Werner Welzig, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften:
 
 
„Raumgenossenschaft. Rede zur Eröffnung des X. Internationalen Germanistenkongresses"
„Zeitenwende - Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert“.
10.-16. September 2000 an der Universität Wien
http://www.univie.ac.at/Germanistik/ivg/


 

Hochgeschätztes Auditorium!
 

Die für den „X. Internationalen Germanistenkongress“ Verantwortlichen haben mich vor einigen Wochen eingeladen, an dieser Feierstunde als Sprecher teilzunehmen. Ich empfinde diese Einladung als ehrenvoll. Ich habe sie mit Dank angenommen. Zu einem „Festvortrag“, wie es in der an mich ergangenen Einladung geheißen hat, fühle ich mich allerdings außer Stande. Im Gegensatz zur Orgel an der Stirnseite dieses Saales ist Registerarmut professoraler Rede eigentümlich. Und auch ein „Eröffnungsvortrag“, wie es in synonym gemeinter Abwandlung von „Festvortrag“ geheißen hat, kann nicht meine Sache sein. Wer wollte es wagen, den von Plenarvorträgen und hunderten Referaten gesäumten Weg der Germanistik ins 21. Jahrhundert zu eröffnen, den Ihre Veranstaltung zu markieren beabsichtigt! Wer hätte die Stirn, ein Programm programmatisch einzuleiten, das, so wie das Ihre, eine „Zeitenwende“ kenntlich machen will!

Um dem erkennbar werdenden Mangel an Rhetorik entgegenzuwirken, haben die Veranstalter im letzten Moment in meinen Themenvorschlag das Wort „Rede“ eingefügt. „Rede zur Eröffnung ...“ : diesen Anspruch - ich muss bitten, das unmissverständlich sagen zu dürfen - habe nicht ich erhoben. Keine „Rede“, und insbesondere - ich hoffe auf Ihr Verständnis - keine Rede als Übergang vom „Schlafe Dornröschens“ zum Rondo einer „Kleinen Nachtmusik“.

 
Was ich als Beitrag zu Ihrer Veranstaltung in diesem „goldenen“ Saal anbiete, ist sowohl im Hinblick auf das Genus wie auch im Hinblick auf den Gegenstand etwas anderes als das von mir Erbetene. Ich will in skizzenhafter Weise zu dem RAUM hinführen, in dem wir uns soeben befinden. Eine auch nur abrisshafte GESCHICHTE des HAUSES, des sogenannten „neuen Musikvereinsgebäudes“, das seine Entstehung ebenso wie die sogenannte „neue Universität“, an der Ihr Kongress in den nächsten Tagen stattfinden wird, der Erweiterung Wiens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdankt, und dessen Schlussstein von Franz Josef  I.  am 5. Jänner 1870 gelegt wurde, eine solche GESCHICHTE ist nicht meine Absicht. Und eine BESCHREIBUNG dieses Saales, in dem am 6. Jänner 1870 das erste Konzert stattgefunden hat, kann ebenfalls nicht mein Vorhaben sein. Das Fernsehen hat den Raum, in dem wir versammelt sind, zum wahrscheinlich weltweit bekanntesten Konzertsaal gemacht. Das Neujahrskonzert 2000 ist von hier in vierzig Länder übertragen worden, von Albanien, Armenien und Australien über Brasilien, China und Japan, Malta und Mazedonien bis in die Ukraine, nach Ungarn, in die USA und nach Zypern. Angesichts der um den Erdball wandernden Bilder brauche ich, hinter ein Rednerpult gebannt, nichts Räumliches nachzuzeichnen. Ich will mich damit begnügen, Ihre Aufmerksamkeit auf einige Zusammenkünfte zu lenken. Diese Zusammenkünfte sollten geeignet sein, unser Vorstellungsvermögen zu beleben, was im selben Raum zu verschiedenen Zeitpunkten sich ereignen kann. Dass auch eine ganze Stadt für Zusammenkünfte ein und derselbe Raum sein kann, sollten wir  dabei nicht vergessen.

