Die "Hemerobie Österreichischer Waldökosysteme" – ein Beispiel nutzerorientierter Naturschutzforschung

(Univ.-Prof. Mag. Dr. Georg Grabherr, Abteilung für Vegetationsökologie und Naturschutzforschung, Institut für Pflanzenphysiologie der Universität Wien)

Das 5-jährige Forschungsprojekt "Hemerobie österreichischer Waldökosysteme" verfolgte mehrere Ziele:

  1. Es soll die Frage beantwortet werden: "Wie natürlich ist der österreichische Wald?"
  2. Es soll ein standardisiertes Bewertungsverfahren für "Natürlichkeit" bzw. "Hemerobie" (def. Intensität der Nutzungskultur) entwickelt und geprüft werden.
  3. Mit dem Projekt soll auch dokumentiert werden, was heute unter Naturschutzforschung zu verstehen ist, d.h. normierende Forschung zur Entwicklung von Bewertungsverfahren.
  4. Die Hemerobiebewertung soll für Forstpolitik, Forstpraxis und Naturschutz einen sauberen und nachvollziehbaren Faktenkatalog liefern. Ein standardisierter Datensatz soll objektive Aussagen zur Seltenheit von Baumarten und Waldtypen liefern. Damit sollen vor allem der naturnahe Waldbau gestärkt und Naturschutzaktionen vom Schrottschußprinzip wegkommen.
  5. Hemerobiebewertung soll zum alltäglichen Instrument von Forst- und Naturschutzpraxis werden.
Seit der ersten Vorstellung des Endresultates dieses Projektes an der Forstlichen Bundesversuchsanstalt läßt sich eindeutig festhalten, daß die genannten Ziele erreicht wurden bzw. erreicht werden können:
  1. Die vorgelegten Ergebnisse werden akzeptiert und nicht in Zweifel gezogen. Allerdings wurde aus Expertenkreisen immer wieder die Forderung laut, eine ausführliche Darstellung zu bekommen. Diese wird mit dem großen Bericht, der heute vorgelegt wird, geliefert.
  2. Mehrere Nachfolgeprojekte wurden bereits initiiert bzw. durchgeführt. Hier ist vor allem die Hemerobiestudie des Landes Südtirol zu nennen. Die Beratung in Südtirol erfolgte durch die Projektmanager unseres Projektes. Mag. Kirchmeir arbeitet in einem privaten Ökobüro in Klagenfurt. Für den harten Markt der ökologischen Beratung und Expertise sind spezifische Fachkenntnisse wie die Hemrobiemethodik ein Nischenprodukt, das genutzt werden kann.
  3. Das Hemerobiekonzept soll auch in die Anpassung der Holzzertifizierung, wie sie derzeit diskutiert wird, einfließen. Hemerobie hat bereits bei der österreichischen Waldinventur Eingang gefunden und soll standardmäßig neben der Messung des Holzzuwachses mitberücksichtigt werden. Veränderungen im Natürlichkeitsgrad des österreichischen Waldes werden somit in Zukunft objektiv nachweisbar sein. Damit wurde und wird der erwartete Effekt, daß mit Naturschutzforschung generelle Bewertungsverfahren entwickelt werden sollen, ebenfalls erreicht.
  4. Forstpolitisch hat die Hemerobiestudie das Bekenntnis zum naturnahen Waldbau in Österreich zweifellos gestützt. Dem Vordringen landwirtschaftlicher Konzepte (z.B. Plantagenwirtschaft, Energieholzplantagen in Form von "Maiskulturen") in die forstfachliche Entwicklung kann durch die Studie besser gegengehalten werden. Naturschutzpolitisch ist vor allem anzumerken, daß Brücken zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft geschlagen wurden.
Das Hemerobieprojekt hat Folgestudien ausgelöst. So soll etwa im Auftrag vom Verband der Land- und Forstwirtschaftsbetriebe gemeinsam mit dem WWF-Österreich ein Grünbuch erstellt werden, das es Forstpraktikern erlaubt, mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald vor Ort beurteilen zu können.


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Letzte Änderung: 19.01.1999 13:33