21.03.2017

Wie Jobangst die Familienplanung beeinflusst

Young Academics: Die ÖAW-Stipendiatin Doris Hanappi zeigt in einer aktuellen Studie, dass Menschen, die um ihren Arbeitsplatz besorgt sind, häufig ihren Kinderwunsch aufschieben.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der notorisch niedrigen Geburtenrate in Europa und der Angst um den eigenen Arbeitsplatz? Diese Frage steht derzeit im Mittelpunkt der Forschung der österreichischen Demographin Doris Hanappi. Und ihre Antwort ist eindeutig: Ja, es gibt einen Zusammenhang. Denn Menschen, die um ihren Job besorgt sind, schieben signifikant häufiger ihren Kinderwunsch auf oder verwerfen ihn sogar gänzlich. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie, die Hanappi gemeinsam mit Schweizer Forscher/innen vor kurzem im European Journal of Population veröffentlicht hat.

In ihrem durch ein APART-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) geförderten Forschungsprojekt analysierte Hanappi an der University of California in Berkeley und mit Kolleg/innen der Universität Lausanne Daten aus dem Schweizer Haushaltspanel. Unter die Lupe genommen wurden die Angaben von insgesamt 1.634 Personen im Alter von 22 bis 45 (Frauen) bzw. 55 (Männer) Jahren, die in Paarbeziehungen leben, über einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten. Die Forscher/innen unterschieden dabei zwischen Personen, die ihren Wunsch, in den nächsten zwei Jahren ein Kind zu bekommen realisieren, die ihren Kinderwunsch aufschieben, die diesen beibehalten oder ihn aufgeben.

Demographische Konsequenzen der Rezession

„Die Forschung beschäftigt sich schon lange mit den sozialen Konsequenzen von Rezessionen auf die Familienplanung“, erklärt ÖAW-Stipendiatin Doris Hanappi. „Bisher hat man sich aber vor allem den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsentwicklung angesehen. Wir wollten wissen, ob sich auch eine wahrgenommene Arbeitsplatzunsicherheit auf die Familienplanung auswirkt. Das wurde bisher kaum beleuchtet“, so die Erstautorin der neuen Studie.

Nun konnten Hanappi und ihre Kolleg/innen nachweisen: Steigt die Angst um den Job, neigen Männer und Frauen mit konkretem Kinderwunsch dazu, diesen aufzugeben. Der  Zusammenhang zeigt sich laut Studie vor allem bei Paaren mit höherem Bildungsabschluss. Überraschend war für die Forscher/innen aber auch, dass eine Reduktion der Arbeitsplatzunsicherheit bei höher gebildeten Frauen nicht automatisch zum gegenteiligen Effekt führt: Während die einen tatsächlich signifikant häufiger einen Kinderwunsch entwickeln, geben die anderen diesen dennoch häufiger auf. „Eine höhere Jobsicherheit von Frauen steigert zwar deren Möglichkeiten und Ressourcen für die Familienplanung, dieser steht aber ein starkes Engagement am Arbeitsplatz entgegen, das mit den Pflichten der Kindererziehung in Konflikt geraten kann“, vermutet Hanappi.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Denn auch eine erhöhte Arbeitsplatzsicherheit von Männern trägt nicht unbedingt zur Realisierung des Kinderwunsches bei. Hanappi schließt daraus, dass die Frage, ob ein Paar ein Kind bekommt oder nicht, vor allem von der Arbeitsplatzsituation der Frauen abhängt. „Mögliche Opportunitätskosten von Frauen, wie ein Karriereeinbruch oder Gehaltseinbußen, spielen hier eine Rolle ebenso wie Möglichkeiten Beruf und Familie zu vereinbaren“, sagt die Wissenschaftlerin, die derzeit in den USA am Demography Department der University of California forscht.

Bei Personen mit mittlerem oder niedrigem Bildungsniveau sind die persönliche Angst um den Job und Opportunitätskosten laut Studie übrigens von geringerer Bedeutung. Bei ihnen steigt die Wahrscheinlichkeit einen Kinderwunsch aufzugeben vor allem mit der Verschlechterung der allgemeinen wirtschaftlichen Situation. Für Hanappi steht somit fest: Sollen die Geburtenraten in Europa insgesamt wieder steigen um einer Bevölkerungsüberalterung entgegenzuwirken, sind ein Wirtschaftsaufschwung aber auch stabile Beschäftigungsverhältnisse und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtige Faktoren.