Auf die Zusammenkunft, auf die ich als erste hinweisen will, bin ich entlang einer schmalen, aber nun schon relativ weit zurückreichenden Spur meiner eigenen Arbeit gestoßen. Sie führt in jene Zeit, die man  heute die „gute alte“ zu nennen pflegt. An einem Wochentag wie diesem, am Montag, dem 31. März des Jahres 1913, findet in diesem Saal ein Konzert statt. Dirigent ist Arnold Schönberg. Veranstalter ist der „Akademische Verband für Literatur und Musik in Wien“. Auf dem Programm stehen Werke von Schönberg selbst, von Anton Webern und Alexander Zemlinsky, ferner zwei Orchesterlieder Alban Bergs nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg und zuletzt die „Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler. Einer der Besucher dieses Konzertes ist der in Ihrem Programm mehrfach genannte Arthur Schnitzler. „Abd. mit O. Schönberg Orchesterconcert“ heißt es unter dem 31/3 in Schnitzlers Tagebuch. „Ungeheure Skandale. Alban Berg's alberne Lieder. Unterbrechungen. Gelächter. Rede des Praesidenten. „Hören Sie wenigstens Mahler in Ruhe an!“ Als wär es gegen den gegangen! „Unverschämtheit -“ - Einer im Parket „Lausbub“. Der Herr vom Podium ins Parquet, unter athemloser Stille; haut ihm eine herunter. Rauferei allerorten.-“

Schnitzlers Tagebucheintragung, die ich da zitiert habe, und die ihrerseits voll von Zitaten ist, verbindet Nachzeichnung eines Geschehens, Deutung dieses Geschehens und ästhetisches Urteil. Der um ein Vielfaches längere Bericht im »Neuen Wiener Tagblatt« vom 1. April ist um vieles beschränkter, auf skandalöses gesellschaftliches Geschehen konzentriert. Zwar ist hier auch von der von Schnitzler erwähnten „Ohrfeige“ - in anderen Regionen der deutschen Sprache: „Backpfeife“ - die Rede.
Der Ohrfeigende ist der „Obmann“ des veranstaltenden Verbandes, der „Praesident“, wie ihn Schnitzler nennt. Er ist vierundzwanzig Jahre alt. Erhard Buschbeck ist sein Name. Dieser „Praesident“ versetzt die „Ohrfeige“, wie es heißt, einem „jungen Mann“, und zwar „angesichts des ganzen Publikums“. Das »Tagblatt« berichtet darüber hinaus von „heftig gestikulierenden und schreienden Menschen“, von Akademikern, die „das Faustrecht proklamieren“, von „wüstem“ und „unbeschreiblichem“ Lärm, von „Prügeleien“ und insgesamt von einer „Verwilderung“, die nach Auffassung des Berichterstatters ein „Spiegelbild unsrer allseits vergifteten Kunstzustände“ ist. Auch das vom Journalisten zitierte Wort lässt sich nicht lumpen. „Hinaus mit der B a g a g e! “ ruft einer der aufgeführten Komponisten. Der Zeitungsschreiber unterstützt die Erregung durch Sperrung. Ein anderer Rufer, von dem nicht klar wird, ob auch er einer der Komponisten ist, schreit „Haltet das Maul!“ Selbst als das Orchester angesichts dieser Zustände den Saal verlassen hat, verliert die Szene nichts von ihrem Faszinosum. Der Lärm tobt, wie der Journalist vermeldet, „gleichwohl immer weiter“. Ohne den Leser darüber zu informieren, wer wen meint, gibt er weiterhin Rufe aus dem Publikum wieder. „Schicken Sie alle die Narren nach Steinhof!“ Und: „Steinhof ist nicht groß genug.“

