Rationales Denken, Wohlstand und steigende Lebenserwartung prägen die modernen Industriegesellschaften der westlichen Welt sowie Japans. Dennoch werden Jenseitsvorstellungen nicht länger als überholte Glaubensartikel gehandelt, vielmehr ist in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse daran - im besonderen auch an Vorstellungen von Paradies und Hölle - zu verzeichnen. In der Forschung macht sich dieses Interesse durch eine Reihe historischer und anthropologischer Studien und die Veröffentlichung bisher unbekannter oder vernachlässigter Quellen bemerkbar. Von den ältesten zum Teil vorgeschichtlichen Jenseitsvorstellungen in Japan, wie sie aus Mythen und Legenden, aber auch aus Bestattungspraktiken rekonstruiert werden können, über die Übernahme und den Wandel der buddhistischen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod und den Umgang der einheimischen Religionen mit dem Tod bis hin zu heutigen Formen des japanischen Jenseitsglaubens reicht das Themenspektrum des Symposiums "Popular Japanese Views of the Afterlife" vom 14.-17. April 1999 in Wien.
Nicht nur die Religionsgeschichte, sondern auch zentrale Probleme einer Geschichte der Mentalitäten sind bei Fragen nach Inhalt und Struktur von Jenseitsvorstellungen und den damit verbundenen Praktiken angesprochen. "Es geht dabei etwa um die Definitionen von Gut und Böse, von Gerechtigkeit, von den vorrangigen sozialen Beziehungen oder von idealen Lebensläufen. In der japanischen Tradition scheinen zwei widersprüchliche Vorstellungswelten zu existieren. Einerseits werden besonders grausame Visionen des Geschehens nach dem Tod beschrieben, wofür etwa mittelalterliche buddhistische Höllendarstellungen als Beispiele angeführt werden. Andererseits wird immer wieder eine allgemeine Diesseitsbezogenheit der japanischen Religionen und Kultur postuliert oder die japanische Kultur als eine der ‚Scham‘ im Gegensatz zu westlichen Kulturen der ‚Sünde‘ beschrieben", erklärt Mag. Susanne Formanek vom Institut für Kultur- und Geistesgeschichte der ÖAW.
Dieser Gegensatz könne auch als Widerspruch zwischen dem Buddhismus als einer ,,importierten’’ Religion und der einheimischen Religion aufgefaßt werden, es bestünden jedoch gegenseitige Einflüsse, so die Wissenschaftlerin. Ebenso sei in Japan wie anderswo heute wieder eine verstärkte Hinwendung zu dem, was nach dem Tod kommen mag, zu beobachten. "Längst totgeglaubte Jenseitsvorstellungen werden, wenn auch vielfach in neuem Gewand, wiederbelebt. ‚Mizuko kuyô‘, der religiöse Dienst an den Seelen abgetriebener Kinder, kann dafür als Beispiel angeführt werden, ebenso der Gebrauch, den manche der ‚neuen Religionen‘ vom Geisterglauben machen, oder der Diskurs vom ‚Nachleben des Körpers‘ in der Diskussion um Organspenden", so Formanek.
Im Mittelpunkt des Symposiums stehen vor allem volkstümlichere
Formen des Umgangs mit dem Geschehen nach dem Tod, wie sie sich etwa an
den damit verbundenen verbreiteten Praktiken oder den bildlichen Darstellungen
dieser Vorstellungen ablesen lassen, sowie die Bezüge zu den jeweiligen
gesellschaftlichen Veränderungen.
Symposium "Popular Japanese Views of the Afterlife",
14. - 17. April 1999
Seminarhotel Springer-Schlößl, A-1120 Wien,
Tivoligasse 73