Kommunikationsverlust im Informationszeitalter

Tagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen des Österreichischen EU-Vorsitzes
26. – 28. November 1998

Theatersaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
A-1010 Wien, Sonnenfelsgasse 19

Wissenschaftliche Leitung:

Ruth Wodak, Hans-Jürgen Krumm, Rudolf De-Cilia
Information:
Lieselotte Martin
Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien
A-1090 Wien, Berggasse 11
Tel ++43-1-310 38 86/39
Fax ++43-1-315 53 47
e-mail: lilo@ling.univie.ac.at

Herausforderungen der Informationsgesellschaft

Die Herausbildung der Informationsgesellschaft stellt eine der großen Herausforderungen der Gegenwart dar: sie geht einher mit einer Veränderung der erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten, der Wissenschafts- und Arbeitssysteme wie der demokratischen Willensbildung. Die Teilhabe an dieser Informationsgesellschaft setzt eine erhöhte Kommunikationsfähigkeit voraus: das beginnt bei den Fähigkeiten im Umgang mit Alltagstexten (Gebrauchsanweisungen, Gesetzestexte u.ä.), wird besonders wichtig im Bereich der elektronischen Medien - E-Mail und Internet erfordern nicht nur rezeptive, sondern in verstärktem Maße spezifische produktive Fähigkeiten und Fertigkeiten - und schließt die Fähigkeit zum Leben in multilingualen Gesellschaften und Arbeitswelten ein.
„Literalität“ bezeichnet jene Fähigkeiten, die es erlauben, mit Sprache analysierend und abstrahierend umzugehen - Voraussetzung für eine 'kognitive Gesellschaft'. Damit sind aber nicht nur die „Textbenützer“ angesprochen, sondern auch die „Textproduzenten“. Es handelt sich darum, auch „lesbare“ Texte zur Verfügung zu stellen. Letztlich sprechen wir eine Gratwanderung in bezug auf die Kommunikationsfähigkeit an, die beide Gruppen - Produzenten und Benützer - einschließt.

Die Tagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geht der Frage nach,
-wie „Literalität“ heute aussehen muß,
-wie sich das „kritische Lesen“ und ein konstruktiver Umgang mit den Medien lernen lassen,
-wie möglichst alle Bürgerinnen und Bürger an dieser Informationsgesellschaft teilhaben können.


Analphabetismus in Österreich - ein Tabu ?
 

Analphabetismus scheint ein Problem der Dritten Welt - Ägypten mit ca. 50 % Analphabeten ist fern. Aber während der Analphabetismus in den sog. Entwicklungsländern zurückgeht (1980: 41 % - 1990: 35 %), steigt er in den Industrieländern (1980: 2,1 % - 1990: 4,4 %) bzw. wird dort verstärkt auffällig. Gravierend an dieser Entwicklung ist vor allem, daß zunehmend Menschen die in der schulischen Ausbildung erworbene Kommunikationsfähigkeit im Lauf ihres Lebens wieder verlieren und sich die Kluft zwischen „texterfahrenen“ und „textunerfahrenen“ Personen vergrößert: die Zahl dieser „funktionalen“ und „sekundären“ Analphabeten wird allein in Österreich auf ca. 300.000 geschätzt. Gemeint sind damit Menschen, die z.B. Rundfunknachrichten nicht verstehen, Gesetzestexte oder Beipackzettel nicht lesen, keine Eingaben schreiben oder Medien wie Fax und Internet nicht nutzen können und sich auf Grund ihrer Unsicherheit immer mehr aus der öffentlichen Kommunikation zurückziehen. Diese Zahl liegt erheblich höher, wenn man diejenigen hinzurechnet, deren kommunikative Fähigkeiten eingeschränkt sind, die z.B. Probleme mit der Verarbeitung komplexer Informationen und mit der Nutzung elektronischer Medien haben. “Sprachverarmung” wird insbesondere bei den nachwachsenden Generationen in steigendem Maße festgestellt - für ca. 20 % der Kinder wird eine sprachliche Überforderung angenommen.
Eine zweite Gruppe von Analphabeten entsteht bei den Angehörigen sprachlicher Minderheiten und Migranten, für die keineswegs ausreichende Angebote bestehen, ihre zweisprachige Identität zu entfalten: für die Erstsprache bestehen vielfach keine ausreichenden Angebote zur Entwicklung einer umfassenden Kommunikationsfähigkeit; damit leidet aber auch die Entwicklung der Sprachfähigkeit in der Zweitsprache Deutsch - die Gefahr einer Sprachlosigkeit in zwei Sprachen droht.
Für die Betroffenen bedeutet dies gravierende soziale Konsequenzen: Schwierigkeiten in der Bewältigung des Alltags, Nachteile am Arbeitsmarkt ebenso wie in ihrer Teilhabe an den demokratischen Bürgerrechten. Für die Gesellschaft besteht die Gefahr, daß sich die Kluft zwischen denen, die am Fortschritt der Informationsgesellschaft partizipieren können, und denen, die in Sprachlosigkeit abgedrängt werden, vergrößert.

Im Rahmen der Tagung geht es darum,

  • die Tabuisierung des Themas zu überwinden,
  • den Status Quo in verschiedenen Gesellschaften aus theoretischer und empirischer Sicht zu analysieren,
  • Vorschläge zu sichten und zu erarbeiten, wie Bildungseinrichtungen auf die veränderten Anforderungen und Rahmenbedingungen eingehen können,
  • den Dialog zwischen den Eliten - den Textproduzenten, den Bildungsinstitutionen - und den Benützern zu initiieren und ein Diskussionsforum zur Verfügung zu stellen.
  • Zielsetzungen der Tagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen der EU-Präsidentschaft
     
    Die Europäische Union hat in ihren Bildungsprogrammen der Erhöhung der Mobilität und dem Erlernen von Sprachen hohe Priorität eingeräumt. Dabei wird auch gesehen, daß die Dynamik der Entwicklung zur sozialen Gefährdung und Marginalisierung von Teilen der Bevölkerung führt - sie fördert daher eine „Bekämpfung von Ausgrenzung“ (vgl. Weißbuch der Europäischen
     Kommission: 'Lehren und Lernen. Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft', Brüssel/Luxemburg 1995). Der österreichische Beitrag könnte darin bestehen, diesen Gedanken einer Schule der „zweiten Chance“ mit Leben zu erfüllen und insbesondere die Rolle der Sprache bei der Teilhabe an gesellschaftlicher Mitwirkung in den Vordergrund zu rücken. Österreich ist aus verschiedenen Gründen hierfür prädestiniert:


    Mit der Tagung „Kommunikationsverlust im Informationszeitalter” könnte Österreich nunmehr deutlich machen, daß die Entwicklung der Kommunikationsfähigkeit nicht nur der Informationselite vorbehalten bleiben darf, vielmehr wesentlicher Bestandteil der  Mitwirkung in einem demokratischen Gemeinwesen, der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der Eingliederung in den Arbeitsmarkt ist und daher eine besondere Verantwortung bei der Weiterentwicklung Europas darstellt.
    Ziel der Konferenz ist es, entsprechende Grundsätze für eine europäische Leitlinie bzw. einen Aktionsplan zu erarbeiten:


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    Letzte Änderung: 02.09.1998 18:21