Man beginnt allenthalben über "Forschung" zu sprechen. Man lebt das Forschungsbewußtsein, indem man über die Hebung des Forschungsbewußtseins redet. Erklärungen und Regierungserklärungen, Aufrufe, Manifeste und offene Briefe, Analysen und Prognosen, akademische Aufschreie und amtliche Beruhigungen, ORFsche Kantaten und was insgeheim Konsulenten beraten - vielerlei kann im Internet des aktuellen Diskurses unter dem Stichwort "Forschung in Österreich" heute aufgerufen werden. Wie gut diese Beiträge die wirkliche Wirklichkeit treffen, bleibt offen und offener noch, ob sie auch zu einer positiven Veränderung dieser Wirklichkeit beitragen. Doch vielleicht muß, wer sich über Forschung in Österreich informieren will, nichts davon kennen. Vielleicht erfährt man das Entscheidende dort, wo keiner Auskünfte über die Situation von heute suchen wird, weil man an diesem Ort nur von dem zu hören erwartet, was einmal war. Es war einmal. Wirklich?
Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, so behaupte ich, sind das weitaus beste und überdies ohne öffentliche Gelder erstellte Dossier über das Kapitel Wissenschaft in der Zweiten Republik und am Ausgang des 20. Jahrhunderts. Wie nirgendwo sonst wird hier unsere Phantasie gestärkt. Völlig unerwartet nehmen wir in einer märchenhaften Welt die Realität der Gegenwart wahr. Wir brauchen nur zu lesen, zu erzählen oder zu hören.
Die Geschichte von den "Bremer Stadtmusikanten" etwa, von denen keiner sehr viel Kraft hat, die bemerken, daß kein guter Wind für sie weht und die gemeinsam schließlich doch fähig sind, ihre Widersacher in Furcht zu versetzen und die Räuber zu verjagen.
Oder die vom "Rotkäppchen", jener "kleinen süßen Dirne", die einen Auftrag bekommt, aber statt diesen zu erfüllen, die schönen Blumen sucht, die im Walde stehen und als sie schon viele gepflückt hat, immer noch schönere zu entdecken glaubt.
Oder die schreckerregende Geschichte vom "Dornröschen", wo nach dem langen Schlaf, der alle befällt, die Dinge genauso weitergehen wie vorher: Die Fliegen an den Wänden kriechen weiter, der Braten brutzelt wieder, und der Koch gibt dem Küchenjungen die Ohrfeige, die er ihm vor langer Zeit schon zugedacht hatte.
Oder gar die tröstliche Geschichte von einem, der auszog das Fürchten zu lernen, der das aber auch im verwünschten Schloß nicht lernt. Die schrecklichsten Begegnungen mit den stärksten Männern lassen ihn kalt, sodaß er selbst schon ganz verdrießlich ist. Kleine Fischlein erst erlösen ihn aus seiner Starrheit: "Ach, was gruselt mir, was gruselt mir!".
Doch Vorsicht: Angesichts der vielen schönen Geschichten könnte es uns bei unserem Vorhaben so gehen wie dem Rotkäppchen im Wald. Bleiben wir bei einer einzigen. Ich schlage vor, wir lesen gemeinsam das "Rumpelstilzchen". Oder besser: Sie erlauben mir, es nachzuerzählen. Im Anschluß wollen wir dann einige Auskünfte zusammenstellen, die aus diesem Märchen für die Realität unserer Tage zu gewinnen sind. Wir werden, das sei nachdrücklich betont, der Geschichte keinerlei Gewalt antun. Aber wir wollen sie, das sei durchaus eingestanden, nützen.
Charlotte Bühler hatte einst vorgeschlagen, das Märchen für das Studium der kindlichen Phantasie auszuwerten. Diesem Vorschlag stelle ich einen anderen gegenüber, den, daß wir versuchen sollten, durch das Märchen unsere Erwachsenen-Phantasie zu entfalten. Da wir dieser Phantasie angesichts der Zeit, die wir zweimal täglich im Bild haben, vorerst nicht sehr viel zumuten können, wollen wir uns damit begnügen, bei der Figur der Müllerstochter, bei der Jungfer Müllerin, wie sie auch genannt wird, an die österreichische Forschung zu denken und beim Müller wie beim König an die Repräsentanten der Politik und der öffentlichen Meinung in unserem Lande.
Zunächst die Nacherzählung.