„Nach Steinhof!“ Ihrer Tagung könnten allein aus diesem Zwischenruf zusätzliche Aufgaben erwachsen. Exemplarische Vermittlungs- und Übersetzungsprobleme wären zu studieren. Ich begnüge mich mit der Erwartung, dass die österreichischen Kollegen im Laufe dieser Woche imstande sein werden, ihre auswärtigen Gäste über den Sinn dieser Wendung hinreichend in Kenntnis zu setzen. „Nach Steinhof!“

Wir bleiben im Musikvereinssaal und verlassen den Abend des 31. März 1913, obwohl andere öffentliche Journale noch andere Aspekte des Geschehens vorzuführen geeignet wären. Die »Arbeiter-Zeitung«, das »Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich«, empfiehlt, statt von den „Veranstaltern“ besser von den „Verübern“ dieses Abends zu sprechen. Sie sagt, dass auf den Skandal schon vor dem Konzert „geradezu hingearbeitet“ worden sei. Unter den „Jünglingen“, die, wie die »Arbeiter-Zeitung« schreibt, im Konzert selbst die Szene angeheizt haben, seien „etwelche“ gewesen, für die keine „psychiatrischen Milderungsgründe“ geltend gemacht werden könnten. Anders wiederum ist die Wortwahl in Österreichs größter Tageszeitung. Sie nennt Schönbergs Anhänger „fanatisch“, seine Gegner hingegen sind ihrer Kennzeichnung zufolge „überzeugt“. Von Schnitzlers Journal bis zur »Neuen Freien Presse«: alles scheinbar sachliche Informationen, aber alles jeweils anders.

„Nach Steinhof!“ Dieser Ruf, der am 31. März des Jahres 1913 durch den „Großen Musikvereinssaal“ gellt, offensichtlich ausgelöst durch Alban Bergs Lieder nach Texten von Peter Altenberg, bekommt eine andere Qualität, wenn wir bereit sind, in Schnitzlers Tagebuch über diesen 31.3. hinaus ein kleines Stück weiterzulesen. Am Sonntag, dem 20.4., beginnt Schnitzlers Eintragung mit den Worten: „Vm. nach Steinhof, wegen P. Altenberg. Er will durchaus fort. Wie ich richtig vermuthet, ist er heute so wenig oder sosehr wahnsinnig als je.“

Soweit der Große Musikvereinssaal als Ort der  Exaltiertheit, der Bosheit und des Streites. Besuchen wir ihn als Ort der Übereinstimmung, einer Übereinstimmung, die mit der Geschichte dieses Landes, aber auch mit der Geschichte des Faches oder der Fächer zu tun hat, dessentwegen oder derentwegen Sie im Jahr 2000 in Wien zusammenkommen.

Es ist ziemlich genau ein Vierteljahrhundert später. Am 22. und am 23. März 1938 berichten die Zeitungen über ein „Festkonzert“ der Wiener Philharmoniker. Nicht bloß über ein „Philharmonisches Konzert“, dessen Tradition im übrigen älter ist als dieser Saal. Von einem „Festkonzert“ ist ausdrücklich die Rede. Dirigent ist Hans Knappertsbusch.
Ich zitiere aus der »Neuen Freien Presse«:

„Der prächtige, in Grün geschmückte Saal mit dem Bilde des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler und den zahlreichen Hakenkreuzfahnen bot einen feierlichen Anblick. Das Konzert wurde mit dem Deutschland- und dem Horst-Wessel-Lied eröffnet. Dann folgten die Darbietungen unserer Philharmoniker, die von dem festlich gestimmten Publikum, das den Saal bis auf das letzte Plätzchen erfüllte, mit stürmischem Beifall belohnt wurden. Besonders nach der Achten Symphonie Anton Bruckners, des Meisters aus Oberösterreich, dem Lande, das dem deutschen Volke den Führer Adolf Hitler geschenkt hat, wollte der Beifall kein Ende nehmen.

