diese soll Historikerinnen und Histori-
kern aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien, Russland,
der Schweiz, Israel und Österreich die Möglichkeit zur Vernetzung
ihrer laufenden Forschungen bieten. Dadurch wird eine vergleichende
Diskussion historiographischer Methoden und bereits vorliegender Er-
gebnisse eines Sonderfalls europäischer Expansion und Intervention
vom napoleonischen Feldzug nach Ägypten 1798/99 bis zur Errichtung
des Staates Israel
ermöglicht. Die Ergebnisse des von der Historischen
Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften organisier-
ten Workshops (Konzeption: Barbara Haider-Wilson, Wien, und Dominique
Trimbur, Paris) sollen als Band in einer der Buchreihen der Histori-
schen Kommission publiziert werden und eine außereuropäische Blick-
richtung in deren mittelfristiges Forschungsprogramm "Imperien im
Vergleich" einbringen.

Während heute die USA in dem genannten Bezugsrahmen den bedeutendsten
Platz einnehmen, zeigt der historische Befund die besondere Verbindung
des Europa des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Palä-
stina auf. Wie Alexander Schölch einforderte, sind die europäischen
Interessen in Palästina auf zwei Ebenen zu betrachten - auf der Ebene
der Politik der europäischen Regierungen
wie auch auf der Ebene nicht-
staatlicher, gesellschaftlicher Aspirationen, Strömungen und Bewegungen
.
Die bisher vorliegenden Arbeiten konzentrierten sich jedoch zu einem
Großteil entweder auf den erstgenannten Aspekt der hohen Politik bzw.
auf den "europäischen Beitrag zur Geschichte Palästinas" und widmeten
sich weit weniger dem untrennbaren Beziehungsgeflecht von Staat, Kirche
und Gesellschaft. Zu untersuchen bleibt die Bedeutung einer räumlich
kleinen, aber umso einflussmächtigeren Region für die Kultur-, Gesell-
schafts-, Geistes-, Religions-, Kirchen- und Missionsgeschichte des
europäischen Kontinents. Die Fragestellungen eines sich seit kurzem
konstituierenden Kreises internationaler Historikerinnen und Histori-
ker der jüngeren Generation orientieren sich dabei nunmehr vor allem
an den neueren historiographischen Ansätzen im Bereich der Interna-
tionalen Geschichte
und der Kirchen- bzw. Missionsgeschichte . Der
Workshop ist somit als Versuch anzusehen, durch neue Deutungen zu
neuen Wertungen zu gelangen, und soll eine Verankerung dieser For-
schungsfragen und -impulse in Österreich ermöglichen.

Untersucht werden - anhand einer konkreten Fragestellung - Fragen der
Geschichte Europas, um deren Gestaltung derzeit intensive Diskussionen
geführt werden, wie auch der Geschichte Palästinas; letztere kann nicht
ausgehend von der Gründung des Staates Israel geschrieben werden, son-
dern bedarf einer weiteren historischen Perspektive. Das Palästina,
das "Heilige Land", als Projektionsfläche Europas wird auf diese Weise
kontrastiert mit dem Palästina der historischen Realität.
Worum handel-
te es sich bei den verschiedenen Elementen, die so viele Mächte und
Interessen mobilisierten?

Auszugehen ist von den Grundlagen für die Beziehungen zwischen den
europäischen Mächten und dem Osmanischen Reich , das sich durch den
ab dem späten 18. Jahrhundert immer stärker werdenden Druck von
außen zu Reformen gedrängt sah ("Tanzimat-Periode"). Der in den Kapi-
tulationen-Verträgen festgelegte Schutz religiöser Minderheiten und
europäischer Staatsangehöriger wurde von den begünstigten Staaten
nach der sogenannten "Wiederentdeckung" Palästinas als Machtmittel
instrumentalisiert, und zwar stets in einer untrennbaren Koppelung
von Politik und kirchlichen Missionsbestrebungen: Frankreich fun-
gierte traditionell als erste katholische Schutzmacht. Gegen diesen
Anspruch trat Österreich(-Ungarn) in seinem Selbstverständnis als
katholische Großmacht - während der langen Regierungszeit Kaiser
Franz Josephs, des "Königs von Jerusalem" - phasenweise in Konkur-
renz; gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstärkten sich auch die dies-
bezüglichen Positionen Deutschlands und Italiens . Als orthodoxe
Schutzmacht trat Russland auf, während sich für die protestantische
Mission Großbritannien und Preußen engagierten. Die um 1840 aufge-
stellten europäischen Konsulate in Jerusalem schützten daneben auch
die eingewanderte jüdische Bevölkerung - für ihre größte Gruppe war
dabei das österreichische Konsulat zuständig.

Im Zusammenhang mit diesen im Rahmen der "Orientalischen Frage" auf-
tretenden Mächterivalitäten sind auch die häufigen inter- und inner-
konfessionellen Kontroversen und Konflikte zu analysieren (die "Palä-
stina-Frage" als Frage der Heiligen Stätten). Das Spannungsfeld zwi-
schen Kirche und Staat kann so aus diesem, sich aus der europäischen
Expansion des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ergebenden Sicht-
winkel erörtert werden. U. a. Fragen nach der gesellschaftlichen Ver-
ankerung von "Palästina-Begeisterung" und Palästinapolitik der Groß-
mächte ("Jerusalem-Milieus"), nach der Bedeutung des Faktors Wasser
für die vor Ort auftretenden Konflikte sowie aus dem Bereich der
"Palästinawissenschaft" ergänzen die Fragestellungen und Zielrichtung
des Workshops. Daneben stehen Ausführungen über die neuesten israeli-
schen Forschungsimpulse, über die Franziskanerkustodie, über die Hal-
tung zum von Theodor Herzl in Wien entwickelten Zionismus und das
britische Verständnis des Konnexes von Religion und Politik während
der Mandatszeit.


 
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
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Tel.: (+43 1) 51581-0
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last update: 2003/12/02
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