DIE FACKEL und ihr Herausgeber

Den "ersten Schriftsteller unserer Zeit" hat Bertolt Brecht ihn 1934 genannt: Karl Kraus, vor 125 Jahren, am 28. April 1874 in Jicín, Böhmen, geboren, hat der Nachwelt ein Riesenwerk überliefert. Als Herausgeber der von Anfang April 1899 bis Februar 1936 in Wien erschienenen Zeitschrift Die Fackel hat Karl Kraus ein über 22.500 Seiten umfassendes literarisches Werk geschaffen, das in der deutschsprachigen Literatur seinesgleichen nicht hat, ein Gebilde aus eigenen und fremden Beiträgen, das dennoch vom ersten bis zum letzten Satz des Herausgebers und Verfassers eigenes Werk ist, ein sprachschöpferisches Dokument, das vom Fin de siècle bis ins Dritte Reich führt. Der Fünfundzwanzigjährige begründet seine Zeitschrift mit dem Vorsatz, "Clubfanatikern und Fractionsidealisten" die Stirn bieten zu wollen. Als Ende Juli 1934 die Leser darüber Auskunft erhalten, »Warum die Fackel nicht erscheint«, erläutert der Sechzigjährige seinen Satz "Mir fällt zu Hitler nichts ein" mit der Bemerkung, daß es Übel gibt, vor denen, "was man die Stirn bieten nennt", "aufhört eine Metapher zu sein", weil das Gehirn hinter dieser Stirn, "das doch an solchen Handlungen seinen Anteil hat", keines Gedankens mehr fähig ist: "Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen".

Kein Autor des 19. und 20. Jahrhunderts hat mit derart unablässiger Leidenschaft den Wörtern und Wendungen seiner Zeitgenossen von Berlin über Prag bis Preßburg und Budapest nachgesprochen und nachgedacht, hat die für die jeweils andere Sprachregion befremdenden Namen und Wörter hervorgehoben, hat markiert, was gleichermaßen für Berlin und Wien zu Phrase und Vorrat erstarrt ist, wie der "Wiener Schriftsteller" aus Jicín, Karl Kraus,


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Letzte Änderung: 13.12.1999 09:48