Der »Völkische Beobachter«, von dem es seit 16. März 1938 auch eine Wiener Ausgabe gibt, wenngleich vorerst in kleinerem Format als in Berlin, leitet seinen Bericht ebenfalls mit einer Raumdarstellung ein:

Der Große Musikvereinssaal „prangt“ hier in „farbenfrohem Flaggenschmuck und ist von einem festlich gekleideten, andächtig lauschenden Publikum erfüllt“. Der Raum ist diesmal mehr als bloßer Rahmen. In seiner „festlichen“ Ausstattung ermöglicht er erst das Verständnis des Musikwerkes. Um die achte Symphonie von Anton Bruckner hören zu können, muss man schauen:
„Der Anblick des gewissermaßen unter der Patronanz des geschmückten Führerbildes konzertierenden Riesenorchesters läßt die Gedankenverbindung begreiflich erscheinen, daß beide, Schirmherr und Schöpfer des Kunstwerks, der gleichen Heimat, dem in den letzten Tagen so stolz gewordenen Oberösterreich, entstammen.“ - „Eines muß aber vor aller Öffentlichkeit gesagt werden:“, so schließt der »Völkische Beobachter«,
„Wir pfeifen, mit Respekt zu sagen, auf Herrn Toscanini und seine jüdischen Reklametrommler“ und „ergötzen uns lieber an den Spitzenleistungen wahrhaft deutscher Dirigenten“.

Zu „Spitzenleistungen“ - so nehme ich an - sind viele der heute hier Anwesenden fähig. Was hingegen „wahrhaft deutsche“ Germanisten sind, entzieht sich meinem Urteil. „Nach Steinhof!“? Nein!

Was ich von einem weder „andächtig lauschenden“, noch einem „sich ergötzenden“ Publikum erbitte, ist etwas ebenso Schwieriges wie Einfaches. Wir sollten darüber nachdenken, was wir aus jener „Raumgenossenschaft“ lernen können, in die die Eröffnung dieses Germanistenkongresses im September 2000 mit den Zusammenkünften im März 1938 und im März 1913 gebracht wird. Und mit anderem mehr.

Dass die heute hier anwesenden Österreicher keine ‚Zeit- und Gesinnungsgenossen‘ derer sind, die im März 1938 „Andacht“ und „Ergötzen“ an den Tag gelegt haben, davon sollte auszugehen sein. Unsere deutschen Kolleginnen und Kollegen mögen Verständnis dafür aufbringen, dass wir trotz allem, was uns zwischen Wien und Berlin gemeinsam ist, und obwohl eine deutsche Wissenschaftsministerin dieser Tage kundgetan hat, dass man in Österreich Deutsch „als erste Fremdsprache“ lerne, und die »Frankfurter Allgemeine« dieser Mitteilung auf der ersten Seite Raum gegeben hat, offensichtlich im richtigen Bewusstsein eines erheblichen Neuigkeitswertes dieser Nachricht - unsere deutschen Kolleginnen und Kollegen mögen trotz aller syntaktischen Holprigkeit Verständnis dafür aufbringen, dass wir nichts mit jener Titelzeile zu tun haben wollen, die auf der ersten Seite der »Neuen Freien Presse« vom 23. März 1938, also noch mehr als zwei Wochen vor Hitlers Volksabstimmung, in redensartlicher Weise die politische Situation präsentiert: „Ostmärker Schulter an Schulter mit der Westmark“.

„Schulter an Schulter“. Ich gerate auf eine andere, jüngere Spur meiner Arbeit. ‚Schulter an Schulter‘. Fünf Tage vor dieser beschwörenden redensartlichen Zeile hat man den seit 1918 im Amt befindlichen Chefredakteur der »Neuen Freien Presse«, Julian Sternberg ist sein Name, seiner Funktion enthoben. Nach dem 31. Jänner 1939 gibt es nicht nur diesen Chefredakteur, sondern auch die Zeitung nicht mehr.

