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Bericht von Sekretär Herwig Friesinger
Feierliche Sitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
am 14. Mai 2003


Hohe Festversammlung!

Als Sekretär der philosophisch-historischen Klasse fällt mir die Aufgabe zu,
über das Wirken der dieser Klasse zugehörigen Einrichtungen Rechenschaft zu
geben. Lassen Sie mich mit einem kurzen Bericht über organisatorische Fragen
beginnen; ich knüpfe dabei an meine Darlegungen des voriges Jahres an:

Der Beschluss der Akademie zur Gründung eines Instituts für Iranistik wurde
mit Wirksamkeit vom 1. November 2002 umgesetzt; als Direktor konnte
Univ.-Prof. Bert Fragner aus Bamberg gewonnen werden. Neben der Fortsetzung
des bisherigen Arbeitsschwerpunktes "Iranisches Personennamenbuch" werden
derzeit Forschungsprojekte aufgebaut, deren zeitlicher Rahmen die Neuzeit
einschließlich der Moderne umfassen wird. Der geographische Rahmen erstreckt
sich auf das heutige und das bis in die jüngere Vergangenheit hinein gegebene
Verbreitungsgebiet iranischer Kulturen, also z.B. auch auf Teile des Kaukasus
und Mittelasiens sowie den Indischen Subkontinent.

Desgleichen hat die neu gegründete Forschungsstelle für Europäisches Schaden-
ersatzrecht
unter der Leitung von Helmut Koziol ihre Tätigkeit aufgenommen.
Zwei ihrer neuen Projekte seien beispielhaft aufgeführt: Der Schutz der Persön-
lichkeitsrechte gegenüber Eingriffen der Massenmedien und die Erstellung einer
kommentierten Sammlung schadenersatzrechtlicher Leitentscheidungen aus den euro-
päischen Ländern.

Der Ausbau und die damit verbundene Internationalisierung des Instituts für
Demographie
sind - wie im Vorjahr angekündigt - voll im Gange. Diese Interna-
tionalisierung des Instituts hat bereits erste Früchte getragen: vor kurzem
wurde das "Vienna Yearbook of Population Research" erstmals herausgebracht,
und vor wenigen Wochen erschien ein viel beachteter Beitrag in Science unter
dem Titel "Europas Bevölkerung am Wendepunkt".

Die philosophisch-historische Klasse hat im Berichtszeitraum nach nochmaliger
Prüfung des Vorhabens mehrheitlich beschlossen, das Projekt Theoretische und
angewandte Text- und Diskursforschung
, über dessen Planung ich Sie in meinem
vorjährigen Bericht informiert habe, nicht in Angriff zu nehmen.

Zum Thema "Organisation" darf ich Sie abschließend davon in Kenntnis setzen,
dass die Klasse ihre Kommissionen - nach Ablauf der in der Geschäftsordnung
vorgegebenen fünfjährigen Periode - mit Wirksamkeit vom 1. Jänner 2003 neu
konstituiert hat.
In diesem Zusammenhang und unter Berücksichtigung der Möglichkeiten, die die
neue Geschäftsordnung bietet, hat die Klasse beschlossen, das Großprojekt
Austrian Academy Corpus - AAC aus der Kommission für
literarische Gebrauchsformen
auszugliedern und mit 1. Mai dieses Jahres
als Unternehmung zu führen.

Die philosophisch-historische Klasse betreut derzeit 39 Forschungseinrichtungen;
sie sind unterschiedlich in Organisationsform, budgetärer Ausstattung und Größe.
Aus der Fülle von größeren und kleineren Forschungsunternehmungen dieser Insti-
tutionen will ich einige herausgreifen und über deren Arbeitsverlauf bzw. Ergeb-
nisse berichten. Der Einstieg ins digitale Zeitalter macht es uns möglich, wissen-
schaftliche Ergebnisse auch an eine breitere interessierte Öffentlichkeit zu vermitteln:

Das "Österreichische Biographische Lexikon 1815-195" erfasst Persönlichkeiten,
die auf dem jeweiligen österreichischen Staatsgebiet geboren wurden, gelebt bzw.
gewirkt haben und durch besondere Leistungen hervorgetreten sind. Von diesem auf
16 Bände konzipierten Werk wird ein digitales Gesamtregister des Lexikons -
mit Eckdaten der Personen bzw. Namensvarianten, Berufszuweisungen und Seiten-
referenzen - erstellt und den Internetbenutzern kostenfrei zugänglich gemacht.

