Hochgeschätztes Auditorium!
Die für den „X. Internationalen Germanistenkongress“ Verantwortlichen haben mich vor einigen Wochen eingeladen, an dieser Feierstunde als Sprecher teilzunehmen. Ich empfinde diese Einladung als ehrenvoll. Ich habe sie mit Dank angenommen. Zu einem „Festvortrag“, wie es in der an mich ergangenen Einladung geheißen hat, fühle ich mich allerdings außer Stande. Im Gegensatz zur Orgel an der Stirnseite dieses Saales ist Registerarmut professoraler Rede eigentümlich. Und auch ein „Eröffnungsvortrag“, wie es in synonym gemeinter Abwandlung von „Festvortrag“ geheißen hat, kann nicht meine Sache sein. Wer wollte es wagen, den von Plenarvorträgen und hunderten Referaten gesäumten Weg der Germanistik ins 21. Jahrhundert zu eröffnen, den Ihre Veranstaltung zu markieren beabsichtigt! Wer hätte die Stirn, ein Programm programmatisch einzuleiten, das, so wie das Ihre, eine „Zeitenwende“ kenntlich machen will!
Um dem erkennbar werdenden Mangel an Rhetorik entgegenzuwirken, haben die Veranstalter im letzten Moment in meinen Themenvorschlag das Wort „Rede“ eingefügt. „Rede zur Eröffnung ...“ : diesen Anspruch - ich muss bitten, das unmissverständlich sagen zu dürfen - habe nicht ich erhoben. Keine „Rede“, und insbesondere - ich hoffe auf Ihr Verständnis - keine Rede als Übergang vom „Schlafe Dornröschens“ zum Rondo einer „Kleinen Nachtmusik“.
Auf die Zusammenkunft, auf die ich als erste hinweisen will, bin ich entlang einer schmalen, aber nun schon relativ weit zurückreichenden Spur meiner eigenen Arbeit gestoßen. Sie führt in jene Zeit, die man heute die „gute alte“ zu nennen pflegt. An einem Wochentag wie diesem, am Montag, dem 31. März des Jahres 1913, findet in diesem Saal ein Konzert statt. Dirigent ist Arnold Schönberg. Veranstalter ist der „Akademische Verband für Literatur und Musik in Wien“. Auf dem Programm stehen Werke von Schönberg selbst, von Anton Webern und Alexander Zemlinsky, ferner zwei Orchesterlieder Alban Bergs nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg und zuletzt die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler. Einer der Besucher dieses Konzertes ist der in Ihrem Programm mehrfach genannte Arthur Schnitzler. „Abd. mit O. Schönberg Orchesterconcert“ heißt es unter dem 31/3 in Schnitzlers Tagebuch. „Ungeheure Skandale. Alban Berg's alberne Lieder. Unterbrechungen. Gelächter. Rede des Praesidenten. „Hören Sie wenigstens Mahler in Ruhe an!“ Als wär es gegen den gegangen! „Unverschämtheit -“ - Einer im Parket „Lausbub“. Der Herr vom Podium ins Parquet, unter athemloser Stille; haut ihm eine herunter. Rauferei allerorten.-“
Schnitzlers Tagebucheintragung, die ich da zitiert habe, und die ihrerseits
voll von Zitaten ist, verbindet Nachzeichnung eines Geschehens, Deutung
dieses Geschehens und ästhetisches Urteil. Der um ein Vielfaches längere
Bericht im »Neuen Wiener Tagblatt« vom 1. April ist um vieles
beschränkter, auf skandalöses gesellschaftliches Geschehen konzentriert.
Zwar ist hier auch von der von Schnitzler erwähnten „Ohrfeige“ - in
anderen Regionen der deutschen Sprache: „Backpfeife“ - die Rede.
Der Ohrfeigende ist der „Obmann“ des veranstaltenden Verbandes, der
„Praesident“, wie ihn Schnitzler nennt. Er ist vierundzwanzig Jahre alt.