Wenden wir uns einer dritten Zusammenkunft zu. Wiederum ist der Ort des Geschehens dieser ‚unser‘ Saal. Veranstalter ist derselbe „Akademische Verband für Literatur und Musik“, den wir beim Schönberg-Konzert vom 31. März 1913 kennen gelernt haben. Das Datum des Geschehens ist diesmal der 2. Mai 1912.
Die »Neue Freie Presse« berichtet über diese Veranstaltung nicht, obwohl man damals im Musikvereinssaal 1.500 Besucher gezählt hat und weitere 500 Personen keinen Einlass mehr erhalten haben. „Man kann sich in Wien nicht mehr darauf verlassen“, heißt es in der »Reichspost« vom 4. Mai, „daß der große Musikvereinssaal vor Ueberfüllung sicher ist, wenn er eine von der Großpresse totgeschwiegene Veranstaltung beherbergt.“

Auf dem Programm vom 2. Mai 1912 steht eine Feier zum 50. Todestag von Johann Nestroy. Vortragender resp. Vorlesender ist der 1874 in Jicín in Böhmen geborene und 1936 in Wien, einige Meter von hier entfernt, verstorbene Karl Kraus, dessen Lebenswerk die 1899 bis 1936 in 922 Nummern und 415 Heften mit insgesamt 22.586 Seiten in Wien herausgegebene Zeitschrift »Die Fackel« ist.
Das Wort „Raumgenossenschaft“, das ich meinen Ausführungen vorangestellt habe, habe ich in der »Fackel« kennen gelernt. Es ist kein Wort, das im »Grimm« oder bei »Sanders« zu finden ist. Auch die zehnbändige Auflage des »Duden« nennt es nicht. Für ihre herausragendste Zeitschrift haben die professionellen Genossen des deutschen Sprachraums vergleichsweise wenig Interesse. Im umfangreichsten und schwierigsten Heft dieser Zeitschrift, in jenem Heft vom Juli 1934, das den Titel trägt „Warum die Fackel nicht erscheint“ und das die wichtigste zeitgenössische Auseinandersetzung der deutschen Literatur mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus ist, in diesem »Fackel«-Heft steht der Begriff der „Raumgenossenschaft“ am Anfang und am Ende, beide Male in der Nachbarschaft von „Alphabet“ resp. „Analphabeten“ - Kennworte, die ich auf dem Programm Ihres Kongresses nicht gefunden habe, obgleich auch sie Signale für Zeitenwenden sein können.
 

Die Auseinandersetzung, die das Schönberg-Konzert vom 31. März 1913 auslöst, hat ihre Reflexe auch in der »Fackel«. „Aber ich glaube,“ heißt es in den „Notizen“ des »Fackel«-Heftes vom 8. Mai 1913, „daß der »Schönberg-Skandal« nichts mit der Frage zu tun hat, wie man sich zur neuen Musik stellt, sondern nur mit der Frage, wie man sich während einer Produktion, die einem mißfällt, in Gegenwart anderer Leute zu benehmen hat, die ihr Urteil erst nach der Produktion abzugeben wünschen. Da wäre es nun wohl das einfachste, mit diesen Leuten zu warten und nachher entweder zu applaudieren oder zu zischen.“

„Applaudieren“ oder „zischen“ - so einfach, wie wir anzunehmen geneigt sind, hochgeschätztes Auditorium, ist es mit dieser Antinomie nicht. Durch den „Applaus“, heißt es in der »Fackel«, wird das Publikum zusammengehalten. „Zischen“ hingegen ist eine „persönliche Angelegenheit, die eine Individualität aus dem Rahmen des Publikums hervortreten läßt“. „Applaus“, so Karl Kraus, „mag erkauft, Zischen muß ehrlich sein.“ Zu beidem und zu beidem in Ehrlichkeit haben Sie im Anschluss an die gegenwärtigen Ausführungen Gelegenheit.

