Akzeptanz in Österreich europaweit am geringsten / Ergebnisse eines europäischen Forschungsprojekts
In ganz Europa zweifelt die Bevölkerung an der Fähigkeit der Regierungen, mit den Vorbehalten gegenüber der Bio- und Gentechnik angemessen umzugehen: Obwohl viele Europäer Unbehagen über die neue Gentechnik empfinden, unterstützen die meisten "traditionelle" medizinische Anwendungen. Zweifel bestehen aber an der gentechnischen Veränderung von Tieren für die Forschung oder um transplantierbare Organe zu gewinnen. Während für die Behörden bisher fast ausschließlich Risiko- und Sicherheitsfragen im Mittelpunkt standen, bewegen die Öffentlichkeit eher moralische Vorbehalte. Im Vergleich aller EU-Länder ist die Ablehnung von Bio- und Gentechnik in Österreich am höchsten und das biologische Sachwissen der Österreicher eines der niedrigsten. Das zeigen die Ergebnisse eines österreichischen und eines europaweiten Forschungsprojekts (EU-Concerted Action), an dem auch Univ. Doz. Dr. Wolfgang Wagner von der Universität Linz und Dr. Helge Torgersen von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beteiligt sind. Ein Bericht erschien in der britischen Wissenschaftszeitschrift NATURE vom 26. Juni 1997.
Die gängige Ansicht, daß höheres Sachwissen zu einer positiveren Einschätzung führt, läßt sich aus den Ergebnisse nicht ableiten: Zwar hat sich seit der ersten derartigen Untersuchung im Jahr 1991 in ganz Europa der Kenntnisstand zum Thema Gentechnik leicht erhöht, der Optimismus, daß sich das Leben durch diese Technik verbessern wird, ist aber gesunken. Größeres Sachwissen führt also nicht unbedingt zu höherer Akzeptanz; es zeigt sich lediglich, daß jemand, der viel weiß, eindeutiger Stellung bezieht, sei diese positiv oder negativ.
Während alle Anwendungen der Bio- und Gentechnik, nach denen gefragt wurde, als möglicherweise nützlich angesehen wurden, vermuten die Befragten Risiken vor allem bei der gentechnischen Veränderung von Pflanzen, Lebensmitteln und Tieren. Darüberhinaus erweisen sich transgene Tiere für viele als moralisch inakzeptabel. Auf den ersten Blick scheinen drei Gründe für diese Einschätzung wesentlich zu sein: das wahrgenommene Risiko, der Nutzen und die moralische Unbedenklichkeit. Genauere Analysen zeigen aber, daß es die moralische Bewertung und nicht die wahrgenommenen Risiken sind, die für die Akzeptanz den Ausschlag geben. Risiken werden akzeptiert, wenn ein Nutzen gesehen wird, vor allem aber, wenn keine moralischen Einwände bestehen.
Weil bisher die Politik nur das technische Management von Risiken für Gesundheit und Umwelt in den Mittelpunkt stellte, ging sie an den Bedenken der Öffentlichkeit offensichtlich vorbei, die weitgehend auf einer anderen Ebene liegen. Das mag zum Vertrauensverlust der Politik und staatlicher Organe beigetragen haben, der sich in mehreren Ergebnissen der Umfrage widerspiegelt. Vertrauen spielt vor allem dann eine Rolle, wenn Wissen fehlt oder die Unsicherheit groß ist. Ein Zusammenhang zwischen Vertrauen in die Behörden und positiver Einschätzung der Bio- und Gentechnik läßt sich nachweisen: Personen, die staatlichen Organen vertrauen, haben eine deutlich positivere Einschätzung.
Ein Vertrauensverlust von nationalen und auch EU-Behörden zeigt sich etwa bei der Frage, wer die Bio- und Gentechnik regeln soll. Internationalen Organisationen wie der UNO oder der WHO und auch der Selbstregulierung der Wissenschaft wird der Vorzug gegeben - möglicherweise eine Konsequenz der Auffassung, daß andere Institutionen angesichts der weltweiten Konsequenzen der Technologie überfordert sind. Auch der Befund, daß europaweit 74% die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln und 60% verbindliche öffentliche Anhörungen fordern, daß 53% die derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen für ungenügend erachten und 39% die Einbindung religiöser Autoritäten in die Regulierung wünschen, deutet auf geringes Vertrauen in die staatliche Fähigkeit, Probleme im Zusammenhang mit Bio- und Gentechnik zu lösen.
