Bericht des Sekretärs Herwig Friesinger
Hohe Festversammlung!
Als Sekretär der philosophisch-historischen Klasse habe ich über die Tätigkeit jener Forschungseinrichtungen Bericht zu erstatten, die im Bereich der Geisteswissenschaften, der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie der Rechtswissenschaften tätig sind.
Lassen Sie mich einen Moment bei der Problematik dieser Aufgabe verweilen:
Einen umfassenden Eindruck zu vermitteln ist unmöglich, da eine erschöpfende Darstellung der zahlreichen Aktivitäten und Forschungsergebnisse der vielen kleinen und größeren Institutionen den mir vorgegebenen Zeitrahmen bei weitem sprengen würde.
Geographisch betrachtet werden wissenschaftliche Fragen von China bis Irland behandelt, chronologisch von der Entstehung des Menschen bis zum heutigen Tage, wobei Natur, Mensch und Kultur als Einheit betrachtet werden.
Eine Auswahl nach den eingangs angesprochenen großen Fachbereichen erweist sich als durchaus unbefriedigend, denn die Fragestellungen sind interdisziplinär:
So werden beispielsweise im Rahmen des Langzeitprojektes zur Erarbeitung einer Tabula Imperii Byzantini neben der historischen Geographie auch demographische Fragen des byzantinischen Reiches behandelt. Archäologische, numismatische und althistorische Einrichtungen befassen sich neben ihren Kernaufgaben mit wirtschafts- und sozialhistorischen Fragen.
Eine Gliederung, die sich mir häufig aufdrängt ist eine in Forschungsvorhaben, die von wirtschaftlichem, sozialem oder politischem Interesse sind einerseits, und in solche, die im öffentlichen Verständnis für die Gesellschaft nicht interessant und relevant zu sein scheinen, andrerseits.
Diese "anderen", die im öffentlichen Verständnis "uninteressanten" Forschungsvorhaben, machen einen Großteil der Arbeiten der philosophisch-historischen Klasse aus. Ihr Auftrag ist es, kulturelles Erbe zu erhalten, aufzubereiten und es der Öffentlichkeit mit neuen Informationstechnologien zugänglich zu machen; auf weite Sicht werden diese Forschungsergebnisse von nachhaltiger und tiefgreifender Wirkung für die Gesellschaft sein; für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sind Wissen und Information essentielle Notwendigkeit und zentrale Ressource.
Ich will Ihnen zunächst einige dieser "anderen" Forschungsvorhaben vorstellen:
Seit langem führen Einrichtungen der philosophisch-historischen Klasse wissenschaftliche Projekte in Kooperation mit der Österreichischen Nationalbibliothek durch:
Zusammen mit der Handschriftensammlung bearbeitet die Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters die illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Nationalbibliothek. Die Forschungsergebnisse zu diesen prachtvollen Codices werden laufend veröffentlicht.
Ergebnisse einer Kooperation der Nationalbibliothek mit der Kommission für Iranistik werden demnächst in Form eines Kataloges der persischen Handschriften veröffentlicht werden.
Die Aufarbeitung dokumentarischer, also nicht literarischer,
griechischer Papyri haben sich Papyrussammlung und Kommission für
Antike Rechtsgeschichte zur Aufgabe gestellt; die Untersuchungen haben
bisher neben Dokumenten aus dem Alltagsleben des späthellenistischen
Ägypten und älteren Textfassungen von antiken Autoren, auch älteste
Textfassungen zum Neuen Testament ans Licht gebracht.
Mit einer am 23. April 2001 abgeschlossenen Rahmenvereinbarung zwischen Akademie und Nationalbibliothek wurde dieser Entwicklung Rechnung getragen und eine weitere Intensivierung der Zusammenarbeit zum Nutzen beider Institutionen paraphiert.
Zentrale Aufgabe einer schon im Jahr 1864 gegründeten Kommission ist die Herausgabe des Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum, also einer kritischen Ausgabe der Schriften der christlichen lateinischen Schriftsteller des 2.- 7. Jahrhunderts. 111 Bände sind bisher erschienen.
Es drängt sich die Frage auf: wozu investiert die Akademie über ein Jahrhundert in ein solches Unternehmen?
Eine Antwort – die des Wissenschaftlers – wäre: dieses Forschungsgebiet liegt brach, wir sind nahezu die einzigen auf der Welt, die dieses Material bearbeiten und zugänglich machen.
Die zweite Antwort ist: die geistesgeschichtlichen Grundlagen des westlichen Abendlandes und seine Denkschemata – also die Muster unseres Denkens und Fühlens – kommen eben aus dieser Zeit, in der die Denkweise der heidnischen Antike durch christlichen Einfluss umgeformt wird. Die Schriften der Kirchenväter dokumentieren diesen kulturellen Wandel.
Forschungsstellen der Akademie sind nicht nur Beispiele der Kontinuität, sondern auch "Experimente"; Institutionen, die für zunächst drei Jahre gegründet werden, um festzustellen, ob ein Forschungsvorhaben längerfristig eingerichtet werden soll oder auch um Erfahrungen über die bestmögliche Struktur nach den Grundsätzen von Effektivität zu sammeln.
