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18. Jänner 2001
Herrschaft und Identität. Ethnogenese und Nationsbildung im Mittelalter
Neuer Veranstaltungsschwerpunkt der Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
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"Herrschaft und Identität" ist das Thema der neuen Veranstaltungsreiheder Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der ÖAW, bei der es vor allem um die Ethnogenese und Nationsbildung im Mittelalter gehen soll. Im Mittelalter entstanden nicht nur die Völker Europas, sondern auch Staaten, die ihre Namen trugen, und damit die Voraussetzungen der modernen Nationen. Doch das Verhältnis von Herrschaft und Identität war komplizierter und widersprüchlicher als die ältere Forschung annahm, viele Fragen müssen neu gestellt werden. Wie war die Integration von mittelalterlichen Großgruppen möglich, wie entstand ihr Gemeinschaftsbewusstsein? Und wie erleichterten oder erschwerten solche ethnischen oder regionalen Verbände die herrschaftliche Erfassung des Raumes und seiner BewohnerInnen? Selbst die Idee, dass die Welt aus Nationen besteht, ist erst im Mittelalter aus dem Alten Testament, der klassischen Ethnographie und dem römischen Staatsrecht abgeleitet worden. Die schwierige Vorgeschichte der Nationsbildung ist von großer Relevanz für die Gegenwart, in der sich die Probleme übernationaler Integration, der Zuordnung staatlicher Aufgaben, aber auch eines neuen Nationalismus oder Regionalismus stellen. Gerade der "ferne Spiegel" des Mittelalters ist geeignet, neue Perspektiven und methodische Zugänge für Fragen des beginnenden dritten Jahrtausends zu entwickeln.
Das alltägliche Verständnis geht heute noch immer davon aus, dass man fast alle Menschen eindeutig einem bestimmten Volk zuordnen kann und dass diese Zugehörigkeit sich in der Regel in Sprache, Kultur und anderen objektiven Kriterien äußert. Doch diese naive Vorstellung sieht über vielerlei Widersprüche hinweg und vergisst zudem, dass erst der moderne Nationalstaat in mühsamem Kampf Einheitlichkeit und Abgrenzbarkeit erzeugt hat, indem Geschichte als Erzählung von gemeinsamem, nationalem Schicksal gedeutet wurde. Auf die damit verbundene unreflektierte Verwissenschaftlichung des vormodernen Volksbegriffs bauten und bauen auch heute noch nationale Ideologien auf. Bis vor kurzem gingen auch die meisten HistorikerInnen und ArchäologInnen, die sich mit ethnischen und nationalen Identitäten in der Geschichte Europas beschäftigten, davon aus, mit einer ethnischen Zuordnung die wesentliche Antwort gegeben zu haben und ihren Befund so ins allgemeine Geschichtsbild eingeordnet zu haben. Das war einleuchtend, so lange das Volkstum als quasi-natürliche Eigenschaft jedes Individuums oder jeder Gruppe von Menschen galt. Erst heute beginnen wir langsam zu verstehen, wie komplex die ethnischen Prozesse waren, die in Europa seit dem Untergang des weströmischen Reiches abliefen. Statt einem universell anwendbaren Ordnungsschema sind ethnische Identitäten heute zu einer schwierig fassbaren Variable geworden.
In den letzten drei Jahrzehnten sind für die Erforschung ethnischer Prozesse im Mittelalter, besonders im frühen Mittelalter, von Wiener HistorikerInnen neue Ansätze entwickelt worden. Als "Wiener Schule" der historischen Ethnographie haben diese Forschungen, besonders durch die Arbeiten von Herwig Wolfram und Walter Pohl, internationale Geltung erreicht. Doch sind diese Ansätze und Modelle einer über die Grenzen der wissenschaftlichen Welt hinausgehenden Öffentlichkeit in Österreich kaum bekannt. Das wurde in den letzten Jahren anhand der Berichterstattung über aktuelle nationale Konflikte deutlich. Vom Fürstenstein bis zum Amselfeld wird mit simplifizierenden Rückgriffen auf mittelalterliche Geschichte Politik gemacht und Identität behauptet. Die historische Tiefenstruktur nationaler Identitäten zu untersuchen, kann neue Ansätze zum Verständnis aktueller Probleme übernationaler Integration im "Neuen Europa" bieten.
Mit der Veranstaltungsreihe "Herrschaft und Identität" soll versucht werden, ein Forum zu schaffen, in dem diese Zugänge und Modelle wissenschaftlich überprüft und einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt und diskutiert werden.
Eröffnet wird der neue Themenschwerpunkt am 23. Jänner 2001 mit einem Vortrag von
Univ.-Prof. Dr. Herwig Wolfram
zum Thema:
"Von der Origo zur Historia - die Verschriftlichung der ethnischen Identität"
Ort:
Theatersaal der ÖAW, 1010 Wien, Sonnenfelsgasse 19
Weitere Informationen:
Dr. Marianne Baumgart, Öffentlichkeitsarbeit, ÖAW
Tel.: (+43 1) 51581/219, Fax: (+43 1) 51581/275, E-Mail: Marianne.Baumgart@oeaw.ac.at
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