Lassen wir die von Kraus kommentierte Veranstaltung. Gehen wir zu der über, für die Kraus selbst verantwortlich ist. Das Miteinander derer, die der Feier vom 2. Mai 1912 in diesem Saale beigewohnt haben, soll uns nicht beschäftigen. Angesichts des schon erwähnten Schweigens der Kritik wissen wir zu wenig darüber. Doch es gibt hier eine ganz besondere Art der „Raumgenossenschaft“. Was Karl Kraus zum fünfzigsten Todestag Johann Nestroys vorgetragen hat, trifft auch eine „Internationale Vereinigung für Germanische Sprach- und Literaturwissenschaft“, die 88 Jahre später im selben Saal ihr fünfzigjähriges Bestehen feiert.
Anders als beim Schönberg-Konzert im März 1913 und anders als beim philharmonischen Konzert im März 1938 werden wir oder jedenfalls ein Teil von uns diesmal direkt angesprochen, nämlich als „Literarhistoriker“. Auf die anderen Kennworte, die Karl Kraus in diesem Raume für unsereinen verwendet, und auf die verschiedenen Umschreibungen und Beschreibungen akademischen Tuns insgesamt will ich hier nicht näher eingehen. Wir wollen den „goldenen“ Saal des Wiener Musikvereins nicht zum Erröten bringen, welcher Art die Talente sind, die er heute beherbergt oder die sich jedenfalls für das interessieren, was sich heute hier tut, jene Talente, deren „Witz mit der Welt läuft“ und diese dort trifft, „wo sie gekitzelt sein“ will. Außerdem stehen wir am Beginn eines wissenschaftlichen Großkongresses. Für eine solche Veranstaltung ist jener Satz nicht zu brauchen, mit dem Kraus Nestroys „Sprach- und Sprechwitz“ rühmt: „Wie holt er“, so Kraus über Nestroy, „die terminologische Anmaßung heraus, mit der sich leere Fächer vor der wissensgläubigen Menschheit füllen“.
Das Prosastück des Karl Kraus über Johann Nestroy kann hier und heute nicht Gegenstand einer Würdigung sein. Wer solches vorhat, sollte sich von dem aus Böhmen stammenden Kurt Krolop zu diesem Text hinführen lassen. Es fehlt uns, um dieses im Großen Wiener Musikvereinssaal vorgetragene Stück deutscher Prosa lesen zu lernen, nicht zuletzt an Zeit. Nicht nur sein Gedankengang, schon viele der Worte und Wendungen, auf die wir in diesen Sätzen stoßen, entziehen sich dem raschen Zugriff. Was ein „Wissenschaftlhuber“ ist, lässt sich noch ohne Hilfe eines Wörterbuches in wünschenswerter Flinkheit kommentieren. Doch selbst wenn es ein rasch konsumierbares Wörterbuch - ein Nachschlagewerk - zur »Fackel« gäbe - es könnte bestenfalls als Instrument einer ersten Information unsere Bedürfnisse befriedigen. Als flinkes Instrument eben. Als solches wäre es Karl Kraus aber unangemessen. „Man kann seine Sprache nicht übersetzen.“ Was Kraus über Nestroy gesagt hat, das gilt auch, wenn wir Kraus zu lesen versuchen. Das Scheitern Ihrer Veranstaltung würde exemplarisch und signalhaft kenntlich, wenn Sie dem Versuch Ihre Zustimmung erteilten, dass jenes Begriffspaar übersetzt wird, mit dem Karl Kraus hier in diesem Raum uns bedacht hat. „Phraseure und Riseure“ nennt er uns. „Schwätzer und Spötter“ erläutert ein kundiger Kommentator. Der Ernst und der Witz des Kraus’schen Begriffspaares, die „phraseologische Knechtung“ durch unsere Disziplinen und das Lockenwicklerische unseres Tuns, sind damit völlig verdampft.
„Phraseure und Riseure“. Das Gelingen Ihrer Veranstaltung würde kenntlich, wenn jeder der Teilnehmer auf der Heimreise diese Zwillingsformel als „Contrebande“ „im Kopfe stecken“ hätte. „Phraseure und Riseure“.