Die Akademie hat im Berichtszeitraum die Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters für weitere drei Jahre bestätigt. Aufgabe dieser Einrichtung ist die Erforschung der mittelalterlichen Geschichte und die Dokumentation, Erschließung, Edition und Bearbeitung von Quellen zur Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit.
Demgegenüber dokumentiert das Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit den Bereich Sachkultur anhand von Bildern, Texten und Originalen vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit. Dieses Material wird nach bestimmten Richtlinien beschrieben, kommentiert und in einer Datenbank verarbeitet. Dabei werden wissenschaftliche Literatur, lexikalische Informationen und Quellentexte mit den digitalisierten Bildern verknüpft. Ein kürzlich am Institut durchgeführtes, interdisziplinäres Projekt zu Neidhart von Reuenthal, dem bekannten mittelalterlichen Dichter, kam zu einem spektakulären Ergebnis:
ein Kapitel der mittelalterlichen Kulturgeschichte muss in interdisziplinärer und internationaler Arbeit neu erforscht werden; Schicksal des Wissenschaftlers!
Am Ende dieses Berichtsteils frage ich Sie: Sind diese Forschungsvorhaben tatsächlich als uninteressant für die Gesellschaft abzuqualifizieren?
Ich fahre fort:
Aufgrund eines Beschlusses der philosophisch-historischen Klasse hat die Kommission für literarische Gebrauchsformen ein Konzept für ein elektronisches Textcorpus zur Sprache und Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. erarbeitet. Das Austrian Academy Corpus, zu dem kürzlich die Arbeit aufgenommen wurde, verfolgt das Ziel, traditionelle philologische Methoden mit innovativen informationstechnologischen Anwendungen zu verbinden. Die intelligente Auswahl und Vernetzung von verschiedenen Texten, Textsorten und Textsortenträgern aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die für Österreich in den vergangenen 150 Jahren relevant geworden sind, bestimmen die inhaltliche Qualität dieses Großvorhabens.
Die Kommission für Sozialanthropologie hat ihren etablierten Südarabien- und Zentralasien-Schwerpunkt erfolgreich fortgesetzt und mit der Neuanstellung eines Mitarbeiters eine regionale Ausweitung um Südostasien vollzogen; damit wurde eine inhaltliche Vertiefung des bisherigen Forschungsprogramms gewährleistet.
Die Verleihung des Wittgensteinpreises 2000 an k.M. Andre Gingrich ermöglichte die Errichtung des Forschungsschwerpunktes "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse" und seine Einbindung in die Kommission. Damit wird das Forschungsprogramm der Kommission nicht nur intensiviert, sondern auch neu dimensioniert. Der neue Forschungsschwerpunkt stützt und erweitert das bisherige Forschungsprogramm und umfasst dabei dieselben regionalen Forschungsakzente.
Die Forschungsstelle für institutionellen Wandel und europäische Integration wurde mit Beschluss der Gesamtakademie für weitere drei Jahre verlängert.
Die laufenden Projekte befassen sich mit den höchst aktuellen Fragen der Transformation nationalstaatlicher Institutionen und Akteure – erstens am Beispiel der Implementierung der europäischen Rechtsordnung durch die österreichische Legislative, Exekutive und Judikative und zweitens am Beispiel der Veränderung nationaler Parteiensysteme.
Als Sekretär der philosophisch-historischen Klasse kommt mir die Aufgabe zu, sowohl über Archiv und Bibliothek als auch über den Verlag Bericht zu erstatten:
Das Archiv der Akademie wird derzeit neu organisiert; im Zuge dessen hat das Präsidium eine neue Archivordnung erlassen, die eine Zugänglichkeit der Bestände nach den in Österreich üblichen Bestimmungen gewährleistet. Neben der Aufarbeitung von Nachlässen wurden auch die zahlreichen Bilder der Akademie digital erfasst.
Der Verlag hat seit dem Mai vorigen Jahres 73 Werke publiziert.
Um die Produktion von elektronischen Publikationen abwickeln zu können, wurde im Verlag ein Bereich "Elektronisches Publizieren" eingerichtet, der bereits mehrere CD-ROM-Produktionen durchführen konnte und derzeit auch – gemeinsam mit der Kommission für Musikforschung – an der Online-Version des Österreichischen Musiklexikons arbeitet. Die dafür verwendete Software-Infrastruktur ermöglicht u.a. dezentrales Erstellen und Publizieren im Internet und steht allen Forschungseinrichtungen der Akademie zur Verfügung.
Es ist mir eine ganz besondere Freude, abschließend berichten zu dürfen, dass das im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften verlegte "Wörterbuch der Redensarten" zu der 1899 bis 1936 von Karl Kraus herausgegebenen Zeitschrift "Die Fackel" am 23. März 2001 als "Schönstes Buch der Welt" ausgezeichnet wurde. Die "Goldene Letter" wurde damit zum ersten Mal an ein in Österreich produziertes Buch vergeben. Eine internationale Jury hat das "Wörterbuch der Redensarten" aus 665 bereits prämiierten Büchern aus 32 Ländern ausgewählt.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!