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29. Jänner 2001
Forschung, Innovation und Bildung
Statement von ÖAW-Präsident Werner Welzig im Rahmen des Dritten Reformdialogs der Bundesregierung




Sehr geehrter Herr Bundeskanzler! Sehr geehrte Frau Vizekanzler!


Meine Vorredner haben gedankt. Auch ich schließe mich diesem Dankeswort an. Diese heutige Veranstaltung markiert, so hoffe ich, eine klimatische Veränderung in Sachen der Wissenschaft. Außerdem freue ich mich, dass von einem "Reformdialog" die Rede ist, das heißt, es besteht die Absicht, mit der Wissenschaft zu sprechen. Im Sinne eines solchen Dialogs erlaube ich mir kurze Bemerkungen zu jenem Bereich, den man den "akademischen" nennt:

Es geht mir dabei um die Institutionen, die es nach dem Eröffnungswort des Herrn Bundeskanzlers zu "optimieren" gilt. Ich würde mich mit dem bescheideneren Wort "verbessern" begnügen. "Ohne Geld geht es nicht" war das Leitmotiv der bisherigen Gespräche. Ich stelle diesem Satz einen anderen an die Seite: "Mit Geld allein geht es nicht."


1.

Der Herr Finanzminister hat vor einiger Zeit verlangt, dass man die Fächer der Orientalistik an den österreichischen Universitäten schließe. Als Nachfolger des Orientalisten Hammer-Purgstall, des ersten Präsidenten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, mache ich mir für diesen Appell ein Wort aus dem "Rosenkavalier" zu eigen: "Sein schon aso, die jungen Leut'."

Ohne es zu wissen, treibt uns der Herr Finanzminister aber zu ganz anderen, sehr ernsten Überlegungen: 65% von den 356 Studien-Standorten in Österreich, die im Zeitraum 1993/94 bis 1997/98 untersucht wurden, haben bis zu "maximal 20 Absolventen". Ich wiederhole: bis zu 20. Wenn hier nicht Überlegungen und Taten, entschiedene und rasche geboten sind, wo dann?


2.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat im Jahre 1965 mit ihrem gleichnamigen Institut das Fach "Molekularbiologie" in Österreich begründet. Dieses Institut in Salzburg, das wir demnächst schließen werden, hat gute Arbeit geleistet und beschäftigt gute Wissenschaftler, aus England, Amerika, den Niederlanden und aus Österreich.

Der Vorsitzende des Internationalen Kuratoriums dieses Institutes hat vor einiger Zeit gesagt, wenn er heute in Eigenverantwortung dieses Institut neu zu gründen hätte, würde er es auf eine völlig neue Grundlage stellen.

Sind wir fähig - so frage ich im Anschluss daran - darüber nachzudenken, auf welche Grundlage wir heute jene Institution stellen würden, die wir mit päpstlicher Genehmigung im Jahre 1365 in Wien begründet haben? Da wir gerade einen dreißigjährigen Reformkrieg hinter uns haben, kann es an einem generellen Unwillen zur Veränderung nicht liegen. Eher wage ich von Unwissen, von Ideenlosigkeit zu sprechen.

Wozu ist eine "Universität" heute überhaupt da? Nicht einmal die Fachhochschulen haben unsere Köpfe in Bewegung gesetzt.


3.

Europa ist unser politisches Thema. Die Entwicklung Europas auf diesem Globus bestimmt auch unsere politische Entwicklung. Die universitären und auch die außeruniversitären Institutionen müssen in diesem Verbund konzipiert werden. In größerem Zusammenhang heißt das zum Beispiel: Wo haben wir die Chance, über die Nebeldecke der Anonymität hinauszuragen? Und ein Beispiel aus dem engeren Kontext: Wenn einer Russisch und Spanisch studieren will, will er das selbstverständlich am selben Ort tun können. So entspricht es dem Herkommen und unserer Trägheit. Mit politischer Gestaltungskraft und akademischer Phantasie hat es nichts zu tun. Phantasie und Gestaltungskraft werden wir aber brauchen. Andernfalls wird das Kompositum "Reformdialog" bald so klingen wie "Reformkost": Bezeichnung für etwas, das uns angeblich - nach Auffassung einer Minderheit - besonders zuträglich ist.





 
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last update: 2001/08/27
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