Erhard Buschbeck ist sein Name. Dieser „Praesident“ versetzt die „Ohrfeige“,
wie es heißt, einem „jungen Mann“, und zwar „angesichts des ganzen
Publikums“. Das »Tagblatt« berichtet darüber hinaus von
„heftig gestikulierenden und schreienden Menschen“, von Akademikern, die
„das Faustrecht proklamieren“, von „wüstem“ und „unbeschreiblichem“
Lärm, von „Prügeleien“ und insgesamt von einer „Verwilderung“,
die nach Auffassung des Berichterstatters ein „Spiegelbild unsrer allseits
vergifteten Kunstzustände“ ist. Auch das vom Journalisten zitierte
Wort lässt sich nicht lumpen. „Hinaus mit der B a g a g e! “ ruft
einer der aufgeführten Komponisten. Der Zeitungsschreiber unterstützt
die Erregung durch Sperrung. Ein anderer Rufer, von dem nicht klar wird,
ob auch er einer der Komponisten ist, schreit „Haltet das Maul!“ Selbst
als das Orchester angesichts dieser Zustände den Saal verlassen hat,
verliert die Szene nichts von ihrem Faszinosum. Der Lärm tobt, wie
der Journalist vermeldet, „gleichwohl immer weiter“. Ohne den Leser darüber
zu informieren, wer wen meint, gibt er weiterhin Rufe aus dem Publikum
wieder. „Schicken Sie alle die Narren nach Steinhof!“ Und: „Steinhof ist
nicht groß genug.“
„Nach Steinhof!“ Ihrer Tagung könnten allein aus diesem Zwischenruf zusätzliche Aufgaben erwachsen. Exemplarische Vermittlungs- und Übersetzungsprobleme wären zu studieren. Ich begnüge mich mit der Erwartung, dass die österreichischen Kollegen im Laufe dieser Woche imstande sein werden, ihre auswärtigen Gäste über den Sinn dieser Wendung hinreichend in Kenntnis zu setzen. „Nach Steinhof!“
Wir bleiben im Musikvereinssaal und verlassen den Abend des 31. März 1913, obwohl andere öffentliche Journale noch andere Aspekte des Geschehens vorzuführen geeignet wären. Die »Arbeiter-Zeitung«, das »Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich«, empfiehlt, statt von den „Veranstaltern“ besser von den „Verübern“ dieses Abends zu sprechen. Sie sagt, dass auf den Skandal schon vor dem Konzert „geradezu hingearbeitet“ worden sei. Unter den „Jünglingen“, die, wie die »Arbeiter-Zeitung« schreibt, im Konzert selbst die Szene angeheizt haben, seien „etwelche“ gewesen, für die keine „psychiatrischen Milderungsgründe“ geltend gemacht werden könnten. Anders wiederum ist die Wortwahl in Österreichs größter Tageszeitung. Sie nennt Schönbergs Anhänger „fanatisch“, seine Gegner hingegen sind ihrer Kennzeichnung zufolge „überzeugt“. Von Schnitzlers Journal bis zur »Neuen Freien Presse«: alles scheinbar sachliche Informationen, aber alles jeweils anders.
„Nach Steinhof!“ Dieser Ruf, der am 31. März des Jahres 1913 durch den „Großen Musikvereinssaal“ gellt, offensichtlich ausgelöst durch Alban Bergs Lieder nach Texten von Peter Altenberg, bekommt eine andere Qualität, wenn wir bereit sind, in Schnitzlers Tagebuch über diesen 31.3. hinaus ein kleines Stück weiterzulesen. Am Sonntag, dem 20.4., beginnt Schnitzlers Eintragung mit den Worten: „Vm. nach Steinhof, wegen P. Altenberg. Er will durchaus fort. Wie ich richtig vermuthet, ist er heute so wenig oder sosehr wahnsinnig als je.“
Soweit der Große Musikvereinssaal als Ort der Exaltiertheit, der Bosheit und des Streites. Besuchen wir ihn als Ort der Übereinstimmung, einer Übereinstimmung, die mit der Geschichte dieses Landes, aber auch mit der Geschichte des Faches oder der Fächer zu tun hat, dessentwegen oder derentwegen Sie im Jahr 2000 in Wien zusammenkommen.
Es ist ziemlich genau ein Vierteljahrhundert später. Am 22. und
am 23. März 1938 berichten die Zeitungen über ein „Festkonzert“
der Wiener Philharmoniker. Nicht bloß über ein „Philharmonisches
Konzert“, dessen Tradition im übrigen älter ist als dieser Saal.
Von einem „Festkonzert“ ist ausdrücklich die Rede. Dirigent ist Hans
Knappertsbusch.
Ich zitiere aus der »Neuen Freien Presse«:
Der »Völkische Beobachter«, von dem es seit 16. März 1938 auch eine Wiener Ausgabe gibt, wenngleich vorerst in kleinerem Format als in Berlin, leitet seinen Bericht ebenfalls mit einer Raumdarstellung ein:
Zu „Spitzenleistungen“ - so nehme ich an - sind viele der heute hier Anwesenden fähig. Was hingegen „wahrhaft deutsche“ Germanisten sind, entzieht sich meinem Urteil. „Nach Steinhof!“? Nein!
