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20. Februar 2001
Über die innere und äußere Organisation unserer Universitäten
Thesen zuhanden des von der Bundesregierung eingerichteten "Rates für Forschung und Technologieentwicklung" von ÖAW-Präsident Werner Welzig
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In Österreich gibt es zur Zeit neunzehn als Einrichtungen des Bundes unterhaltene Anstalten, die den Namen "Universität" tragen. Was diesen Anstalten außer dienstrechtlichen Regelungen, Titeln, akademischen Graden, einem "Universitätenkuratorium" und einer "Rektorenkonferenz" gemeinsam ist, kann, so behaupte ich, niemand angeben. Eine von den hier Tätigen ernst genommene "idea of a university" gibt es nicht.
Die in meinem eigenen universitären Arbeitsbereich gerade in diesen Wochen zutage tretende Unbeholfenheit im Umgang mit Evaluationsvorgängen bestätigt, dass es nicht einmal ein elementares Einverständnis über die Aufgaben einer einzelnen Studienrichtung gibt. Publikationslisten, Tagungsveranstaltungen und Tagungsbesuche sowie die Akquisition von Drittmitteln gelten als berichtswürdig. Was den Studierenden aus dem Umkreis einer "Disziplin" vermittelt wird, ob man sie bloß "in ein Fach gedrückt" hat, was aus diesen Studierenden nach Abschluss ihres Studiums wird, all das bleibt außer Betracht. Nachdrücklicher könnte gar nicht demonstriert werden, dass die vielapostrophierte Einheit von "Forschung und Lehre" eine Leerformel ist, auch wenn sie des Öfteren als Lehrformel eingesetzt wird.
Das Lob für die Forschungsförderung steht - gleichermaßen in Österreich wie in unseren Nachbarländern - in einem auffälligen Widerspruch zur kommunen Schmähung der Universitäten, denen diese Forschungsförderung vor allem dient. Ein Biotop, um das längst die Bagger aufgefahren sind: so hat ein Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft die Universität vor einiger Zeit genannt. Eines sollte uns jedenfalls bewusst sein: Eine Vielzahl einzelner Forschungsprojekte, so wichtig jedes davon auch sein mag, macht noch nicht das Leben einer Universität aus.
Die Universität ist kein Wartesaal und keine Einrichtung zur Verhüllung von Arbeitslosenstatistiken. Die Universität ist aber auch kein "Hochleistungsbetrieb". Die Leistung der Universität ist grundsätzlich anderer Art als die eines Industriebetriebes. Das durch nichts zu ersetzende "Produkt" der Universität ist die Entwicklung der Persönlichkeit und der Denkfähigkeit der Studierenden. Durch gemeinsame Arbeit mit wissenschaftlich Qualifizierten und geistige Auseinandersetzung mit diesen werden die Studierenden in die Fragestellungen der Wissenschaft eingeführt und auf diese Weise vorbereitet, durch Wissen, Gewissen und Phantasie gegenüber der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen.
Einübung in wissenschaftliches Denken ist Sache der Universität. Doch nicht alles "Wissen" muss an den Universitäten weitergegeben werden. Die Diversifikation des Wissens, dessen unsere Gesellschaft heute bedarf, verlangt diversifizierte "hohe" Schulen. Ob diese "Fachhochschulen" heißen, "Specialschulen", um ein Wort Humboldts aufzunehmen, oder wie immer, ist irrelevant. Entscheidend ist, dass solche Schulen andere, im Vergleich zu den Universitäten eben spezielle Aufgaben haben.
Von 356 Studienstandorten Österreichs haben im Beobachtungszeitraum 1993/94 bis 1997/98 65% nur bis zu (bis zu!) 20 AbsolventInnen gehabt. Wenn hier nicht Überlegungen und Taten geboten sind, wo dann? Dass Nebenbahnen stillgelegt werden, ist uns als - gelegentlich schmerzliche - Notwendigkeit bewusst. Dass wir nicht alle Fakultäten und Institute, ja vielleicht nicht einmal alle heute als "Universitäten" bezeichnete Einrichtungen werden aufrecht erhalten können, sollte uns ebenfalls bewusst werden.
Die umfangreichen "Sonderbestimmungen für den klinischen Bereich" innerhalb des "Bundesgesetzes über die Organisation der Universitäten" müssten allein schon Anlass sein zu fragen, ob die herkömmliche Fakultätengliederung beibehalten werden kann.
Die "Universität" ist eine beispielhaft europäische Gründung. Wie keine andere Institution wäre sie geeignet, dieses Europa von Coimbra bis Moskau zusammenzuführen und zusammenzuhalten. Die europäische Aufgabe der "Universität" wäre besser begründbar als die jeder Brüsseler Kommission. Im Zusammenhang mit der "EU-Erweiterung" hätte Österreich hier kostbare Chancen.
Gerade weil sie "von aller Form im Staate losgemacht", weil sie Ort des Widerstandes gegen eine medial und ökonomisch bestimmte Öffentlichkeit sein muss, vermag die Universität, eben weil sie "Universität" ist, dem Staate zu dienen. Der Staat muss sich jedoch seiner Verantwortung für dieses eigenen Gesetzen folgende Gebilde bewusst sein. Die Regierung insgesamt muss an dieser Verantwortung teilhaben. Die Regierung muss aber auch wissen, dass die bloße Aufblähung und Vermehrung von Anstalten, denen sie den Namen "Universität" gibt, die Einrichtung tötet, die sie im Interesse des Gemeinwesens "immer in der regsten und stärksten Lebendigkeit zu erhalten" bedacht sein muss. Erinnern wir uns an die Beschreibung des Laboratoriums, in dem im zweiten Teil von Goethes "Faust" mit den Mitteln der Wissenschaft ein Mensch geschaffen wird: "Weitläufige unbehülfliche Apparate zu phantastischen Zwecken". Es wäre verhängnisvoll, könnte man so auch unsere Universitäten kennzeichnen. Die "Universität" aufbauen wird heißen, einiges von dem, was heute diesen Namen trägt, zurückbauen.
Werner Welzig
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