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26. April 2001
Qualitätssicherung, Evaluierung und Schwerpunktsetzung an den Universitäten
Impulsreferat von ÖAW-Präsident Werner Welzig anlässlich der Parlamentarischen Enquete "Die Universitätsreform" am 26. April 2001
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Herr Vorsitzender!
Frau Bundesminister!
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete!
Sehr geehrte Anwesende!
Dreizehn Impulsreferate sind weniger als ein Impuls. Da diese Enquete aber nun einmal dreizehn Referate vorgesehen hat, will ich auf dreizehntelfältige, somit ungewollt auf hoffentlich nicht allzu einfältige Weise versuchen, einen gemeinsamen Impuls entwickeln zu helfen. Unsere hohen Schulen bedürfen eines solchen Impulses. Sie bedürfen eines starken Impulses von innen wie von außen.
Dass diese Veranstaltung als eine Enquete des Gesetzgebers im Hause des "Souveräns" stattfindet, ist ein gutes Zeichen. Der Gesetzgeber hat die Verantwortung, die Grundsätze und Aufgaben der Hochschulen so zu fassen, dass sie den Arbeitsweisen und Erfordernissen der Wissenschaft, den Erfordernissen der Gesellschaft, den politischen Gegebenheiten unseres Kontinents und den ökonomischen Möglichkeiten unseres Staates entsprechen. Die vielen Wanderprediger, die heute in Universitätsangelegenheiten unterwegs sind und mit Klageliedern über die Institution ihr persönliches Ansehen zu mehren suchen, diese Wanderprediger dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Fundament des Hauses der Wissenschaft und ihrer Lehre von der Politik gelegt wird. In diesem Sinne erlaube ich mir als Bürger dieser demokratischen Republik, deren Recht vom Volk ausgeht, und auch als akademischer Bürger fünf Sätze vorzulegen, fünf Sätze zu Materien, die mir wichtiger erscheinen als alle Fragen des Dienstrechtes. Im Unterschied zu meinem Herrn Nachbarn zur Linken, lege ich kein Gelöbnis ab, meine Redezeit einzuhalten. Ich werde die mir zugeteilten 15 Minuten nicht zur Gänze in Anspruch nehmen.
1. Da mich die Organisation dieser Enquete nach einem evangelischen Theologen auf die Tagesordnung gesetzt hat, will ich die Worte eines anderen evangelischen Theologen an den Anfang stellen. Theologen und Literarhistoriker haben den Gebrauch des Zitates gemeinsam. Daher sei mir erlaubt zu zitieren: "Acht und dreißig (Universitäten) zu besitzen, wie die deutsche Nation bis jezt geduldet hat, mag freilich ein großes Unglükk sein, und die Ursach, warum so wenige zu etwas tüchtigem gediehen sind: aber wie soll nun das rechte Maaß gefunden werden?" Was Friedrich Schleiermacher auf diese Weise im Jahre 1808 gesagt hat, würde, aus dem Mund eines Zeitgenossen in den Ohren von Zeitgenossen, heute, auf heutige Zahlen übertragen, wahrscheinlich als pure Polemik empfunden werden. Dass derselbe Schleiermacher mit der Bemerkung fortfährt, man sollte sich nicht anstrengen, "Leichen frisch (zu) halten", geht unserem Verständnis nach über den Anstand hinaus, den auch Polemik zu wahren hat. Und doch: Der von Schleiermacher gestellten Frage darf man nicht ausweichen. Brauchen wir hier in Österreich tatsächlich alle jene Anstalten, die wir Universitäten nennen? Und vor allem: Brauchen wir sie als Universitäten?