Dass die heute hier anwesenden Österreicher keine ‚Zeit- und Gesinnungsgenossen‘ derer sind, die im März 1938 „Andacht“ und „Ergötzen“ an den Tag gelegt haben, davon sollte auszugehen sein. Unsere deutschen Kolleginnen und Kollegen mögen Verständnis dafür aufbringen, dass wir trotz allem, was uns zwischen Wien und Berlin gemeinsam ist, und obwohl eine deutsche Wissenschaftsministerin dieser Tage kundgetan hat, dass man in Österreich Deutsch „als erste Fremdsprache“ lerne, und die »Frankfurter Allgemeine« dieser Mitteilung auf der ersten Seite Raum gegeben hat, offensichtlich im richtigen Bewusstsein eines erheblichen Neuigkeitswertes dieser Nachricht - unsere deutschen Kolleginnen und Kollegen mögen trotz aller syntaktischen Holprigkeit Verständnis dafür aufbringen, dass wir nichts mit jener Titelzeile zu tun haben wollen, die auf der ersten Seite der »Neuen Freien Presse« vom 23. März 1938, also noch mehr als zwei Wochen vor Hitlers Volksabstimmung, in redensartlicher Weise die politische Situation präsentiert: „Ostmärker Schulter an Schulter mit der Westmark“.
„Schulter an Schulter“. Ich gerate auf eine andere, jüngere Spur meiner Arbeit. ‚Schulter an Schulter‘. Fünf Tage vor dieser beschwörenden redensartlichen Zeile hat man den seit 1918 im Amt befindlichen Chefredakteur der »Neuen Freien Presse«, Julian Sternberg ist sein Name, seiner Funktion enthoben. Nach dem 31. Jänner 1939 gibt es nicht nur diesen Chefredakteur, sondern auch die Zeitung nicht mehr.
Wenden wir uns einer dritten Zusammenkunft zu. Wiederum ist der Ort
des Geschehens dieser ‚unser‘ Saal. Veranstalter ist derselbe „Akademische
Verband für Literatur und Musik“, den wir beim Schönberg-Konzert
vom 31. März 1913 kennen gelernt haben. Das Datum des Geschehens ist
diesmal der 2. Mai 1912.
Die »Neue Freie Presse« berichtet über diese Veranstaltung
nicht, obwohl man damals im Musikvereinssaal 1.500 Besucher gezählt
hat und weitere 500 Personen keinen Einlass mehr erhalten haben. „Man kann
sich in Wien nicht mehr darauf verlassen“, heißt es in der »Reichspost«
vom 4. Mai, „daß der große Musikvereinssaal vor Ueberfüllung
sicher ist, wenn er eine von der Großpresse totgeschwiegene Veranstaltung
beherbergt.“
Auf dem Programm vom 2. Mai 1912 steht eine Feier zum 50. Todestag von
Johann Nestroy. Vortragender resp. Vorlesender ist der 1874 in Jicín
in Böhmen geborene und 1936 in Wien, einige Meter von hier entfernt,
verstorbene Karl Kraus, dessen Lebenswerk die 1899 bis 1936 in 922 Nummern
und 415 Heften mit insgesamt 22.586 Seiten in Wien herausgegebene Zeitschrift
»Die Fackel« ist.
Das Wort „Raumgenossenschaft“, das ich meinen Ausführungen vorangestellt
habe, habe ich in der »Fackel« kennen gelernt. Es ist kein
Wort, das im »Grimm« oder bei »Sanders« zu finden
ist. Auch die zehnbändige Auflage des »Duden« nennt es
nicht. Für ihre herausragendste Zeitschrift haben die professionellen
Genossen des deutschen Sprachraums vergleichsweise wenig Interesse. Im
umfangreichsten und schwierigsten Heft dieser Zeitschrift, in jenem Heft
vom Juli 1934, das den Titel trägt „Warum die Fackel nicht erscheint“
und das die wichtigste zeitgenössische Auseinandersetzung der deutschen
Literatur mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus ist, in diesem
»Fackel«-Heft steht der Begriff der „Raumgenossenschaft“ am
Anfang und am Ende, beide Male in der Nachbarschaft von „Alphabet“ resp.
„Analphabeten“ - Kennworte, die ich auf dem Programm Ihres Kongresses nicht
gefunden habe, obgleich auch sie Signale für Zeitenwenden sein können.