In bezug auf die Glaubwürdigkeit der verbreiteten Informationen schneiden politische und staatliche Institutionen ebenfalls eher schlecht ab. Auf die Frage, welche von 12 aufgelisteten Institutionen besonders ehrlich über Biotechnologie informiert, erweisen sich Umweltschutz- und Konsumentenorganisationen als besonders und politische Parteien und die Industrie als am wenigsten vertrauenswürdig. Allerdings hängt Vertrauen stark davon ab, ob es um Nutzpflanzen, medizinische oder wissenschaftliche Anwendungen geht. Bei Informationen über Transplantationen von Organen aus transgenen Tieren gilt z.B. die Ärzteschaft als sehr glaubwürdig.
Österreich ist eine Ausnahme zu dem beschriebenen Trend: Österreicher, die eher öffentlichen Autoritäten vertrauen, lehnen gentechnisch produzierte Nutzpflanzen und Lebensmittel eher ab. Das mag mit der ablehnenden Haltung der österreichischen Regierung gegenüber Importen von transgener Soja- und Maisprodukte zusammenhängen.
Die Bevölkerungen der Länder der EU zeigen große Unterschiede in ihrer Haltung zur Bio- und Gentechnik. Besonders positiv wird sie in Portugal und Spanien gesehen, gefolgt von Belgien, Finnland und Griechenland, während der Widerstand in Österreich am größten ist, gefolgt von Deutschland, Dänemark, Schweden und Luxemburg. Mit der Ausnahme Finnlands ist die Unterstützung in Ländern größer, in denen es wenig Berührungspunkte mit der Technologie gibt, wo das Wissen eher gering ist, eine positiv-emotionale Sicht gegenüber der Technik am allgemeinen herrscht, die Erwartungen hoch sind und der öffentliche Umgang mit Risiko und Regulierung eher entspannt ist. Das ist in weniger industrialisierten Ländern ohne große Biotechnologie-Industrien der Fall, in denen es wenig öffentliche Debatten über Bio- und Gentechnik gibt.
Widerstand findet sich eher in Ländern, in denen die Öffentlichkeit mit dem Thema stärker in Berührung gekommen ist, wo das Wissen größer und eine eher prosaische Sicht der Technik üblich ist und die Erwartungen gering bis mäßig sind, andererseits Bedenken bezüglich Risiken und Vorschriften herrschen. Das ist in höher industrialisierten Ländern der Fall, in denen es eine entwickelte Biotechnologie-Industrie und eine Debatte mit relativ hoher öffentlicher Beteiligung gibt. Hier wurden auch Gentechnik-Gesetze früher erlassen. Es scheint also, als ob die Öffentlichkeit in Ländern mit wohl etablierter Bio- und Gentechnik am kritischsten ist und in Ländern, in denen Wissenschaft und Technik noch weniger entwickelt sind, eine besonders positive Einstellung hat. Die Vertrautheit mit der Bio- und Gentechnik mag im einen Fall mehr Gelegenheit für das Entstehen von Besorgnissen geboten haben, während im anderen die Erwartung ökonomischer Vorteile überwiegt.
Österreich ist EU-weit ein Sonderfall. Seine Bevölkerung zeigt die höchste Ablehnung. Vertrauen in die Autorität der Behörden geht hier - anders als in allen anderen Ländern der EU - Hand in Hand mit einer Ablehnung der Gen- und Biotechnologie. Zwar kommt die Öffentlichkeit mit dem Thema stark in Berührung, aber das Wissen ist gering und das Bild der Bio- und Gentechnik ist eindeutig emotionell gefärbt. Die Gründe mögen vielfach sein, die allgemeine Wertschätzung von Umweltthemen könnte eine Rolle spielen, aber auch ein Einfluß der Enttäuschung über die Folgen des EU-Beitritts läßt sich vermuten. In Österreich setzte außerdem die Beschäftigung mit dieser Technologie erst vor kurzem ein. Die mediale Diskussion erreichte innerhalb weniger Jahre einen Höhepunkt, der eine unvorbereitete Öffentlichkeit überraschte.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß große Teile der europäischen Öffentlichkeit zwiespältig gegenüber der Bio- und Gentechnologie eingestellt sind. In erster Linie sind es moralische Bedenken gegenüber Techniken, deren Folgen als unvorhersehbar und riskant erscheinen und deren Eingriffe in Lebensprozesse als "unnatürlich" angesehen werden.
Dr. Helge Torgersen
Institut für Technikfolgenabschätzung der Akademie der
Wissenschaften in Wien
Tel.: 515 81-588