2. Von der Prämisse des Satzes aus der Ferne ausgehend, den ich zitathaft und nur zu einer Frage führend aufzunehmen gewagt habe, sei aus meiner Raum- und Zeitgenossenschaft ein zweiter, eigener Satz als Aussagesatz formuliert: Wir brauchen, so behaupte ich, nicht alle Fakultäten, die es an österreichischen Universitäten gibt, und wir brauchen nicht alle Fakultäten in der Gestalt, in der es sie heute gibt. Keine Argumente außer dem, dass Ruhe die erste Bürgerpflicht ist, sprechen dafür, um nur drei Beispiele anzuführen,
a) dass das Nebeneinander der naturwissenschaftlichen Fakultäten an den technischen Universitäten und Universitäten in Graz und in Wien in der gegenwärtigen Form aufrecht erhalten wird;
b) dass die gesamte Zahl der heute in Österreich bestehenden universitären Architektur-Einrichtungen, das sind drei Fakultäten und zwei zusätzliche Studienrichtungen, aufrecht erhalten wird;
c) dass alle vier staatlichen katholisch-theologischen Fakultäten aufrecht erhalten werden.
3. Die geistes- oder kulturwissenschaftlichen Fakultäten dieses Landes, so behaupte ich, könnten ihre Studienfächer weit besser verteilen, besser, d.h. schwerpunktorientiert, sparsamer und zugleich ergiebiger. Für die zur Zeit maßgebliche Maxime, dass allenthalben alles angeboten werden soll, gibt es keinen guten Grund, keinen in der Sache dieser Fächer liegenden Grund. Es ist einfach nicht wahr, dass beispielsweise Alte Geschichte und Altertumskunde oder Klassische Archäologie in Österreich an vier Standorten gepflegt werden müssen. Selbst das scheinbare studentische Grundrecht, dass man eine Fächerkombination jeweils am selben Ort studieren können muss, ist nicht begründbar. Was spräche beispielsweise dagegen, Slawistik und Romanistik an zwei verschiedenen Orten zu studieren, wenn dies in geeigneter Abfolge möglich ist?
4. Der österreichische Gesetzgeber muss seine Verantwortung für die Universitäten dieses Landes, so behaupte ich, heute grundsätzlich in anderer Weise wahrnehmen als in vergangenen Zeiten. Die Einrichtung von Fakultäten, Universitäten und Studienrichtungen kann nicht mehr nur auf nationale Notwendigkeiten und Angebote Rücksicht nehmen. Es ist geradezu absurd, wenn eine so exemplarisch europäische Institution wie die "Universität" heute nur einzelstaatlich konzipiert und fortentwickelt wird. "Einzelstaatlich" ist übrigens vielleicht gar nicht zutreffend. Realistischerweise müsste man sagen, dass Österreichs neuere Universitätsgründungen vor allem den Bedürfnissen von Landeshauptleuten Rechnung tragen: Kein Tunnel, aber eine Universität! Das mag eine regionalpolitisch brauchbare Forderung sein. Forschungspolitisch sinnvoll ist sie nicht. Auch wenn es vielleicht den gegenteiligen Anschein hat.
5. Da ich vor einem Mann der Industrie auf die Tagesordnung gesetzt wurde, der über die Erwartungen sprechen wird, die die Wirtschaft an die Universität richtet, will ich mit einer Bitte schließen. Meine Bitte ist, darüber nachdenken zu wollen, ob wir das Mühlespiel, das hierzulande mit Konstellationen wie dieser, akademischer Bereich versus Industrie, eröffnet wird, wirklich weiterspielen wollen. "Mühlespiel": Was ist damit gemeint? Ich meine, das Hin und Her zwischen den Ansprüchen von Ökonomie und Industrie auf der einen und der Verteidigung der universitären Freiräume auf der anderen Seite. Ich meine, mit anderen Worten, den Konflikt zwischen Nutzen und Neugier. Auf der Basis der Verfassung dessen, was wir heute "Universität" nennen, ist dieser Konflikt nicht zu lösen. Wir haben in den vergangenen Jahren nahezu alles, was "oberhalb" der Schule der Weitergabe des Wissens dient, in den Stand von "Universitäten" erhoben. Offenbar waren wir prestigegetrieben. Anders ist es nicht erklärbar, dass wir jene Institution, deren Motor Neugier und Mitteilung bleiben muss, wenn wir sie nicht überhaupt aufgeben wollen, zur Generalinstanz der Weitergabe und Weiterentwicklung allen höheren Wissens gemacht haben.
