Grundsatzstatement von Präsident Werner Welzig
bei der 29. Generalkonferenz der UNESCO in Kommission III
am 3. November 1997 in Paris
über die Rolle der Wissenschaft im 21. Jahrhundert


Gestatten Sie, daß ich in diese Programmdiskussion über die Aufgaben der Wissenschaften im 21. Jahrhundert ein Wort einführe, das bei einer solchen Tagung wahrscheinlich nicht zuhause ist. Wie einen fremden Gast will ich es daher einführen, behutsam und um sein Wohl besorgt. Ich will von "Solidarität" sprechen.

Im Französischen ist dieses Wort seit dem Ende des 17. Jahrhunderts bekannt. Es bezeichnet, wie wir im "Petit Robert" lesen, die "relation entre personnes ayant conscience d´une communauté d´ intérêts, qui entraine, pour les unes, l´obligation morale de ne pas desservir les autres et de leur porter assistance". Man spricht von solidarité avec qqn oder solidarité de classe oder solidarité professionnelle.

Sie sind schon ungeduldig. Was hat dieser Gast bei dieser Tagung zu tun. Die einzige Form der Solidarität, die hier zu erweisen ist, ist die Solidarität mit den nachfolgenden Sprechern, das heißt, daß ich kurz und klar von den Aufgaben der Wissenschaft zu sprechen habe.

Kurz schon, aber nicht zu rasch. Da wir in Paris sind, werden manche von Ihnen vielleicht zugeben, daß Solidarität mit Brüderlichkeit zu tun hat. Aber mit Wissenschaft? Was ist Wissenschaft? Wissenschaft ist Wettstreit. Wissenschaft ist ein Machtkampf. Wissenschaft kann nur betreiben, wer Geld hat. Wissenschaft ist ein Partner der Wirtschaft. Wissenschaft verschafft Ansehen. Wissenschaft lebt von der Neugier.

Solche und ähnliche Feststellungen sind für jedermann einleuchtend. Doch müssen wir wirklich bei der Wissenschaft beginnen, wenn wir über die Wissenschaft nachdenken wollen? Beginnen wir beim Leben. Welches sind die Gegebenheiten, die unser Leben, unser aller Leben bestimmen? Ohne jedes System will ich einiges von dem nennen, was in alltäglicher, aber entscheidender Weise unser Leben bestimmt.

Wir brauchen LUFT, um atmen zu können. Wir brauchen WASSER, um unseren Durst löschen und um uns reinigen zu können. Wir brauchen NAHRUNG, wenn wir Hunger haben und nicht schwach werden wollen. Wir brauchen GEISTIGE NAHRUNG, um als denkende Wesen nicht schwach zu werden. Wir wollen mobil sein und brauchen hiefür zeitgemäße Mittel des TRANSPORTS. Für alles, was wir tun, und weit über das hinaus, was die Sonne uns täglich schenkt, brauchen wir ENERGIE. Wir pflegen unsere GESUNDHEIT. Den Kräften des GESCHLECHTS verdanken wir Glück und Lust, aber auch, daß wir nicht als die letzten auf diesem Erdball solches Glück und solche Lust empfinden. Wir können Informationen aufnehmen, verarbeiten und weitergeben, weil wir über die Gabe der SPRACHE verfügen. Und wir können schließlich eine Tagung über Wissenschaft im 21. Jahrhundert abhalten, weil wir über ein GEDÄCHTNIS verfügen und über Instrumente, die dieses Gedächtnis sich geschaffen hat.

LUFT, WASSER, NAHRUNG, GEISTIGE NAHRUNG, TRANSPORT, ENERGIE, GESUNDHEIT, GESCHLECHT, SPRACHE, GEDÄCHTNIS.

Was wir hier aufgezählt haben, sind Grundelemente unseres Lebens. Es sind aber auch Grundgegenstände dessen, was wir Forschung nennen. LUFT, WASSER, NAHRUNG, GEISTIGE NAHRUNG, wir können auch Kultur dafür sagen, TRANSPORT, wir können auch Verkehr sagen, ENERGIE, GESUNDHEIT, GESCHLECHT, SPRACHE, GEDÄCHTNIS - fast der ganze Umkreis sogenannter wissenschaftlicher Fächer ist damit angegeben, auch wenn die wissenschaftlichen Disziplinen, die diesen Gegenständen gelten, ganz anders heißen, und auch wenn manche Fragestellungen heute noch keine wissenschaftliche Würde haben. Auf dem Titelblatt einer französischen Illustrierten habe ich vor einigen Wochen gelesen: "40% des enfants ne savent pas lire". Kann sein, daß die Wissenschaft sich um solche Dinge nicht kümmert. Aber dann wird man wahrscheinlich eines baldigen Tages lesen müssen: "40% des savants ne savent pas comprendre".

Die Wissenschaft hat uns weggeführt von der Solidarität. Die Grundgegebenheiten unseres Lebens, von denen wir gerade gesprochen haben, führen uns direkt hin zu ihr. Sich um den Zustand des WASSERS zu kümmern, um nur bei diesem einen Beispiel zu bleiben, heißt sich mit denen solidarisch zu wissen, denen das WASSER nicht mehr wie eine Paradiesesgabe zur freien Verfügung geschenkt ist. Jeder, der zu seinem Nutzen über Wasser verfügt, verfügt damit über das Wasser, das andere nicht haben. Der Nutzen des einen kann der Schaden des anderen sein. Das kommende Jahrhundert aber, so wage ich zu behaupten, wird uns darüber belehren, daß es auf diesem kleinen Raumschiff Erde keinen Nutzen für die einen mehr geben wird, der durch den Schaden der anderen erkauft wird. Wissenschaft müßte uns dazu bringen, in diesem Raumschiff Erde hinfort solidarisch zu handeln. Ich glaube nicht, daß wir im nächsten Jahrhundert bessere Menschen sein werden. Ich bin aber überzeugt, daß wir sehr rasch lernen müssen, daß es in unserem eigenen Interesse liegt, solidarisch zu handeln. Wir werden nur in Solidarität überleben. Nur wenn wir die anderen als Miteigentümer akzeptieren, werden wir unser Eigentum bewahren.

Wissen ist Macht, heißt ein berühmter Satz. Dieser Satz, so will ich schließen, ist nicht falsch geworden. Er ist unwichtig geworden. Stellen wir ihm einen besseren Satz an die Seite. Ich lade Sie ein, diesen Satz zu suchen. Mein eigener Beitrag zu einer solchen Diskussion lautet: Für eine neue Solidarität!


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Letzte Änderung: 13.11.1997 22:38