Mendel-Lectures 1999/2000

Bedeutung der Biowissenschaften für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik


Die Erkenntnisse und Entwicklungen von Naturwissenschaft und Technik verändern immer mehr die Lebensbedingungen des Einzelnen und der Gesellschaft. Die Errungenschaften in diesen Bereichen werden jedoch von der Öffentlichkeit kaum als kulturelle Leistungen wahrgenommen, und wegen der fachspezifischen Sprache der Naturwissenschaften sind ihre Arbeitsmethoden, Inhalte und Zusammenhänge für Nichtwissenschaftler meist unverständlich. Daher werden an der Schwelle zum 21. Jahrhundert auch manche chancenreichen Fortschritte der Naturwissenschaft als riskant, wenn nicht als individuell bedrohlich empfunden. Stärker als bisher wird die Wissenschaft den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen müssen, um das Bild vom wissenschaftlichen Fortschritt in der Gesellschaft zu verbessern und die Öffentlichkeit in die Lage zu versetzen, sachkundig am Dialog teilzunehmen.

Die Vortragsreihe „Mendel und die Biowissenschaften. Bedeutung für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im kommenden Jahrhundert“ wurde im Vorjahr initiiert mit dem Ziel, über Trends und neue Erkenntnisse der „New Life Sciences“ zu informieren und vom derzeitigen Wissensstand ausgehend längerfristige Perspektiven zu entwickeln. Veranstalter sind die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (I.M.P.) und der Industriellenvereinigung Wien. Die nach dem Entdecker der Vererbungsgesetze benannte Reihe - kurz „Mendel Lectures“ - wird im Herbst 1999 bis in das Frühjahr 2000 fortgesetzt. Im Vordergrund stehen aktuelle Probleme und Ergebnisse der Molekul- und Entwicklungsbiologie sowie der Evolutionsforschung. Dazu kommen ein Vortrag zum heute so aktuellen Problemkreis der Biodiversität und ein Beitrag zu den demographisch-sozialmedizinischen Entwicklungen am Ende des Jahrhunderts. International höchst anerkannte Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern werden den komplexen Stoff anschaulich aufbereiten und in verständlicher Form vermitteln.

Eindrucksvolle Persönlichkeiten der Wissenschaft, die glaubhaft ihre Begeisterung an der wissenschaftlichen Forschungsarbeit verkörpern, können der Jugend als Vorbilder dienen. Im Zusammenhang mit der Vortragsserie organisiert daher der Stadtschulrat für Wien Diskussionsveranstaltungen für Schülerinnen und Schüler, um der Jugend die Möglichkeit zu Kontakten mit führenden internationalen Forschern zu geben. Diese Veranstaltungen unter dem Titel „Junior Academy“ finden jeweils an den Tagen nach den Vorträgen statt und dienen der Nachbereitung, Vertiefung und kritischen Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen.

Ziel der Vortragsreihe „Mendel und die Biowissenschaften“ ist es, die Akzeptanz und das Verstehen von wissenschaftlichen Zusammenhängen in der Öffentlichkeit zu fördern und damit die Voraussetzungen für einen sachlichen Diskurs auch kontroversieller Themen zu schaffen.


Programm 1999/2000

Zeit:
Beginn jeweils um 18.15 Uhr
Ort:
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Festsaal
A-1010 Wien, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
6. Oktober 1999

Gerhard ROTH (Universität Bremen)
Ist das menschliche Gehirn einzigartig?

Der Mensch nimmt seinem Selbstverständnis nach in der Natur eine Sonderstellung
ein: Nur der Mensch kann denken, nur er hat Sprache, Bewußtsein usw. Diese
Fähigkeiten werden oft mit vorgeblich einzigartigen Eigenschaften des menschlichen
Gehirns in Verbindung gebracht, von der absoluten oder relativen Gehirngröße bis
hin zur Existenz von "Bewußtseinszentren".

Im Vortrag sollen diese gängigen Anschauungen kritisch behandelt werden. Dabei
wird es auch um die grundsätzliche Frage gehen, welche Gehirneigenschaften
überhaupt die Leistungsfähigkeit im Bereich intelligenten Verhaltens bestimmen und
welche Prinzipien die Evolution von Gehirnen bestimmen.

