Andreas Fingernagel, Martin Roland: Die mittelalterlichen Schulen I (ca. 1250-1350). Die illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek.

Fortsetzung des beschreibenden Verzeichnisses der illuminierten Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, hrsg. Von Gerhard Schmidt. (Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters, hrsg. von Otto Kresten).
Textband mit 362 Seiten und 78 Vergleichsabbildungen; Tafel- und Registerband mit 39 Farb- und 472 Schwarzweißabbildungen. Wien,
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. (Preis: öS 2.400.--)
Mit dem neu erschienenen Katalog der ,Mitteleuropäischen Schulen" legt die Österreichische Nationalbibliothek einen weiteren Band vor, der den kunsthistorisch wertvollen Bestand an Handschriften dokumentiert. In dem reich bebilderten Katalogwerk werden mehr als 150 lateinische und deutschsprachige mittelalterliche Handschriften angeführt, die der Entstehungszeit von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts angehören und nach Mitteleuropa (vorwiegend Österreich, Deutschland und Böhmen) lokalisiert werden können. Die nach dem Inhalt, dem Einband und vor allem unter Berücksichtigung des Buchschmucks beschriebenen Codices füllen in der Bestandserschließung der Nationalbibliothek die Lücke zwischen der romantischen Buchkunst, die sich vorwiegend in den mittelalterlichen Klöstern entfaltet hatte, und er entwickelten Gotik der Zeit um 1400, in der zusehends im höfischen Bereich tätige Buchmaler und Schreiber an Bedeutung gewinnen.

Die in dem Katalog beschriebenen Handschriften dokumentieren diese Übergangsphase der Buchkunst, in der romanische Motive und Stilelemente vor allem in den Handschriften aus der Salzburger Dombibliothek bis in das 14. Jahrhunderts verfolgt werden können. Gleichzeitig wird aber auch die Entwicklung einer ,neün" gotischen Dekorationsform dargelegt, die als Fleuronnee-Initiale bezeichnet wird; entgegen den naturalistischen Grundströmungen der Zeit zeichnet sich dieser Initialtypus durch ein hohes Maß an Abstrahierung in der Darstellung der pflanzlichen Motive aus. Neben den verzierten Initialen, die nun auch die ganze Seite schmücken und im Mittelpunkt der buchkünstlerischen Bemühungen der Zeit stehen, werden in dem Band auch mit reichem Figurenschmuck ausgestattete Codices beschrieben. An erster Stelle stehen liturgische, vorwiegend zur Meßfeier benötigte Handschriften, wie zum Beispiel die als Geschenk der böhmischen Königin Elisabeth Rejcka (1288-1335) an das Zisterzienserinnenkloster Maria Saal in Brünn gestifteten Codices, die Ende des 18. Jahrhunderts an die damalige Hofbibliothek transferiert wurden. Exemplarisch kann anhand dieser geschlossenen Handschriftengruppe der Einfluß eines Auftraggebers und die Organisation eines mittelalterlichen Skriptoriums, in dem Schreiber und Buchmaler Hand in Hand gearbeitet haben, dokumentiert werden.

Die Gruppe der für die Privatandacht hergestellten Gebetbücher (Psalterien) leitet über zu deutschsprachigen Codices, die auch den profanen Bereich vertreten. Der Willehalm-Zyklus (Wolfram von Eschenbach), der in das Jahr 1320 datiert und vermutlich in Wien oder Wiener Neustadt entstanden ist, stellt mit mehr als 100 Miniaturen das prominenteste Beispiel dieser Art dar. Die Katalog-Reihe, erstellt in Zusammenarbeit mit dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters), wird zügig fortgesetzt.