Ich will an dieser Stelle nicht auf die Frage eingehen, was denn eine Universität ausmacht, die sich in der europäischen Tradition dieser Institution weiß. Ich will an dieser Stelle auch nicht proklamieren, dass wir die Institution der Universität weiterhin brauchen werden. Eines muss uns aber so rasch und entschieden wie möglich bewusst werden: Wie der österreichische Gesetzgeber heute "Universität" definiert und was er alles darunter versammelt, passt mit den Aufgaben, die man heute an Hohe Schulen stellt, nicht zusammen. Man sehe sich die leitenden Grundsätze an, die dem "Universitäts-Organisationsgesetz 93" vorangestellt sind. Unbeschadet Ihrer Parteizugehörigkeit werden Sie erkennen, wie altertümlich diese Zielvorgaben wirken, altertümlich neben den ökonomischen und industriellen Notwendigkeiten unserer Tage. Wenn da beispielsweise "Vielfalt der Lehrmeinungen" oder "Lernfreiheit" als elementare Voraussetzungen proklamiert werden, so könnte man glauben, Höhlenkinder im Pfahlbau rufen uns ihre Losungsworte zu. Als ginge es um "Meinungen" und "angenehme Prüfer". Wir werden um eine tiefgreifende Entscheidung über das Nebeneinander von hohen Schulen unterschiedlichen Typs nicht herumkommen. Die Universitäten werden nur dann Brennpunkte im geistigen Leben dieses Landes und dieses Kontinents bleiben, wenn neben ihnen anders organisierte und anders arbeitende Hohe Schulen Aufgaben der Weitergabe und der Vermehrung des Wissens übernehmen. Ich bin überzeugt, dass die Universitäten sich in dieser Auseinandersetzung bewähren können. Ich bin überzeugt, dass das zum Schimpfwort gewordene Wort "akademisch" seinen Glanz wiedergewinnen kann. Ich bin aber ebenso überzeugt, dass dieser schwerfällige, mit Gütern unterschiedlichster Qualität beladene und von einander mit Eifersucht beäugenden Weichenstellern und Lokführern besetzte Güter- und Personenzug, als der die Gesamtheit der österreichischen Universitäten sich heute mühselig dahinbewegt, kein Transportmittel in die Zukunft ist.
Der Gesetzgeber, so wage ich zu schließen, ist gefordert. Er ist rasch gefordert. Er ist in einer schwierigen Materie gefordert. Er ist gefordert, wenn wir die Zukunft gestalten wollen. Auch wenn größere europäische Nachbarn in dieser Materie bisher nichts Besseres geleistet haben, ist das für uns kein Alibi, untätig zu bleiben.
"Das ist der Fluch von unserm edeln Haus: Auf halben Wegen und zu halber That
Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben. Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg."
Die meisten von Ihnen kennen diese Grillparzer-Stelle oder zitieren sie jedenfalls. Doch es geht nicht um dieses geflügelte Wort aus dem "Bruderzwist": "Auf halben Wegen und zu halber That Mit halben Mitteln". Mir geht es um das, was daran anschließt. "Wenn man uns drängt", so sagt Ferdinand abwehrend zu Matthias, "das ist nicht Brauch und Sitte". Österreichs Gesetzgeber und Österreichs Administration werden einen akademischen Funktionär in gleicher Weise abwehren: "Wenn man uns drängt, das ist nicht Brauch und Sitte." Tatsächlich! Doch was der Bruder des Kaisers darauf seinerseits erwidert, sollte uns gemeinsam gegenwärtig sein. "Es drängt die Zeit; wir selbst sind die Bedrängten."
Weitere Informationen:
Dr. Marianne Baumgart, Öffentlichkeitsarbeit, ÖAW
Tel.: (+43 1) 51581/219, Fax: (+43 1) 51581/275, E-Mail: Marianne.Baumgart@oeaw.ac.at
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