(Moderator: Peter Schuster, Uni Wien)
 

10. November 1999

Peter SCHUSTER (Universität Wien)
Evolution der Moleküle: Einblicke in die Natur mit Perspektiven für die Biotechnologie

Ribonukleinsäuremoleküle, unter anderem die Träger der Erbinformation zahlreicher Viren, lassen sich im Reagenzglasversuch vermehren und geben ein ideales Studienobjekt für Selektion und evolutionäre Optimierung ab. Die Evolutionsexperimente mit Molekülen vermitteln nicht nur die Basis für ein umfassendes und bis in die Einzelheiten gehendes Verstehen des von Darwin postulierten Mechanismus, sie bieten auch die Grundlage für eine neue Richtung der Biotechnologie, welche es ermöglicht, Moleküle mit vorgebbaren Eigenschafte zu erzeugen.

(Moderator: Karl Schlögl, ÖAW)
 

23. November 1999

Sir Ghillean PRANCE (Royal Botanic Gardens, Kew, UK)
Biodiversity: a term coined to address a crisis and open up opportunities

The term biodiversity was developed because of the crisis that is facing biological species as extinction rates increase. Biodiversity incorporates the three principle types of variations that must be considered in any programme to preserve species, i.e. species diversity, habitat diversity and genetic diversity within species. Examples of each type of diversity will be given principally from the lecturer’s experience in the Amazon region, together with their application to conservation. Earlier work concentrated more on species and habitat diversity, but rapid modern methods of genetic analysis have added a powerful tool to conservation planning. The programme of the Millennium Seed Bank of the Royal Botanic Gardens, Kew will be discussed showing how the biodiversity concept is used in the planning of this major ex situ conservation project.

(Moderator: Friedrich Ehrendorfer, Uni Wien)
 

22. März 2000

Sydney BRENNER (Berkeley, California)
Reconstruction of past Genomes

The vast amount of genome sequence information that will be available prompts the question of whether we can do a better analysis and find more information than that afforded by classical methods of molecular phylogeny. We will show that this indeed is the case and that genes (and genomes) can be traced very far back into the past.

(Moderator: Kim Nasmyth, I.M.P.)
 

12. April 2000

Walter J. GEHRING (Biozentrum der Uni Basel)
Die genetische Steuerung von Entwicklung und Evolution: Die Homeobox Geschichte

Die Homeobox, ein kleiner Abschnitt unserer Erbsubstanz DNA, der bei der Taufliege Drosophila entdeckt wurde, liefert einen Schlüssel zum Verständnis von Entwicklungs- und Evolutionsprozessen. Der Vortrag führt von Beinen am Fliegenkopf bis zur atomaren Struktur der Homeodomäne. Durch gezielte Genexpression kann die Bildung von funktionstüchtigen Augen auf Antennen, Beinen und Flügeln ausgelöst werden und eröffnet damit neue Aspekte der Evolutionstheorie der Augen.

(Moderator: Barry Dickson, I.M.P.)
 

10. Mai 2000

Richard DAWKINS (Oxford University Museum of Natural History, UK)
Universal Mendelism

Great as the achievements of the molecular geneticists have been, for the Darwinian the big breakthrough in genetics was Mendel's. Heredity is digital, and Darwinian selection works to change the frequencies of all-or-none replicators. DNA happens to be the physical instantiation we are familiar with, but in principle other kinds of replicators might serve in other forms of Darwinian selection. What other kinds of quasi-Mendelian unit and quasi-Darwinian selection could we imagine? Might there even be a cultural Mendelism?

(Moderator: Dieter Schweizer, Uni Wien)
 

24. Mai 2000

Sir Richard PETO (University of Oxford, UK)
Halving premature death

The twentieth century is a century of life. Even in developing countries, half of all today’s newborn children can expect to survive to the age of 70. Thanks to global efforts to this end, premature mortality rates will continue to drop. The only major causes of premature death still on the encrease are HIV and tobacco .....

(Moderator: Kim Nasmyth, I.M.P.)