Etwas Besseres als den Tod findest du überall.
oder
Was man von einem Esel alles lernen kann.
Da aber auch das geistige Wirken in der Menschheit nur als Zusammenwirken gedeiht, und zwar nicht bloss, damit Einer ersetze, was dem Anderen mangelt, sondern damit die gelingende Thätigkeit des Einen den Anderen begeistere ... |
|
|
Wilhelm von Humboldt
|
Im Vergleich mit dem "Rotkäppchen" und dem "Rumpelstilzchen" ist das Märchen, das ich diesmal Ihrer Lektüre empfehlen will, ein untypisches Märchen. Es gibt keine leidende Schönheit. Es gibt keine wundersamen Verwandlungen. Es gibt keinen Helden. Es paßt gut zu uns. An seinem Ende steht keine Verheißung eines glücklichen Lebens. An seinem Eingang steht kein "es war einmal" und kein Gedenken der Zeiten, "wo das Wünschen noch geholfen hat". An seinem Eingang steht einer, der "lange Jahre" "unverdrossener" Arbeit hinter sich hat. Die Geschichte, die ich Ihnen diesmal nahebringen will, ist eher eine Geschichte vom Arbeitsmarkt als ein Märchen. Der in sie hineinführt, ist nicht das Subjekt, sondern das Objekt des ersten Satzes, Objekt im inhaltlichen wie im grammatikalischen Sinne:
"Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen".
Sie kennen diese Geschichte. Es ist die Geschichte von den "Bremer Stadtmusikanten", die Geschichte von vier "Landesflüchtigen", wie die Akteure in auffallend politischer Weise benannt werden. Es ist die Geschichte von Zeitgenossen, für die kein guter Wind weht, denen es an den Kragen geht, die man aus dem Futter schaffen will. Bekannte und weniger bekannte Redensarten geben an, in welcher Situation sich die vier befinden. Vier Arbeitskräfte werden freigesetzt, könnten wir mit einer Wendung unserer Tage sagen. Sie wissen auch wie die Geschichte weitergeht. Der Esel beschließt, als Stadtmusikant nach Bremen zu ziehen. Einen Hund, den sein Herr totschlagen will, weil er auf der Jagd nichts mehr taugt, lädt der Esel ein, mitzukommen. Der Esel will die Laute spielen, der Hund soll die Pauken schlagen. Eine Katze, die sich von daheim aufgemacht hat, da ihre Herrin sie ersäufen will, soll die beiden begleiten, weil sie sich auf Nachtmusik versteht. Zu einem Hahn schließlich, den die Hausfrau morgen in der Suppe essen will und der schreit, daß es einem durch Mark und Bein geht, sagt er: "Zieh lieber mit uns fort (...), etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muß es eine Art haben".
Die vier, die sich entschlossen haben aufzubrechen, um es an einem neuen Ort mit einem neuen Beruf zu versuchen, kommen auf ihrem Weg in einen Wald. Dort wollen sie übernachten. Der Esel und der Hund legen sich unter einen großen Baum. Die Katze macht es sich in den Ästen bequem. Der Hahn fliegt in die Spitze des Baumes. Dort fühlt er sich am sichersten. Ehe er da oben einschläft, bemerkt er, als er sich noch einmal in alle Weltrichtungen umsieht, in der Ferne "ein Fünkchen brennen". Er teilt seinen Gesellen mit, was er sieht. Die vier machen sich wieder auf, weil sie sich eine bessere Herberge erwarten als dieses Lager im Freien. Außerdem haben sie Hunger. Sie kommen vor ein hellerleuchtetes Haus. Dort sitzen an einem gedeckten Tisch Räuber, die es sich beim Essen und Trinken gut gehen lassen. "Das wäre was für uns" sagte der Hahn. Die vier beratschlagen, wie auch sie zu solchen Genüssen kommen könnten. Nach einiger Überlegung bauen sie sich derart auf, daß der Esel sich mit den Vorderfüßen auf das Fensterbrett stellt. Der Hund nimmt auf dem Rücken des Esels Platz, die Katze auf dem Hund und der Hahn schließlich auf dem Kopf der Katze. In dieser Formation fangen sie "auf ein Zeichen insgesamt" an, gemeinsam Musik zu machen: Der Esel schreit, der Hund bellt, die Katze miaut und der Hahn kräht. Dann brechen sie durch das Fenster in die Stube ein. Die Räuber packt das Entsetzen. Sie glauben, es mit einem Gespenst zu tun zu haben. In größter Angst fliehen sie. Die vier Musikanten lassen es sich gut gehen. Sie tafeln, als ob ein vierwöchiges Fasten bevorstünde. Danach löschen sie das Licht aus und suchen ihre Schlafstätten. "Jeder", wie es heißt, "nach seiner Natur und Bequemlichkeit".
"Jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit". Die Geschichte könnte mit diesem Satz zu Ende sein. Doch sie hat noch eine weitere, umfangreiche Sequenz. Als die Räuber sehen, daß es im Hause finster geworden ist, schickt der Hauptmann einen der Seinen zurück. Er soll erkunden, was los ist. Vielleicht haben sie sich nur ins Bockshorn jagen lassen. Jämmerlich beschädigt und völlig verwirrt kehrt der Ausgesandte zurück und erzählt, was ihm Schauderbares widerfahren ist. Die Räuber trauen sich nun endgültig nicht mehr zurück. Die vier ausrangierten Tiere aber haben eine Heimstatt gefunden.
... so muß es eine Art haben
Die Auskünfte, die uns dieses Märchen gibt, sind vielfältig und des Nachdenkens würdig. Greifen wir vier Beobachtungen heraus:
Diese Geschichte, die die Brüder Grimm überliefert haben,
ist eine Geschichte vom Überlebenwollen und von der lebensstiftenden
Kraft der Phantasie. Vergegenwärtigen wir uns dafür noch einmal
die Ausgangssituation: Der Hund soll erschlagen, die Katze ersäuft,
der Hahn abgestochen werden. "Etwas Besseres als den Tod findest du überall".
Der Satz, mit dem die Betroffenen sich gegen ihr Schicksal stemmen, dieser
Satz, den Carl Zuckmayer an das Ende seines "Hauptmanns von Köpenick"
gestellt hat, ist kein Motto für ein Heldenleben, aber er ist doch
ein Motto fürs Leben. Der einzige, der sich fast schon in sein Schicksal
gefügt hätte, ist der "Rotkopf". Er ist offenbar der dümmste
unter den vieren. Aber auch dieser rote Dummkopf schreit zumindest laut.
Entscheidend ist: Die vier bleiben nicht einfach sitzen, wo sie sind. Sie
machen sich auf den Weg. Und ihr Weg ist das Ziel. "Bremen" ist das Kennwort
für ihren Willen, etwas zu unternehmen. "Bremen" ist überall,
wo Fatalismus überwunden wird. Unsere vier sind, wenn ich ein mahnendes
Wort des österreichischen Bundeskanzlers aus Anlaß des 150.
Geburtstages der Österreichischen Akademie der Wissenschaften noch
einmal aufnehmen darf, "Entrepreneurs" geworden. verteilt.
Was wir da vor uns haben, ist eine Geschichte von der Solidarität. Schon an einzelnen Sätzen ist das auszumachen. Das gerade zitierte "Etwas Besseres als den Tod findest du überall" ist der bekannteste Satz aus diesem Märchen. Mir gefällt ein anderer Satz besser. Es ist die Weisung des Esels: "Wenn wir zusammen musizieren, so muß es eine Art haben". Ein schönerer Rütli-Schwur als das Gelöbnis dieser armseligen Kantonisten ist nicht denkbar.
Deutlicher noch ist, was im Geschehen zutage tritt. Wie die vier das Haus erobern, ist ein exemplarisch solidarischer Akt. Nicht zufällig haben die meisten Illustratoren gerade diese Szene zur bildlichen Darstellung gewählt: einer auf den Schultern des anderen resp. auf dem Kopf des anderen. Diese Konfiguration ist weder in ein Nacheinander noch in ein Nebeneinander transponierbar. Sie ist nur so denkbar, wie sie eben erzählt wird: Einer trägt des anderen Last – und zwar abgestuft nach seinem Vermögen. Eben das macht es, daß die Räuber meinen, es mit einem übermächtigen Wesen zu tun zu haben. Für den rechnerischen Verstand ist da nichts zu holen. Etwas Lächerlicheres ist ja nicht denkbar, als daß kampferprobte Männer von einem alten Esel und seiner Begleitung in panischen Schrecken versetzt werden. Doch das Eigentümliche an diesen vieren ist, daß jeder von ihnen seine Aufgabe hat. Daß gerade der Esel die Aufgaben zuteilt, kann nur die allzu klugen Menschen stören. Diese aber sind gerade ihrer Klugheit wegen nicht zu solcher Zusammenarbeit fähig. Und übersehen wir nicht: Der Esel hat auch die meiste Last zu tragen. Er ist es, der die Rollen verteilt. Er aber auch ist es, der zuunterst steht.
Packan
Was hier erzählt wird, ist eine Geschichte vom Anreden und Namengeben. Der Esel, der diese Gesellschaft versammelt und zu einer neuen Existenz führt, spricht die an, denen er begegnet und deren Schicksal dem seinen zu gleichen scheint. Er spricht sie an und gibt ihnen einen Namen. "Was jappst du so, Packan?", "Was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?" Dieser Esel, auf dessen Rücken die anderen bald stehen werden, fragt die Zeitgenossen, die offenbar sein Schicksal teilen, wie es um sie steht. "Und er murmelte: "Auch du?", könnte man mit Bertolt Brechts Worten des Laotse auf dem Weg in die Emigration sagen. Der Esel erkennt, daß die, denen er begegnet, seines Zuspruchs bedürfen. Er redet sie an. Nicht mit austauschbaren Wendungen. Er bezieht sich auf das Hier und Jetzt ihrer Erscheinung. Die Konkretheit dieser Anreden wird am Kontrast ihrer Übersetzungen deutlich erkennbar. Aus dem "Packan" beispielsweise, der genau auf den Hund zielt, wird im Englischen ein verwaschener "big fellow". Machen Sie die Gegenprobe. Rufen Sie einem "fellow", oder gar einem "big fellow" ein "Packan" zu!
