22.03.2017

Traumfabrik Spitzensport

Sport wird für die Identitätsfindung junger Männer im Globalen Süden immer bedeutender. Doch nur die wenigsten können ihren Traum vom Spitzensportler erfüllen, erklärte der Kulturanthropologe Niko Besnier an der ÖAW.

Was haben Vanille oder Bananen mit Männlichkeit zu tun? So einiges, wie Nico Besnier von der Universität Amsterdam bei einem Vortrag am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am Beispiel des Pazifikstaates Tonga erklärte. Heimische Produktionsverfahren und Exportprodukte, wie etwa Bananen oder Vanille, sind bereits seit den 1980er Jahren global nicht mehr konkurrenzfähig, woraus ökonomische und politische Krisen sowie die zunehmende Verarmung weiter Bevölkerungsteile auf dem Archipel resultierten. Und das habe auch Folgen für die gesellschaftliche Stellung der Männer.

Ihre traditionelle Rolle habe nämlich darin bestanden, eine Familie zu gründen und zu ernähren. Doch durch die ökonomische Krise können gerade Männer der jüngeren Generation diesem Bild nicht mehr entsprechen. „Ihr gesellschaftlicher Status ist daher gesunken“, so Besnier. Was also kann „Mann“ tun? Es ist der medial inszenierte Profi-Sport, der scheinbar Abhilfe verspreche, sagte Besier. Denn dieser biete ein neues Vorbild für erfolgreiche Männlichkeit, das die alten und nicht mehr erfüllbaren Vorstellungen davon zunehmend ersetze.

It´s a long way to the top

Der Fall Tonga sei exemplarisch für andere benachteiligte Länder in einer globalisierten Welt, wie Besnier betonte, der im Rahmen eines vom Europäischen Forschungsrat ERC geförderten Projekts den Zusammenhang von Globalisierung, Sport und Männlichkeit untersucht. So würden unzählige junge Männer in Afrika oder Asien davon träumen, ihre Heimat zu verlassen und in einer möglichst populären Sportart erfolgreich zu sein, sagte der Kulturanthropologe, der bei seinem Vortrag Fußball in Kamerun, das Ringen im Senegal und Rugby auf den Fidschi-Inseln in den Blick nahm.
   

Junge Männer in Afrika oder Asien träumen davon, ihre Heimat zu verlassen und in einer populären Sportart erfolgreich zu sein.


Warum gerade diese Sportarten in den jeweiligen Ländern populär sind, habe unterschiedliche Gründe, wie Besnier erklärte. So sei die Fußballbegeisterung in Kamerun eingebettet in ein weltweites, durch Medien verstärktes Fußballinteresse, während sich die Faszination für Rugby auf den ehemaligen Commonwealth und Frankreich beschränke und das Ringen im Senegal in lokalen Traditionen verwurzelt sei.


Die Art und Weise, wie diese Sportarten ausgeübt und vermarktet werden, unterliege aber überall denselben Spielregeln – und das gelte auch für das Bild von Männlichkeit, das sie vermitteln: Leistungsbereitschaft, die bis zur Selbstverleugnung gehe. Doch dem Traum vom erfolgreichen Sportler stehe die harte Realität gegenüber: „Tatsächlich sind die Aussichten auf eine Sportkarriere gering“, machte Besnier klar. Unter Tausenden gelinge sie vielleicht einem einzigen Athleten auf internationalem Niveau.

Religion und Magie spielen mit

Leistungsdruck kommt aber auch von einer anderen, eher überraschenden Seite. Wie Besnier bei seinen Feldforschungen feststellen konnte, spielt auch die Religion im Sport mit. So gehören Nachwuchsfußballer in Kamerun häufig der christlichen Pfingstbewegung an, die einem so genannten „Wohlstandsevangelium“ folge und persönlichen Erfolg als Beweis göttlicher Gunst versteht. Umgekehrt geben die Ringer im Senegal oft Unsummen für die Unterstützung durch einen „Marabout“ aus, also einen Zauberer, der islamische Traditionen und ältere magische Praktiken verbindet.



Die physischen Anforderungen des Sportbusiness sind enorm. Dadurch verändern sich nachweislich die Körper der Spieler.

Und etwas Unterstützung aus der geistigen Welt kann möglicherweise nicht schaden, denn die physischen Anforderungen des Sportbusiness sind enorm. So versuchen etwa Contact-Sports wie Rugby auf höhere Zuschauerzahlen zu kommen, indem sie die Spielaggressivität steigern, sagte Besnier. Dadurch verändern sich nachweislich die Körper der Spieler. Sie sind wesentlich größer und schwerer als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Einen ähnlichen Prozess durchlaufen auch die Ringer im Senegal. Ihre Körper überschreiten inzwischen Durchschnittsmaße bei weitem, eine Folge von intensivem Training, aber auch von leistungssteigernden Substanzen wie anabolen Steroiden.

Milliardenschwere Sportindustrie

Doch trotz aller individuellen Leistungsbereitschaft, Anstrengungen und Trainings können die Sportler die Sportindustrie kaum zu beeinflussen. Nachwuchsfußballer des afrikanischen Kontinents knüpften ihre Hoffnung auf einen gesicherten sozialen Status zwar an maximalen psychischen und physischen Einsatz. Doch zugleich würden sie in eine gigantische Fußballindustrie eingespeist, die vor allem in Europa Milliardensummen umsetzt und die Spieler selbst als austauschbar behandle, wie Besnier deutlich machte.

So stellte er bei seinen Forschungen zu den Karrieren afrikanischer Fußballer fest, dass diese sich durch Vermittlung zweifelhafter Agenten schließlich in viertklassigen polnischen Klubs wiederfänden, und dort weiter von den großen europäischen Ligen träumten. „Diese Männer fürchten vor allem, erfolglos in ihre afrikanische Heimat zurückzukehren“, erklärte Besnier. Ihnen bleibe daher nur, weiter mitzumachen in einem Spiel um Männlichkeit und Erfolg, bei dem sie nur schwer gewinnen können.