Die Auseinandersetzung, die das Schönberg-Konzert vom 31. März 1913 auslöst, hat ihre Reflexe auch in der »Fackel«. „Aber ich glaube,“ heißt es in den „Notizen“ des »Fackel«-Heftes vom 8. Mai 1913, „daß der »Schönberg-Skandal« nichts mit der Frage zu tun hat, wie man sich zur neuen Musik stellt, sondern nur mit der Frage, wie man sich während einer Produktion, die einem mißfällt, in Gegenwart anderer Leute zu benehmen hat, die ihr Urteil erst nach der Produktion abzugeben wünschen. Da wäre es nun wohl das einfachste, mit diesen Leuten zu warten und nachher entweder zu applaudieren oder zu zischen.“
„Applaudieren“ oder „zischen“ - so einfach, wie wir anzunehmen geneigt sind, hochgeschätztes Auditorium, ist es mit dieser Antinomie nicht. Durch den „Applaus“, heißt es in der »Fackel«, wird das Publikum zusammengehalten. „Zischen“ hingegen ist eine „persönliche Angelegenheit, die eine Individualität aus dem Rahmen des Publikums hervortreten läßt“. „Applaus“, so Karl Kraus, „mag erkauft, Zischen muß ehrlich sein.“ Zu beidem und zu beidem in Ehrlichkeit haben Sie im Anschluss an die gegenwärtigen Ausführungen Gelegenheit.
Lassen wir die von Kraus kommentierte Veranstaltung. Gehen wir zu der
über, für die Kraus selbst verantwortlich ist. Das Miteinander
derer, die der Feier vom 2. Mai 1912 in diesem Saale beigewohnt haben,
soll uns nicht beschäftigen. Angesichts des schon erwähnten Schweigens
der Kritik wissen wir zu wenig darüber. Doch es gibt hier eine ganz
besondere Art der „Raumgenossenschaft“. Was Karl Kraus zum fünfzigsten
Todestag Johann Nestroys vorgetragen hat, trifft auch eine „Internationale
Vereinigung für Germanische Sprach- und Literaturwissenschaft“, die
88 Jahre später im selben Saal ihr fünfzigjähriges Bestehen
feiert.
Anders als beim Schönberg-Konzert im März 1913 und anders
als beim philharmonischen Konzert im März 1938 werden wir oder jedenfalls
ein Teil von uns diesmal direkt angesprochen, nämlich als „Literarhistoriker“.
Auf die anderen Kennworte, die Karl Kraus in diesem Raume für unsereinen
verwendet, und auf die verschiedenen Umschreibungen und Beschreibungen
akademischen Tuns insgesamt will ich hier nicht näher eingehen. Wir
wollen den „goldenen“ Saal des Wiener Musikvereins nicht zum Erröten
bringen, welcher Art die Talente sind, die er heute beherbergt oder die
sich jedenfalls für das interessieren, was sich heute hier tut, jene
Talente, deren „Witz mit der Welt läuft“ und diese dort trifft, „wo
sie gekitzelt sein“ will. Außerdem stehen wir am Beginn eines wissenschaftlichen
Großkongresses. Für eine solche Veranstaltung ist jener Satz
nicht zu brauchen, mit dem Kraus Nestroys „Sprach- und Sprechwitz“ rühmt:
„Wie holt er“, so Kraus über Nestroy, „die terminologische Anmaßung
heraus, mit der sich leere Fächer vor der wissensgläubigen Menschheit
füllen“.
Das Prosastück des Karl Kraus über Johann Nestroy kann hier
und heute nicht Gegenstand einer Würdigung sein. Wer solches vorhat,
sollte sich von dem aus Böhmen stammenden Kurt Krolop zu diesem Text
hinführen lassen. Es fehlt uns, um dieses im Großen Wiener Musikvereinssaal
vorgetragene Stück deutscher Prosa lesen zu lernen, nicht zuletzt
an Zeit. Nicht nur sein Gedankengang, schon viele der Worte und Wendungen,
auf die wir in diesen Sätzen stoßen, entziehen sich dem raschen
Zugriff. Was ein „Wissenschaftlhuber“ ist, lässt sich noch ohne Hilfe
eines Wörterbuches in wünschenswerter Flinkheit kommentieren.
Doch selbst wenn es ein rasch konsumierbares Wörterbuch - ein Nachschlagewerk
- zur »Fackel« gäbe - es könnte bestenfalls als Instrument
einer ersten Information unsere Bedürfnisse befriedigen. Als flinkes
Instrument eben. Als solches wäre es Karl Kraus aber unangemessen.