Es war einmal ein Müller. Der wollte, wie es im Märchen heißt, "sich ein Ansehen geben". Er prahlt damit, daß seine Tochter Stroh zu Gold spinnen könne. Der König, der das hört, läßt die Müllerstochter auf sein Schloß bringen. Dreimal sperrt er sie des Nachts in eine Kammer voll Stroh, eine größer als die andere. Er gibt ihr ein Spinnrad und verlangt, daß bis zum Morgen jeweils alles Stroh zu Gold gesponnen wird. Zweimal fordert er diese Arbeit unter Androhung des Todes. Das dritte Mal mit der Verheißung, die Müllerstochter zu ehelichen: "Eine reichere Frau", denkt sich der König, "finde ich in der ganzen Welt nicht". Die Jungfer weiß sich nicht zu helfen. Sie weint. Doch auf einmal öffnet sich die Türe. Ein kleines Männchen tritt herein. Dieses Männchen hilft der Müllerstochter aus der Not. Es leistet die Arbeit statt ihrer. Doch jedesmal bedingt es sich einen Lohn aus. In der dritten Nacht ist es das erste Kind, das die künftige Königin haben wird. Als übers Jahr dieser dritte Lohn fällig wird, bekommt das Männchen aber Mitleid mit der jammernden und weinenden Mutter. Es ändert seine Bedingung: Wenn sie innerhalb von drei Tagen seinen Namen angeben könne, dürfe sie ihr Kind behalten. Die Königin probiert die verschiedensten Namen aus. Sie versucht es mit "Kaspar", mit "Rippenbiest" und mit "Schnürbein". Alles vergeblich. Erst im letzten Anlauf bringt sie den richtigen Namen in Erfahrung. Das "Rumpelstilzchen", so heißt der geheimnisvolle Helfer, reißt sich daraufhin voll Wut mittenentzwei.
Was sind die Lehren dieser Geschichte? Wo berührt die märchenhafte Erzählung von dem, was einmal war, die Realität dessen, was heute ist? Ich begnüge mich mit zwei Hinweisen und beginne beim Ende.
Die Geschichte vom "Rumpelstilzchen" hat mit Namen und Benennungen zu tun. Die Verse aus dem Märchen führen genau dorthin:
Die Macht dieses Männleins hat damit zu tun, daß niemand es beim Namen nennen kann. Ich behaupte, daß das, was es uns bezüglich seines Namens vorführt mit dem, was der österreichischen Forschung in diesen Tagen widerfährt, exemplarisch zu tun hat. Nicht um die Benennung von Personen geht es bei uns heute freilich, aber wohl um Benennung, um die Benennung von Sachen. "Sparpaket" ist das große Losungswort unseres gegenwärtigen öffentlichen Lebens. Jedermann ist es bekannt. Alle diskutieren darüber. Und die politisch Verantwortlichen versichern uns ebenso eindringlich wie einmütig, daß an ein weiteres derartiges Sparpaket nicht gedacht ist.
Die Realität ist anders. In der Karwoche hat uns die Nachricht von einem neuen Sparpaket erreicht. Was unterscheidet es von seinem Vorgänger? Zunächst, daß es nicht angekündigt war. Dann, daß es uns wesentlich härter trifft als das "eigentliche", das so genannte Sparpaket. Der entscheidende, der politisch entscheidende Unterschied jedoch wird erst vom Märchen her faßbar. Er hat mit dem Namen zu tun. Was in der Fastenzeit des Jahres 1997 hierzulande geschnürt wurde, ist kein "Sparpaket". Für den akademischen Bürger gibt es daher aus amtlicher Sicht auch keinen Anlaß, sich aufzuregen. Was jetzt verfügt wurde, ist in der Sprache der Verfasser eine "Ausgabenrückstellung". Mit einem "Sparpaket" hat eine solche "Ausgabenrückstellung" - nach amtlichem Willen - nichts zu tun, so wenig jedenfalls, wie Kaspar oder Schnürbein oder Rippenbiest mit dem Rumpelstilzchen.
Wenn die Voraussetzung aller Politik die Fähigkeit ist, Sachverhalte zu erkennen und zu benennen - eines ist vom anderen nicht zu trennen -, dann kann man, was sich da in unserem Lande gerade ereignet hat, in prägnanter Verkehrung als einen beispielhaften politischen Vorgang bezeichnen, als einen Vorgang der Dissimulierung, Dissimulierung der staatlichen Budgetsituation und Umbenennung der Maßnahmen, die aus dieser Budgetsituation abgeleitet werden: ach, wie gut, daß niemand weiß ...
Wechseln wir zum ersten Teil des Märchens. Die Prahlsucht des Vaters hat die Tochter in eine unmögliche Situation gebracht. Sie erhält den Auftrag, aus Stroh Gold zu machen. Die Elemente des Werkzeugs, mit dem dieser Reichtum entstehen soll, werden präzise angegeben: Spindel, Rad, Haspel, Spule. Daß zu der Zeit, in der die verschiedenen Auflagen der Grimmschen Märchen erscheinen, längst Handspinnmaschinen und dampfbetriebene Spinnmaschinen im Einsatz sind, daß zu dieser Zeit Friedrich Engels gerade auch am Beispiel der Textilindustrie seinen Bericht über "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" vorlegt, daß das Maschinensystem und der Übergang vom Zwölf- zum Zehnstundentag in den "factories" ein wichtiges Thema von Karl Marxens "Kapital" ist - all das braucht uns hier nicht zu beschäftigen. Was hier und im hinsterbenden 20. Jahrhundert unsere Phantasie jedoch aufblühen lassen sollte, ist die Art, in der der König mit der jungen Frau umgeht, und wie diese mit ihrer Situation zurechtkommt.
