Vortragsreihe
Mendel und die Biowissenschaften
Bedeutung für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im kommenden Jahrhundert
Die Biologie gilt heute, an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend, als die "Leitwissenschaft" innerhalb der Naturwissenschaften. Eine der entscheidenden Grundlagen der modernen, molekularen Biologie wurde vor rund 140 Jahren von Gregor Mendel gelegt. Die Mendel'schen Vererbungsgesetze gelten neben Charles Darwin's Theorie zur Entstehung der Arten als Meilenstein in der Biologie. Mendel zeigte, wie Erbanlagen (Gene) als Grundlage für alle Merkmale an die Nachkommen weitergegeben werden und welchen Stellenwert die sexuelle Fortpflanzung hat: Sie würfelt die Gene der Eltern zu neuen Merkmalskombinationen zusammen und ermöglicht laufende Anpassungen an veränderte Umweltbedingungen.
Weitere Erkenntnisse haben dann im 20. Jahrhundert Schritt für Schritt die Grundlagen für die heutige Gentechnik geschaffen: die Lokalisierung der Gene in den Chromosomen der Zellkerne, die Identifizierung der Desoxyribonukleinsäure (DNA) als der Stoff, aus dem die Gene sind, die Aufklärung der molekularen Struktur der DNA, die Entzifferung des genetischen Codes und zuletzt die experimentelle Entnahme, Vermehrung und der Wiedereinbau von DNA in Lebewesen. Die Möglichkeiten und Chancen, die diese Technologie bietet, erweckt Hoffnungen, die mit ihr verbundenen Risiken geben Anlaß zu Sorge und Angst. Die dabei aufgeworfenen Fragen gehen weit über den naturwissenschaftlichen Bereich hinaus und sind ethisch-moralischer, sozialer und gesellschaftlicher Natur.
Die Vortragsreihe "Mendel und die Biowissenschaften..." wird über Trends und neue Erkenntnisse der "New Life Sciences" und deren gesellschaftliche Auswirkungen informieren und vom derzeitigen Erkenntnisstand ausgehend Perspektiven der künftigen Entwicklung zeichnen. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem Themen der klassischen und molekularen Genetik, der Entwicklungsbiologie und der Evolutionsforschung. Ein Schwerpunkt soll die Entwicklungsgeschichte des Menschen sein. International höchst anerkannte Wissenschaftler aus aller Welt werden dabei in verständlicher Form den komplexen und teilweise kontroversen Stoff vermitteln. Die Vortragsreihe soll damit einen Beitrag leisten zum immer wieder geforderten öffentlichen Diskurs über den Einfluß wissenschaftlicher Erkenntnisse auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.
Veranstalter:
- Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
- Institut für Molekulare Pathologie (I.M.P.)
- Industriellenvereinigung Wien (IV)
Veranstaltungsort:
- Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal
- 1010 Wien, Sonnenfelsgasse 19
Info:
- ÖAW, Öffentlichkeitsarbeit: Dr. Marianne Baumgart
- Tel. ++43-1-51581-219
- e-mail: marianne.baumgart@oeaw.ac.at
- 21. Oktober 1998, 18.15 Uhr
- Peter Sitte, Universität Freiburg/Breisgau
- "Gregor Mendel und die Folgen: von Erbsenkreuzungen zur gentechnischen Revolution"
- An die künstliche Manipulation des Erbgutes werden heute große Erwartungen geknüpft. Die geradezu phantastischen neuen Möglichkeiten geben aber auch Anlaß zu Angst und Sorge. Der Weg der Vererbungsforschung von den Kreuzungsversuchen Mendels vor 140 Jahren bis zur modernen Gentechnologie wird beschrieben und die Folgen werden kritisch diskutiert.
- 18. November 1998, 18.15 Uhr
- Charles Weissmann, Universität Zürich
- "Prionen, Rinderwahnsinn und transgene Mäuse"
- Prionen sind Erreger, die bei Rindern Rinderwahnsinn, bei Schafen Scrapie und bei Menschen die Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung sowie Kuru verursachen. Das Prion entsteht durch Verwandlung eines bestimmten Proteins. Der Vortrag beschäftigt sich sowohl mit den epidemieartigen Prionenerkrankungen bei Tieren wie auch mit den vererbten Prionenkrankheiten beim Menschen. Bei der Erforschung der molekularen Wirkungsweise der Prionen spielen gezielt genetisch veränderte "transgene" Mäuse eine überragende Rolle.
- 16. Dezember 1998, 18.15 Uhr
- Steve Jones, University College, London
- "What sex really means"
- From hermaphrodite slugs to bisexual humans one can follow the question: Why is there sexual reproduction, under what circumstances it pays to give it up, and why did sexuality evolve in the first place ? In so asking, perhaps unexpected parallels between sex and taxes become apparent.
- 10. März 1999, 18.15 Uhr
- Ernst-Ludwig Winnacker, Ludwig-Maximilians-Universität, München
- "Von Mendel zum Genom: über die Wandlung des Genbegriffs"
- Wo Gregor Mendel noch von "Elementen" sprach, die von den Eltern auf ihre Nachkommen übertragen werden, werden Gene und ihre Produkte heute als Teile von genetischen Netzwerken angesehen, die miteinander und mit der Umwelt wechselwirken. Grundlage für unser erweitertes Wissen sind die sogenannten Genomprojekte, aber auch neue Technologien, die es erlauben, diese Netzwerke zu erkennen.
- 28. April 1999, 18.15 Uhr
- Jared Diamond, University of California, Los Angeles
- "Why was human history since 13.000 years so different in Europe, Africa, and the other continents?"
- Why did Aboriginal Australians remain stone-age hunter/gatherers, while agriculture and empires were arising among Native Americans, and while widespread literacy and metal tools were developed in Eurasia? Why were Europeans the ones to conquer Africans, Australians, and Americans, instead of vice versa? For lack of an accepted explanation many people fall back on racist explanations. The talk will show instead how the different fates of different peoples were influenced by differences in continental environments.
- 26. Mai 1999, 18.15 Uhr
- Svante Pääbo, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig
- "Neandertaler, moderne Menschen und der Ursprung unseres Genpools"
- DNA-Sequenzen können Aufschlüsse über die Geschichte des Menschen und anderer Lebewesen geben. Eine neuartige Disziplin der Genomanalyse ist die Erforschung von DNA aus archäologischen und paläontologischen Überresten von Pflanzen, Tieren und Menschen. Der Vergleich solcher "fossiler DNA" mit der DNA heutiger Lebewesen kann uns neue Einblicke in die Evolution und Geschichte des Menschen gewähren.