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29. März 2001
Neuartige Antibiotika-Entwicklungen gefragt
Angesichts der weltweit rasanten Ausbreitung Antibiotika-unempfindlicher Bakterien arbeiten Grazer ForscherInnen an der Entwicklung neuartiger Antibiotika, die auf völlig neuen Wirkungsmechanismen beruhen.


Aufgrund der dramatisch gestiegenen Zahl von multiresistenten Bakterien wird man um die Entwicklung neuartiger Antibiotika nicht herumkommen. Diese müssen, erklärt Karl Lohner, stellvertretender Direktor des Grazer Instituts für Biophysik und Röntgenstrukturforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), auf völlig neuen Wirkungsmechanismen beruhen. Eine neue Strategie stellen sogenannte Abwehrpeptide dar, die in fast allen Organismen zu finden sind. Diese Wirkstoffe haben sich im Laufe der Evolution gebildet und zerstören die Zellmembranen von Bakterien. Eine Aufklärung der molekularen Grundlage dieser Spezifität für Bakterien- oder Säugetierzellen wird die Entwicklung neuer Antibiotika in Form von Peptiden oder peptidähnlichen Substanzen ermöglichen, die nur gegen Bakterienzellen wirken.

Die verantwortungslose Verwendung der Antibiotika ist zu einem großen Teil die Ursache für den Verlust ihrer Wirksamkeit. In den USA beispielsweise werden nach Schätzungen des Zentrums für Gesundheitskontrolle (CDC, Centers for Disease Control) mehr als 40% der Gesamtproduktion von Antibiotika bei der Tierhaltung eingesetzt, wovon wiederum mehr als 80% als subtherapeutische Verabreichung zur Wachstumsförderung gezielte Verwendung finden. Bei dieser Art der Verabreichung liegt die Menge des Antibiotikums unter der wirksamen Konzentration zur Abtötung von Bakterien, was diesen ermöglicht, gegen die eingesetzten Antibiotika widerstandsfähig zu werden. Verschärft wird dieses Problem, wenn in der Tierhaltung Wirkstoffe eingesetzt werden, die auch in der Humanmedizin Verwendung finden. Hühner erhalten z. B. Eurofloxocin, welches diese zu Ciprofloxocin umwandeln. Dieses wiederum ist ein Bestandteil des Antibiotikums Ciproxin, welches in der Intensivmedizin beim Menschen angewandt wird. Die Folge ist, dass immer mehr Antibiotika wirkungslos bleiben, was vor allem bei der Behandlung von Infekten in Krankenhäusern ein ernsthaftes Problem darstellt. Weltweit bedeutet dies einen Anstieg pathogener Bakterien, die gegenüber einer Vielzahl von Antibiotika widerstandsfähig, also multiresistent, geworden sind. Allerdings, hebt Karl Lohner hervor, würde bereits ein bewusster und sinnvoller Einsatz von Antibiotika in der Veterinär- und Humanmedizin wie auch im Alltag (unnötiger Zusatz zu Produkten wie Seifen) zu einer Verbesserung der Situation führen, was langfristig gesehen unabdingbar sein wird, um das Problem der Antibiotikaresistenz in den Griff zu bekommen. So muss zum Beispiel ein weitgehender Verzicht auf Antibiotika in der Tierhaltung keinen Nachteil darstellen, wie die Handhabung in den nördlichen Ländern Europas und der Schweiz zeigt.

Die Untersuchungen der Arbeitsgruppe von Karl Lohner am Grazer ÖAW-Institut konzentrieren sich derzeit auf den Einsatz von natürlichen Abwehrpeptiden, die u. a. aus dem Hautsekret eines tropischen Frosches gewonnen werden. Diese Wirkstoffe greifen nur Bakterienzellen an und verursachen, einfach ausgedrückt, Löcher in deren Zellmembranen, so dass der Zellinhalt ausläuft. Die bakteriellen Keime werden sozusagen von außen innerhalb weniger Minuten abgetötet, was im Gegensatz zur Wirkungsweise der herkömmlichen Antibiotika steht. Dadurch werden Resistenzen weniger leicht hervorgerufen.

Ein kürzlich von Karl Lohner herausgegebenes Buch unter dem Titel "Development of Novel Antimicrobial Agents: Emerging Strategies" gibt einen Überblick über die aktuellen Forschungsinhalte und bietet erstmals ein zusammenhängendes Bild von neuen antimikrobiellen Wirkstoffen. Die Beiträge behandeln den Ursprung und die Entwicklung von antimikrobiellen Resistenzen und Möglichkeiten der Eindämmung, weiters die Entwicklung neuartiger Impfstoffe sowie neuer Peptidantibiotika. Letztere basieren auf dem Wirkprinzip der obengenannten Abwehrpeptide.



Weitere Informationen:
Doz. Dr. Karl Lohner, Institut für Biophysik und Röntgenstrukturforschung, ÖAW
8042 Graz, Schmiedlstraße 6
Tel.: (+43 316) 4120/300, E-Mail: Karl.Lohner@oeaw.ac.at


 
Österreichische Akademie der Wissenschaften
A-1010 Wien
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
Tel.: (+43 1) 51581-0
webmaster@oeaw.ac.at

last update: 2001/08/27
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