Bleiben wir zunächst bei der Müllerstochter. Sie wird in die Kammer gesperrt, sie ist allein, sie weiß sich nicht zu helfen, ihre Angst wird immer größer, sie weint. Das kleine Männchen erst, das plötzlich bei ihr steht, steht ihr bei. Es befreit sie aus ihrer Bedrängnis, um sie mit dem Verlangen nach dem Kind dann freilich in eine Bedrängnis ganz anderer Art zu führen.
In der wirklichen Wirklichkeit gibt es keine solchen wundersamen Wesen, die uns helfen, schnurr, schnurr, schnurr, aus Stroh Gold zu machen. Alles andere aber ist uns bestens vertraut. Alle Geschehenselemente des Märchens sind in unserem Alltag wiederzuentdecken. Doch anregender noch als das, was erzählt, ist das, was ausgespart wird. Eine Leerstelle des Grimmschen Textes erscheint mir besonders lehrreich. Die Jungfer Müllerin weiß sich angesichts des geltungsbedürftigen Vaters und des geld- oder goldgierigen Herrschers nicht zu wehren, sie hat nicht die Courage zu sagen, daß das, was man von ihr verlangt, nicht zu leisten ist, daß sie aber durchaus zu anderem fähig wäre. Im Unterschied zu benachbarten Figuren der Grimmschen Märchen ist sie keine faule Spinnerin und auch kein häßliches Mädchen. Sie ist eine schöne Müllerstochter, sie wird eine schöne Königin und sie schenkt einem schönen Kind das Leben.
Soweit zur Müllerstochter. Erheblich mehr wird unserer Phantasie zugemutet, wenn wir uns um den König kümmern. Daß der Herrscher grausam mit der armen Müllerstochter umgeht, daß er immer geld- oder goldgieriger wird, daß er auch nach der zweiten Kammer voll Gold "noch immer nicht Goldes satt" ist, all das können wir zu den spezifischen Verhaltensweisen von Märchenfiguren zählen. Für die reale Situation unserer Tage ist etwas anderes wichtiger. Der König, so wage ich zu sagen, ist der eigentliche Verlierer dieser Geschichte. Ich lade Sie jedenfalls ein, das "Rumpelstilzchen" unter dieser Prämisse zu lesen. Die Situation der Forschung in Österreich, so behaupte ich, kann man von hierher sehen und verstehen lernen. Und auch die permanente und auch geldstromlenkende Konfrontation von sogenannter "Grundlagenforschung" und sogenannter "angewandter Forschung".
Der König weiß gar nicht, was er an dieser Müllerstochter hat. Was ihn an ihr interessiert, ist lediglich die prahlerische Angabe des Vaters, eben jener Nutzen also, den sie ihm in Wahrheit und aus eigenen Kräften niemals bringen kann. Und übersehen wir nicht: Mehr als Stroh hat der König der Müllerstochter auch nicht geboten. Dessen wundersame Verwandlung jedoch verstärkt nur seine Gier. Das Merkwürdigste aber ist die Verbindung, die der König mit seiner Untertanin eingeht. Zunächst zweimal Drohung mit dem Tod und dann übergangslos Verheißung der Hochzeit. Was muß das für eine Ehe gewesen sein! Folgerichtig hören wir auch kein Wort über den Zusammenstand der beiden. Und auffälliger noch: Während andere Märchen mit der Nachricht vom glücklichen Leben der Vermählten enden, ist im "Rumpelstilzchen" die Hochzeit nur eine Zwischenstation. Am Ende der Geschichte steht die Selbstzerstörung des wunderbaren Helfers, eben des Rumpelstilzchen. Keine weiteren Schätze und auch kein Glück sind in Aussicht. Die Gier nach dem unmittelbaren Nutzen läßt den König als Cameralisten zurück, als Verwalter jener Kammern, die ihm sein törichter Wunsch außerhalb der natürlichen Ordnung beschert hat.
"Etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze dieser Welt", so hat das Rumpelstilzchen seinen Wunsch nach dem Kind begründet. "Etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze dieser Welt". Von dieser Menschlichkeit und Weisheit und auch politischen Klugheit ist der König weit entfernt. Was ihn interessiert, ist der unmittelbare, faßbare Nutzen.
Wir sollten uns stimuliert fühlen, die technologiepolitischen Schlagworte unserer Tage im Lichte dieser Geschichte und vor dem Schicksal dieses armen Tölpels von König zu prüfen. Er ist ein Herrscher, der, weil märchenhafte Hilfe zuteil wurde, gerade Gold in seinen Kammern hat. Doch er hat niemanden, der ihm, wenn diese Kammern einst leer sein werden, zeigen wird, was aus Stroh alles zu machen wäre. Niemand ist da, der ihm zeigen wird, wie unsere Hände, wenn sie zu arbeiten gelernt haben, und unser Kopf, wenn er kein Strohkopf ist, die Welt zum Wohle der Menschen zu verwandeln vermögen. "Grundlagenforschung" und "angewandte Forschung", die Gesamtheit der Wissenschaft von diesen zwei Polen her zu sehen - das sollten wir jenen überlassen, die nicht bis drei zählen können, denen, die des Märchens noch nicht fähig sind: Heute back ich, morgen brau ich. Und wie geht´s weiter?