Das "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich" ist eines der größten
landschaftlichen Wörterbuchunternehmungen im deutschsprachigen Raum. Der Einstieg
dieses Wörterbuches in die digitale Lexikographie und die elektronische Publikation
bedeutet einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung der digitalen wissenschaftlichen
Lexikographie speziell für Großwörterbücher. Die detaillierten Recherchierfunktionen
schaffen neue, interdisziplinäre Zugänge für die Sprachwissenschaft, die dem kultur-
und wortgeschichtlich ausgerichteten Unternehmen eine fachspezifische Internationa-
lität verleihen.

Das "Oesterreichische Musiklexikon" - mit 8500 geplanten Einträgen - erscheint
in einer kostenpflichtigen Online-Version und in einer Druckfassung, die auf fünf
Bände geplant ist. Kürzlich ist der zweite Band erschienen.

Es ist mir eine große Freude, Ihnen heute mitteilen zu können, dass die Kommission
für Kunstgeschichte
die Erarbeitung einer sechsbändigen "Geschichte der bildenden
Kunst in Österreich" erfolgreich abgeschlossen hat. Der letzte Band "Spätgotik und
Renaissance" ist derzeit im Druck und wird im Juni erscheinen. Den Kollegen
der Kommission - allen voran Hermann Fillitz - gilt an dieser Stelle der besondere
Dank der Akademie.

Projekte werden fertig - wie Sie sehen!

Zuweilen gibt es aber unerwartete Verzögerungen - ein Beispiel:
An der Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters - einem in der Fachwelt
viel beachteten Zentrum für Mittelalterforschung - befasst sich eine Arbeitsgruppe
mit der Herausgabe von Inschriften des Mittelalters, in letzter Zeit auch mit
jenen der Stadt Wien, wobei die Herausgabe der etwa 700 "Inschriften der Dom-
und Metropolitankirche St. Stephan" zunächst im Vordergrund standen. Nachdem die
Arbeiten nahezu abgeschlossen waren, wurde kürzlich im Oberösterreichischen
Landesarchiv eine Inschriftensammlung gefunden, die Abschriften von etwa 300
weiteren Denkmälern der Stephanskirche enthält - unter anderem die Grabstein-
inschriften von Meister Hans Puchsbaum und Meister Pilgram. Die Originale waren
anlässlich der Barockisierung des Domes entfernt worden.
Verständlicherweise wird der Inschriftenband von St. Stephan nicht
in Kürze erscheinen.

Ich will Ihnen nun anhand einiger Beispiele Ergebnisse aus der "Werkstatt"
einiger kleinerer Einrichtungen berichten:

Die Kommission für Literaturwissenschaft betreut die Erarbeitung einer kritischen
Gesamtausgabe der Werke des Dichters, Mediziners und Pädagogen Ernst Freiherr
von Feuchtersleben; zwei Bände sind erschienen, ein weiterer wird der Klasse
demnächst zum Druck vorgelegt. Das im Zuge der Bearbeitung der Texte entstandene
Online-Archiv stellt eine bedeutende Quelle der Kultur- und Geistesgeschichte
des Vormärz dar.

In der Kommission für antike Literatur und lateinische Tradition befasst sich
ein Projekt mit "Antiker Musik und griechischer Sprache"; nach der theoretischen
Erforschung altgriechischer Musik konzentriert sich die Arbeit derzeit auf die
konkrete klangliche Umsetzung: Nach Studien an den Funden von Bruchstücken
antiker Instrumente und deren Darstellungen auf archäologischen Denkmälern
wurde die Doppelflöte rekonstruiert und die Technik des Bespielens erarbeitet;
eine Lyra ist derzeit im Bau.

