21.01.2016

PIONIERE DER WIENER JUDAISTIK

Mit einer Gedenkveranstaltung erinnerte die ÖAW an ihr Ehrenmitglied Kurt Schubert und dessen Gattin, Ursula Schubert. Gemeinsam haben die Kunsthistorikerin und der Doyen der österreichischen Judaistik die Beziehung jüdisch-christlicher Bildkunst im Mittelalter erforscht.

Kurt und Ursula Schubert waren ein außergewöhnliches Ehepaar. Aus Widerstand zum Dritten Reich wendete sich Kurt Schubert (1923-2007) als junger Student und Katholik der Erforschung des Judentums zu und inskribierte sich an der Universität Wien für das Fach Hebräisch. 1944 promovierte er mit einer Arbeit über die Außenpolitik des König Hammurabi. Im Mai 1945, unmittelbar nach Kriegsende, erwirkte Schubert von der sowjetischen Besatzungsmacht die Wiedereröffnung der Universität Wien. Schubert, der noch im selben Sommersemester begann am Institut für Orientalistik Hebräisch zu unterrichten, etablierte in den kommenden Jahrzehnten die Judaistik zu einem eigenen Fachgebiet und gründete 1966 das Institut für Judaistik, das heuer sein 50jähriges Bestehen feiert.

Ein Bund für die Forschung

Ursula Schubert (1925-1999), die im vergangenen Jahr 90 Jahre alt geworden wäre, unterrichtete an diesem Institut für Judaistik viele Jahre die Geschichte der jüdischen Kunst. Gemeinsam mit ihrem Mann erforschte sie den Einfluss von jüdischen Motiven in der frühchristlichen Ikonographie. Das Ehepaar Schubert gehörte zu den frühesten Wissenschaftlern, die sich in der Nachkriegszeit in Europa diesem Thema widmeten. Die zunächst an frühchristlicher Kunst interessierte Kunsthistorikerin und der Pionier der österreichischen Judaistik ergänzten sich in ihrem Fachwissen in einer wohl einzigartigen Weise. Denn die Entschlüsselung und Kontextualisierung von jüdischen Motiven in zahlreichen frühchristlichen Kunstwerken wurde erst in der produktiven, interdisziplinären Zusammenarbeit der beiden Wissenschaftler möglich.

Grundstein für Wiener Judaistik

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) veranstaltete am 19. Jänner 2016 eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an das Forscherpaar. Im Festsaal der Akademie sagte Akademie-Präsident Anton Zeilinger in Anwesenheit hochrangiger Vertreter/innen der judaistischen Forschung und mehrerer Mitglieder der Familie Schubert, dass die ÖAW stolz darauf sei, Kurt Schubert seit 1987 zu ihren korrespondierenden Mitgliedern und seit 2004 – „an die Wahl kann ich mich noch gut erinnern“, so Zeilinger – zu ihren Ehrenmitgliedern zählen zu dürfen. 

Heinz W. Engl, Rektor der Universität Wien, wiederum wies auf Kurt Schuberts maßgebliche Rolle beim Wiederaufbau der Universität Wien hin: „Kurt Schubert legte den Grundstein für die Wiener Judaistik und hinterlässt ein bedeutungsvolles wissenschaftliches Vermächtnis.“

Die Katakombe der Via Latina

Das Ergebnis des ersten gemeinsamen Forschungsprojektes der Schuberts war die von einem Katalog begleitete Ausstellung „Spätantikes Judentum und Frühchristliche Kunst“. Thematische Schwerpunkte der Ausstellung aus dem Jahr 1974 waren die Malereien in der Synagoge von Dura Europos im heutigen Syrien und die Malereien der Katakombe an der Via Latina in Rom sowie die „Vienna Genesis“, eine Paraphrase der Genesis aus dem sechsten Jahrhundert und der „Ashburnham Pentateuch“ aus dem 7. Jahrhundert. In ihrem Festvortrag veranschaulichten die Judaist/innen Katrin Kogman-Appel und Bernhard Dolna, die unter anderem das Archiv von Kurt und Ursula Schubert wissenschaftlich aufarbeiten, exemplarisch an Bildern aus der Katakombe an der Via Latina, wie die Zusammenarbeit zwischen Ursula und Kurt Schubert funktionierte.

Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung stellte der eigens aus Jerusalem angereiste Vladimir Levin, stellvertretender Direktor des Center of Jewish Art der Jerusalemer Hebrew University, in seinem Vortrag das umfangreiche Bilder-Archiv der Schuberts vor, das Kurt Schubert nach Ursulas Tod im Jahr 1999 auf ihren Wunsch hin dem Centre of Jewish Art geschenkt hat. Dort steht es vor Ort bis heute Studierenden und Lehrenden des Fachbereichs Jüdische Kunst zur Verfügung und dank der derzeitigen Digitalisierung demnächst auch der ganzen Welt.