Ein „absatzloses“ Beispiel deutscher Prosa hat Karl Kraus seine Ausführungen über „Nestroy und die Nachwelt“ genannt. Der Doppelsinn dieser Kennzeichnung ist leicht wahrzunehmen. Zu kommentieren ist er schwer. Dass Karl Kraus, was er hier im Musikvereinssaal vorgetragen hat, auch ein Stück ohne Beredsamkeit nennt, müsste in die Würdigung dieses Gebildes einbezogen werden, das wir gemeinhin als „Gedenkrede“ bezeichnen. Doch was ich andeuten wollte, ist lediglich, dass diese Prosa von 1912 auf vielfältige Weise mit jenen zu tun hat, die aus vielen Räumen dieser Welt kommend sich heute als Germanisten „auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert“ im Wiener Musikvereinssaal versammeln.
Wenn Germanistik auch in kommunikativer Weise mit jenem „Inter“ zu tun hat, das in anderer Funktion im Namen Ihrer Vereinigung figuriert, wenn wir als Berufsgenossen allesamt mit der Vermittlung von Sprache und Literatur zu tun haben, so gibt es in diesem Stück ohne Absatz und ohne Beredsamkeit noch manches zu finden, was aus diesem Raum mitzunehmen sich lohnte, auch wenn es sich als dornig für uns erweisen sollte. So etwa an seinem Eingang der Satz: „Der Geber verliert, die Beschenkten verarmen, und die Vermittler haben zu leben.“
Nicht ohne Beredsamkeit, sondern gegen alle Regeln der Beredsamkeit habe ich versucht, Ihnen, sehr geehrte Zuhörer, einige Zusammenkünfte nahe zu bringen, die im vergangenen Jahrhundert - oder wahrscheinlich sollte es korrekter heißen: in diesem Jahrhundert - Menschen in eben dem Raume zusammengeführt haben, in dem wir heute zusammengekommen sind.

Über die Abfolge dieser Zusammenkünfte habe ich nicht gesprochen. „Nestroy und die Nachwelt“ steht am Anfang, „absatzlos“ heute wie einst, dann kommt der Schönberg-Skandal mit den Ohrfeigen, die junge Männer jungen Männern versetzen, dann das „Festkonzert“ vor dem Bild des Führers, den Österreich „dem deutschen Volke geschenkt“ hat, dann die vom „X. Internationalen Germanistenkongress“ proklamierte „Zeitenwende“.

All das in diesem Saal, in dem „Seine Majestät der Kaiser“ am 5. Jänner des Jahres 1870 den Schlussstein des neuen Musikvereinsgebäudes gelegt hat, „unter den üblichen Hammerschlägen“, wie es in den zeitgenössischen Berichten heißt. Auf die „üblichen“ Schläge sollten wir im September des Jahres 2000 verzichten.

Ein erster Baustein aber könnte gelegt werden, wenn wir jenseits aller Angaben des Kalenders und des Dezimalsystems und jenseits des Faktums von Generationenablösen ernsthaft darüber nachdenken wollten, was denn das ist: dass eine Zeit sich wendet. Ein solches Wort nicht nur zu beschwören, sondern zu prüfen, woran für Menschen aus ganz verschiedenen Lebensräumen gleichermaßen die Wende einer Zeit erkennbar wird, das müßte uns beschäftigen. Die Zeiten, die der Raum überdauert hat, in dem diese Tagung eröffnet wird, sollten vor aller Rede über „Zeitenwende“ und vor aller Metaphorik des „Weges“ für die Frage empfänglich machen, wo wir zur Zeit überhaupt sind.
Haben wir eine gemeinsame Antwort darauf ?


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Letzte Änderung: 13.09.2000 11:52