Wo bleibt die Politik?

12 Fragen zu Forschung & Technologie *

In einer gemeinsamen Initiative wenden sich die Industriellenvereinigung und die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit 12 Fragen zur universitären und außeruniversitären Forschung an Österreichs Politikerinnen und Politiker.

Österreich muß neues Wissen produzieren und wirtschaftlich umsetzen können, will es in einer Zeit des rasanten Zuwachses von Erkenntnissen und der Entwicklung neuer Technologien im europäischen Zusammenhang und im globalen Verbund als eigenständig erkennbar bleiben.

Neues und Zukunftsträchtiges entsteht sehr oft ungeplant und unvorhergesehen aus unkonventionellen Fragen oder Überzeugungen. Aufgabe einer weitsichtigen Forschungspolitik muß es daher sein, auch Arbeitsvorhaben zu fördern, deren Nutzen nicht von vornherein quantifizierbar ist. Zugleich bedürfen aber Forschung und Technologie der beständigen Reflexion über ihren Beitrag zu Wohlstand und Würde der Menschen. "Unternehmerische" Aktivitäten in Wirtschaft und Wissenschaft bedürfen der Ermutigung.

Das in der internationalen Konkurrenz insgesamt wenig attraktive Niveau der österreichischen Forschungsstätten ist wesentlich auch die Folge jahrzehntelanger Vernachlässigung dieses Bereiches durch Regierung und Parlament. Versäumnisse der jetzigen Regierung setzen Fehler der Vergangenheit fort: Die groß angekündigte "Technologieoffensive" ist abgeblasen, die einschlägigen Papiere wurden abgelegt. Durch weitreichende Pragmatisierung der Universitätsangehörigen wird die personelle Erneuerung im universitären Bereich unterbunden. Eine systematische Pflege der außeruniversitären Forschung ist nicht erkennbar. Wie soll es "weitergehen"? Ist die letzte Regierungsklausur mehr als eine der Ankündigungen der letzten Jahre?

  1. Wie soll die jüngste Regierungszusage, die Mittel der Forschung auf 2,5% des Bruttoinandsproduktes anzuheben, verwirklicht werden?
  2. Ist das Weißbuch zur Hochschulbildung in Österreich (1998) ein brauchbarer Aktionsplan für die Zukunft?
  3. Wie soll das Verhältnis zwischen Grundfinanzierung und leistungsbezogener Förderung der akademischen Forschung definiert sein? Wie kann dabei auf die Unterschiedlichkeit akademischer Fächer Rücksicht genommen werden?
  4. Sind weitere Universitäts- und Fakultätsgründungen in Österreich geplant oder halten Sie Universitäts- und Fakultätsschließungen für überlegenswert?
  5. Soll die Pragmatisierung selbst des nichthabilitierten "Mittelbaus" an den Universitäten, wie sie vielerorts zur Praxis geworden ist, beibehalten werden?
  6. Soll die außeruniversitäre Forschung künftig eine verstärkte Rolle spielen?
  7. Können Sie sich vorstellen, daß die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit ihren Forschungseinrichtungen ein "Exploratorium" für neue wissenschaftliche Aufgaben ist?
  8. Gehört die Bündelung aller Forschungsinstitutionen und Technologieförderungseinrichtungen in einem (neuen) Ressort zu Ihren Zukunftsstrategien?
  9. Welche Rolle soll das Clusterkonzept bei der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in Österreich spielen? Wie kann sichergestellt werden, daß die "Kompetenzzentren" die Interessen der Industrie widerspiegeln und damit nicht zuletzt auch Arbeitsplätze schaffen?
  10. Wie soll die österreichische Forschungspolitik zwischen Bund, Ländern und Gemeinden besser koordiniert werden?
  11. Grundlagenforschung, angewandte Forschung, Langfristunternehmen, seed money - sind Schlagworte der heutigen forschungspolitischen Diskussion. Wie würden Sie von diesen Schlagworten her als österreichischer Politiker nachfolgende Szene im Lande Balnibarbi kommentieren ("Gullivers Reisen", London 1726)? Er hatte acht Jahre an einem Projekt gesessen, Sonnenstrahlen aus Gurken zu ziehen, die in hermetisch verschlossene Gefäße gegeben und in rauhen, unfreundlichen Sommern herausgelassen werden sollten, um die Luft zu erwärmen. Er sagte mir, er zweifle nicht daran, daß er nach weiteren acht Jahren imstande sein werde, die Gärten des Statthalters zu einem annehmbaren Preis mit Sonnenschein zu beliefern. Er klagte jedoch darüber, daß sein Betriebskapital gering sei, und bat mich, ihm etwas als Ermutigung für den Erfindungsgeist zu geben, zumal die Gurken in diesem Jahr sehr teuer gewesen seien.
  12. Wie würden Sie nachfolgende Aussagen aus dem Lande Österreich kommentieren:
April 1990: Busek bekräftigt: 30 Milliarden nötig [...] eventuell im Rahmen einer "Wisfinag" [...] mindestens zwei bis drei Prozent [Anteil der Wissenschaft und Forschung am Bruttoinlandsprodukt] wären erforderlich. Oktober 1990: Für eine drastische Steigerung der Forschungsmittel spricht sich Bundespräsident Kurt Waldheim anläßlich einer Promotion sub-auspiciis an der Technischen Universität aus. Februar 1994: Eine "neue Gründerzeit" will Wirtschaftsminister Wolfgang Schüssel einleiten. Dazu sollen neue Technologie- und Investitionsimpulse gemeinsam mit einer intensivierten Forschungs- und Industriepolitik verhelfen. August 1994: Busek fordert Priorität für Forschung [...]. Es werde hauptsächlich darauf ankommen, wie die Forschungsquote auf OECD-Niveau angehoben werden könne. Juni 1995:
Scholten räumt ein, daß das absolute Niveau der österreichischen Forschungsausgaben zu niedrig sei.
Dezember 1995: Franz Vranitzky: Ich gehe davon aus, daß einer modernen Technologiepolitik zentrale strukturpolitische, gesellschaftliche und ökologische Aufgaben zukommen. Erhöhung der öffentlichen Mittel zur Stärkung der F&E-Aktivitäten [...] Mai 1996: Mehr Geld für Forschung, weniger Beamte. Johannes Ditz, Wirtschaftsminister, sucht nach Finanzierungsmöglichkeiten für die Forschung. September 1997: Für Österreich wünscht sich Klima eine Gründerwelle im Bereich der neuen Technologien: wichtig dafür sei es, das zahlreich vorhandene Potential an Ideen mit Staatskapital zusammenzuführen. Februar 1998: Die Technologieoffensive wird durch die Aufteilung des Forschungsbudgets auf verschiedene SP- und VP-Ministerien behindert, sagt Bundeskanzler Klima. Jänner 1999: Bundespräsident Klestil äußert Unzufriedenheit mit dem Bereich Wissenschaft und Forschung: hier hinke Österreich der europäischen Entwicklung hinterher. Jänner 1999: Bei ihrer Klausur in Bad Aussee verkündet die Bundesregierung das Ziel, die Forschungsquote in den nächsten fünf Jahren auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben.
 
 
 
Peter Mitterbauer, Präsident der Vereinigung der Österreichischen Industrie
Werner Welzig, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
* Diese Fragen wurden in einem Pressegespräch am 3. März 1999 präsentiert und an 33 österreichische Politikerinnen und Politiker mit dem Ersuchen um Stellungnahme geschickt.


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Letzte Änderung: 18.03.1999 20:44