Österreich steht - wie Sie wissen - im Spitzenfeld der internationalen Kleinasien-
forschung. Auch in der Akademie befasst sich eine Reihe von Einrichtungen mit
der Erforschung dieses alten Kulturraumes. Eine spezielle Aufgabe kommt hier der
Kleinasiatischen Kommission zu; ich muss etwas ausgreifen:
Bei der Aufteilung der großen internationalen Forschungsvorhaben im 19. Jahrhundert
übernahm die Österreichische Akademie der Wissenschaften die Herausgabe der griechi-
schen und lateinischen Inschriften des antiken Kleinasien. Zur Herausgabe dieser
Inschriften rief die Akademie das Großprojekt der Tituli Asiae Minoris ins Leben,
von dem 40 Bände erschienen sind. Derzeit werden die historischen Landschaften
Lydien und Kilikien bearbeitet. Im Laufe der jahrelangen Forschungen entstand
in der Wiener Kommission ein für die Wissenschaft sehr wertvolles Archiv von etwa
2000 Abklatschen, das auch Wiedergaben von Inschriften enthält, die im Original
nicht mehr existieren.

Seit nunmehr fünf Jahren wird der - vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen
Forschung geförderte - Spezialforschungsbereich "The Synchronization of Civilizations
in the Eastern Mediterranean in the Second Millennium BC"
bei der philosophisch-
historischen Klasse durchgeführt; er wird vom Fonds zur Förderung der wissenschaft-
lichen Forschung gefördert. Mit vielfältigen wissenschaftlichen Methoden wird
versucht, auf Basis von fundierten Chronologien historische Ereignisse Ägyptens
und anderer Hochkulturen des östlichen Mittelmeerraumes eindeutiger zu datieren
und in Beziehung zu bringen. Ein wichtiger historischer Anhaltspunkt ist der
Vulkanausbruch von Thera, der um die Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus
nachhaltige Auswirkungen auf diese Kulturen der Alten Welt hatte. Seit kurzem
liegen Vorergebnisse von Untersuchungen am Atominstitut der Österreichischen
Universitäten zur Datierung der Bimsfunde aus der Eruption dieses Vulkans vor.
Das so sehr umstrittene Datum des Vulkanausbruches wurde damit eindeutig auf
kurz vor 1500 vor Chr. festgelegt. Als Zeugnisse der ältesten, in Ägypten bisher
gefundenen Palastmalerei erwiesen sich kürzlich gefundene Fresken. Analysen
ergaben einen Mischstil der Malerei aus ägyptischen und minoischen Motiven und
Techniken.

Allein aus dem ägyptologischen Forschungsbereich konnten im Jahre 2002 dreizehn
Manuskripte unserem Verlag zur Veröffentlichung übergeben werden.

In nahezu jedem Teil meines Berichtes über die Tätigkeit der Klasse wird letzt-
endlich von einem gesprochen: von der Veröffentlichung der Ergebnisse der Forschungen.
Diese Aufgabe kommt im Bereich der Geisteswissenschaften in der Akademie fast
ausschließlich dem Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu.
In den genau 30 Jahren seines Bestehens konnten bisher insgesamt 2100 Werke
publiziert werden. Im Berichtszeitraum sind im Verlag 75 neue Publikationen
erschienen, davon 56 in der traditionellen Form des Druckes und 19 in digitaler
Form.
Als Vorstand von Bibliothek und Archiv der ÖAW erlaube ich mir, abschließend
über diese Einrichtungen zu berichten:
Im Rahmen der Neuordnung des Archivs werden vor allem die Nachlässe systematisch
aufgearbeitet, deren Bestand sich ständig vermehrt. So ist im Vorjahr dem Archiv
der "Nachlass Suess" übergeben worden, der neben Publikationen des Initiators
der Wiener Wasserleitung, des Geologen Eduard Suess, zahlreiche Dokumente der
Familie, zirka 40 Notizbücher, geologische Karten, sowie ein unveröffentlichtes
Manuskript des Sohnes umfasst.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der "Sammlung Woldan" soll nun auf eine
breitere Basis gestellt werden: Geplant ist zunächst, eine Auswahl der interes-
santesten Stücke der Reiseliteratur aus dem 16. und 17. Jh. in Originalsprache
mit Übersetzung und Kommentar herauszugeben.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!


 
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
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Tel.: (+43 1) 51581-0
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last update: 2003/12/02
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