Wien, 8. Mai 1998
Internationales Großforschungsprojekt soll einheitliche Chronologie der Kulturen im
östlichen Mittelmeerraum schaffen
Symposium am 11. und 12. Mai 1998 in der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Ein gewaltiger Vulkanausbruch auf der Ägäis-Insel Santorin im 2. Jahrtausend v. Chr. hat gravierende Auswirkungen auf das Leben im östlichen Mittelmeerraum gehabt, darüber besteht kein Zweifel. Wann genau jedoch diese Naturkatastrophe über die Kulturen dieses Raumes hereingebrochen ist, darüber sind sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen keineswegs einig. Naturwissenschaftler datieren den Santorin-Ausbruch aufgrund von Anormalien im Wachstum von Bäumen auf das Jahr 1628 v. Chr., Archäologen sind aufgrund der weiten Verbreitung von spezifischer zyprischer Keramik der Ansicht, daß dieses Ereignis erst rund 130 Jahre später stattgefunden habe. Einen weiteren wichtigen Beitrag in Datierungsfragen liefern Ergebnisse stratigraphischer Untersuchungen im Grönland-Eis, wo Reste von Vulkan-Asche nachgewiesen werden konnte, allerdings ist völlig ungeklärt, von welchem Vulkan diese Asche stammt. Viele Fragen sind in der Chronologie des 2. Jahrtausends v. Chr. im Vorderen Orient und in der Ägäis noch offen.
Auf Initiative der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sollen im Rahmen eines internationalen Großforschungsprojekts die divergierenden regionalen Chronologien der Hochkulturen im östlichen Mittelmeerraum überprüft und eine allgemein gültige Chronologie für das 2. Jahrtausend v. Chr. gefunden werden. Die Weichen dafür werden bei einem Symposium am 11. und 12. Mai 1998 in der ÖAW gestellt. Titel der Veranstaltung, zu der Wissenschaftler der verschiedenen Disziplinen aus Ägypten, Israel, dem Libanon, der Türkei, vielen Ländern Europas und der USA zusammenkommen, ist "Back to the Foundations of Historical Research Chronology of the Second Millennium B.C.".
"Für die Erfassung des Ablaufs historischer Prozesse, die internationalen Beziehungen, die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen spielt die Chronologie als Rahmen eine entscheidende Rolle. Im östlichen Mittelmeerraum divergiert sie von Region zu Region um 150 bis 200 Jahre. Mit dieser Forschungsinitiative soll eine geordnete Geschichtsforschung für die Bronzezeit in jenem Raum ermöglicht werden", sagt der Ägyptologe Prof. Manfred Bietak (Kommission für Ägyptologie der ÖAW und Institut für Ägyptologie der Universität Wien), Koordinator des Forschungsprojekts und Organisator des Symposiums. Ziel des Projekts ist es, so Prof. Bietak, vorhandene Lücken zu schließen und Verzerrungen der historischen Perspektive auszugleichen.
Vielfältig sind die Forschungsansätze und Methoden, die diesen gemeinsamen chronologischen Rahmen als einheitliche Grundlage für die Weltgeschichte schaffen sollen: Zur Geschichte des Pharaonen-Reiches, zu Genealogie und Regierungszeiten liegt aufgrund archäologischer und inschriftlicher Dokumente ein dichtes Netz an Daten vor, das die ägyptische Chronologie zu einer der gesichertsten macht, die in vielen Fällen auch entscheidende Hinweise bei Datierungsfragen in Mesopotamien, auf Zypern oder Kreta liefert. Bohrungen nach der Asche, die durch den Vulkanausbruch auf Santorin in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. über den östlichen Mittelmeeraum hinaus großräumig vertragen wurde (diese Forschungen werden von der Europäischen Kommission zur Hälfte finanziert), Untersuchungen von Pflanzenresten mit Hilfe der Radiokarbonmethode (C-14-Methode) oder der Dendrochronologie (Datierung aufgrund von Jahresringen) sind weitere wichtige Teilbereiche der Forschungsarbeit. Auch die ägyptische und mesopotamische Astrochronologie sollen von Astronomen überprüft werden.