„Man kann seine Sprache nicht übersetzen.“ Was Kraus über Nestroy
gesagt hat, das gilt auch, wenn wir Kraus zu lesen versuchen. Das Scheitern
Ihrer Veranstaltung würde exemplarisch und signalhaft kenntlich, wenn
Sie dem Versuch Ihre Zustimmung erteilten, dass jenes Begriffspaar übersetzt
wird, mit dem Karl Kraus hier in diesem Raum uns bedacht hat. „Phraseure
und Riseure“ nennt er uns. „Schwätzer und Spötter“ erläutert
ein kundiger Kommentator. Der Ernst und der Witz des Kraus’schen Begriffspaares,
die „phraseologische Knechtung“ durch unsere Disziplinen und das Lockenwicklerische
unseres Tuns, sind damit völlig verdampft.
„Phraseure und Riseure“. Das Gelingen Ihrer Veranstaltung würde
kenntlich, wenn jeder der Teilnehmer auf der Heimreise diese Zwillingsformel
als „Contrebande“ „im Kopfe stecken“ hätte. „Phraseure und Riseure“.
Ein „absatzloses“ Beispiel deutscher Prosa hat Karl Kraus seine Ausführungen
über „Nestroy und die Nachwelt“ genannt. Der Doppelsinn dieser Kennzeichnung
ist leicht wahrzunehmen. Zu kommentieren ist er schwer. Dass Karl Kraus,
was er hier im Musikvereinssaal vorgetragen hat, auch ein Stück ohne
Beredsamkeit nennt, müsste in die Würdigung dieses Gebildes einbezogen
werden, das wir gemeinhin als „Gedenkrede“ bezeichnen. Doch was ich andeuten
wollte, ist lediglich, dass diese Prosa von 1912 auf vielfältige Weise
mit jenen zu tun hat, die aus vielen Räumen dieser Welt kommend sich
heute als Germanisten „auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert“ im Wiener
Musikvereinssaal versammeln.
Wenn Germanistik auch in kommunikativer Weise mit jenem „Inter“ zu
tun hat, das in anderer Funktion im Namen Ihrer Vereinigung figuriert,
wenn wir als Berufsgenossen allesamt mit der Vermittlung von Sprache und
Literatur zu tun haben, so gibt es in diesem Stück ohne Absatz und
ohne Beredsamkeit noch manches zu finden, was aus diesem Raum mitzunehmen
sich lohnte, auch wenn es sich als dornig für uns erweisen sollte.
So etwa an seinem Eingang der Satz: „Der Geber verliert, die Beschenkten
verarmen, und die Vermittler haben zu leben.“
Nicht ohne Beredsamkeit, sondern gegen alle Regeln der Beredsamkeit
habe ich versucht, Ihnen, sehr geehrte Zuhörer, einige Zusammenkünfte
nahe zu bringen, die im vergangenen Jahrhundert - oder wahrscheinlich sollte
es korrekter heißen: in diesem Jahrhundert - Menschen in eben
dem Raume zusammengeführt haben, in dem wir heute zusammengekommen
sind.
Über die Abfolge dieser Zusammenkünfte habe ich nicht gesprochen. „Nestroy und die Nachwelt“ steht am Anfang, „absatzlos“ heute wie einst, dann kommt der Schönberg-Skandal mit den Ohrfeigen, die junge Männer jungen Männern versetzen, dann das „Festkonzert“ vor dem Bild des Führers, den Österreich „dem deutschen Volke geschenkt“ hat, dann die vom „X. Internationalen Germanistenkongress“ proklamierte „Zeitenwende“.
All das in diesem Saal, in dem „Seine Majestät der Kaiser“ am 5. Jänner des Jahres 1870 den Schlussstein des neuen Musikvereinsgebäudes gelegt hat, „unter den üblichen Hammerschlägen“, wie es in den zeitgenössischen Berichten heißt. Auf die „üblichen“ Schläge sollten wir im September des Jahres 2000 verzichten.
Ein erster Baustein aber könnte gelegt werden, wenn wir jenseits
aller Angaben des Kalenders und des Dezimalsystems und jenseits des Faktums
von Generationenablösen ernsthaft darüber nachdenken wollten,
was denn das ist: dass eine Zeit sich wendet. Ein solches Wort nicht nur
zu beschwören, sondern zu prüfen, woran für Menschen aus
ganz verschiedenen Lebensräumen gleichermaßen die Wende einer
Zeit erkennbar wird, das müßte uns beschäftigen. Die Zeiten,
die der Raum überdauert hat, in dem diese Tagung eröffnet wird,
sollten vor aller Rede über „Zeitenwende“ und vor aller Metaphorik
des „Weges“ für die Frage empfänglich machen, wo wir zur Zeit
überhaupt sind.
Haben wir eine gemeinsame Antwort darauf ?