Alle bekommen also einen Namen. Alle werden nach ihrem Schicksal befragt. Bis hin zum "Rotkopf", der schließlich auch dem Esel selbst einen Namen gibt, einen Namen, der in unserer Sprache scherzhaft für einen alternden Mann verwendet wird: "du Grauschimmel".
Anreden und Namengebung: Die Verfassung dieser Gesellschaft ist davon
geprägt. Das aus einer anderen Welt kommende Rumpelstilzchen verliert,
als die Müllerstochter es mit dem richtigen Namen anredet. Die vier
aus der Arbeitswelt gewinnen. Sie gewinnen, weil sie einander zu benennen
wissen und miteinander zu reden fähig sind. Diese vier schwach und
alt Gewordenen sind in ihrer Art einander anzureden, zu fragen, aufzufordern
und voneinander zu erzählen, eine vergleichsweise sehr lebensfähige
Gruppe. Diese schreienden, bellenden, miauenden und krähenden könnten
uns eloquente Wesen nachdenklich machen. Was fangen wir mit unserer Begabung
mit Sprache an? Nicht von dem, was einmal war, hören wir in
dieser Geschichte, eher von dem, was sein könnte.
Der Auszug, zu dem die vier sich entschließen, ist ein Neubeginn. Diese deutschen "Ausgewanderten", wie wir sie mit einem Goetheschen Titel auch nennen könnten, begründen ein neues Leben.
Als die vier ihr neues Zuhause gewinnen, machen sie "ihre Musik", und zwar, wie der Märchenerzähler festhält, "auf ein Zeichen insgesamt". "Auf ein Zeichen insgesamt". "Auf ein Zeichen" bedarf keiner Erläuterung. "Auf ein Zeichen" zu handeln, ist jene Form des Handelns, die unsereiner verabscheut. Jeder will sich selbst das Zeichen geben. Wer von uns würde auf die Weisung eines Esels hin agieren! Und wer wäre verglichen mit uns kein Esel! Merkwürdiger ist die Rede vom "insgesamt". Wenn wir heute das Wort "insgesamt" verwenden, so bezeichnet es zumeist eine Addition oder ein Fazit, wobei diesem Fazit auch ein Element der Einschränkung zu eigen sein kann. In den "Bremer Stadtmusikanten" ist "insgesamt" ein viel gewichtigeres Wort. Es bezeichnet eine entscheidende gemeinsame Aktion. In der Schlußsequenz der Geschichte handeln nun aber die Bremer Stadtmusikanten nicht mehr "insgesamt", sondern "jeder für sich". Scheinbar eine Revokation des Vorangegangenen. Doch gerade das ist nicht der Fall. Sehen wir uns an, was in diesem Schlußabschnitt geschieht.
Die vier suchen, nachdem sie es sich gut haben gehen lassen, eine Schlafstätte, "jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit", "jeder für sich" könnten wir auch sagen, der Hund beispielsweise hinter der Tür und die Katze auf dem warmen Herd. Als der Räuber kommt, den man ausgeschickt hat, um das Haus in Augenschein zu nehmen, springt ihm die Katze ins Gesicht. Als er daraufhin bei der Hintertür hinaus will, beißt ihn der Hund ins Bein. Als er über den Hof kommt, gibt ihm der Esel einen "Schlag mit dem Hinterfuß". Der Hahn schließlich ruft ihm vom Balken des Hauses sein "Kikeriki!" zu. An dieser Stelle gewinnt die Geschichte zum ersten Mal märchenhafte Qualitäten. Der Räuber hält die Katze für eine "greuliche Hexe", den Hund für einen Mann mit einem Messer, den Esel für ein "schwarzes Ungetüm", das mit der Holzkeule auf ihn losgeschlagen hat. In einer apokalyptischen Klimax wird zuletzt der Hahn mit seinem Kikeriki ein Richter, der "Bringt mir den Schelm her" ruft. Alles verwandelt sich in eine schreckerregende, von Bösewichten, Hexen, Ungeheuern und Richtern belebte Mischwelt.
Doch nicht der Wechsel der Realitätsebene ist das entscheidende. Wichtiger ist, daß sich die Geschichte trotz der neuen Elemente, die im letzten Teil eingeführt werden, bis zum Ende hin treu bleibt. Die vier handeln am Ende nicht mehr "insgesamt" und "auf ein Zeichen". Jeder handelt jetzt "für sich". Doch was sie tun, tun sie ebenso "insgesamt" wie das, was sie vorher getan haben.
Lassen wir die Bremer Musikanten sich ihres Zuhauses freuen. Ihre Geschichte
endet mit der Feststellung, daß dem, der sie erzählt hat, "der
Mund noch warm" sei. Unsere Nacherzählung endet mit der Feststellung,
daß "Räuber" sehr leicht zu schrecken sind – zu schrecken wären.