14.02.2017

Tibets Medizin auf dem Vormarsch

Das alte medizinische Wissen der Tibeter entpuppt sich immer mehr als Verkaufsschlager. Wer hinter der Kommerzialisierung steckt und wer davon profitiert, erklärt ÖAW-Medizinanthropologe Stephan Kloos im Interview.

Um die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) sowie Ayurveda aus Indien hat sich in den letzten Jahrzehnten ein globaler Markt entwickelt, der bis nach Europa und die USA reicht. Seit der Jahrtausendwende bahnt sich mit der tibetischen Medizin eine dritte Traditionsmedizin ihren Weg in den pharmazeutischen Markt – zumindest in Asien. Welche Auswirkungen das auf die Tradition sowie auf die asiatische Gesellschaft hat, untersucht derzeit der Medizinanthropologe Stephan Kloos vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einem vom Europäischen Forschungsrat ERC geförderten Projekt. Unterstützt wird er dabei von einem vierköpfigen, internationalen Team. Gekommen ist er auf das Thema übrigens vor 19 Jahren auf einer Reise durch den indischen Himalaya.

Seit rund 15, 20 Jahren etabliert sich die tibetische Medizin in der traditionellen Pharmaindustrie. Heißt das, es gibt so etwas wie den tibetischen Bayer-Konzern?

Stephan Kloos: In dieser Größenordnung gibt es das noch nicht. Aber es gibt in Tibet, wo diese Industrie schon am weitesten entwickelt ist, einige sehr große Hersteller, wie beispielsweise das chinesische Unternehmen „Cheezheng“. Mit einem Börsenwert von rund 1,85 Milliarden US-Dollar sind sie derzeit die größte Firma. Wenn man genau ist, stellen sie allerdings nicht wirklich tibetische Medizinprodukte her, sondern haben sich eher auf „tibetische“ Schmerzpflaster, Einzelkräuter-Kapseln, und biologische Nahrungsmittel spezialisiert. Ernster zu nehmen sind hier eher zwei Firmen aus der chinesischen Qinghai Provinz, die zusammen etwa 100 Millionen US-Dollar an Verkaufswert produzieren. Diese Firmen befolgen bei ihren Pillen die Regeln der traditionellen tibetischen Medizin, die zum Teil über 70 Zutaten enthalten und sehr komplex herzustellen sind. Damit ist es aber schwieriger, eine Zulassung zu bekommen.

Was zeichnet die tibetische Medizin gegenüber anderen Traditionen aus?

Kloos: Nun, zum einen verwenden sie Hochgebirgskräuter, die aus dem Himalaya und aus Tibet kommen, was sonst in keiner asiatischen Medizin der Fall ist. Zudem sind die Rezepturen pharmakologisch sehr komplex. Es ist eine eigene Wissenschaft innerhalb der tibetischen Medizin, wie man die Pillen zusammenstellt und die zum Teil giftigen Kräuter richtig behandelt und entgiftet – wie beispielsweise beim Eisenhut. Bei der TCM wiederum bekommt man ja traditionellerweise die getrockneten Kräuter direkt in die Hand und braut sich selbst daraus einen Tee oder eine Suppe. 

Auf der anderen Seite ist die tibetische Medizin einzigartig, weil sie in ihrer Theorie und Ethik auf dem tibetischen Buddhismus beruht. Es ist allerdings wichtig festzustellen – wie das auch der Dalai Lama immer wieder tut –, dass ihre Wirksamkeit nicht auf Glauben oder Religion beruht, sondern auf den pharmazeutischen Inhaltsstoffen ihrer Arzneien. 

Warum hat man die tibetische Medizin erst so spät für den Markt entdeckt – aus politischen Gründen?

Kloos: Ja, bis in die 1950er hat sich Tibet selbst sehr von der Außenwelt abgeschottet. Dann kam die Ära von Mao Zedong und damit die Annexion Tibets an die Volksrepublik China und die Kulturrevolution, wo erst recht kein Kontakt nach außen möglich war. Erst in den späten 1970er Jahren, nach dem Tod Mao Zedongs, öffneten sich China und Tibet Schritt für Schritt, wodurch sich die stark geschwächte tibetische Medizin langsam erholen konnte. Wichtige Medizininstitute und Texte waren ja nach 1959 zerstört worden, und viele Ärzte verschwanden in Arbeitslagern, oder wurden zumindest an der Ausübung ihrer Medizin gehindert. Es dauerte schließlich bis in die 1990er Jahre, bis man sich davon erholte.

Letztlich waren es aber die Chinesen, die begonnen haben, die tibetische Medizin durch massive Investitionen und staatliche Regulierungen zu entwickeln und vermarkten. Neben dem wirtschaftlichen Faktor erkannten sie auch das politische Potenzial. Das heißt, sie nutzten die Medizin um zu zeigen, dass sie die tibetische Kultur nicht unterdrücken, sondern sogar unterstützen. 

Sie untersuchen auch, wie die tibetische Medizin in Indien, Bhutan und der Mongolei kommerzialisiert wird. In Ländern also, wo sie ebenfalls seit Jahrhunderten Tradition hat. Verwendet man dort die gleichen Kräuter und Herstellungspraktiken oder gibt es hier Unterschiede?

Kloos: Grundsätzlich war Tibet bzw. Lhasa seit jeher das Zentrum dieser Medizin. Menschen kamen dorthin, um zu studieren, und tibetische Mediziner reisen in die benachbarten Regionen, wo sie ihr Wissen austauschten. Zudem verwendet die tibetische Medizin auch viele Gewürzpflanzen, die in Indien oder China wachsen, wie beispielsweise Kardamom, Ingwer oder Muskatnuss. Es gab hier immer schon unterschiedliche Einflüsse und Handel.

Auf der anderen Seite, wenn es um die Kräuter aus Tibet ging, versuchte man sich durchaus mit ähnlichen Pflanzen aus der Region zu helfen. Diese Praxis kennen wir insbesondere aus der Mongolei, denn der Weg nach Tibet war weit. Hier hat man früh die eigenen Steppenkräuter erforscht. War die Wirkung ähnlich, hat man die Pflanze genauso benannt, wie ihre tibetischen Vorbilder. Das heißt, die Mongolen verwenden dieselben Rezepte, aber teilweise andere Pflanzen.

Das ist für die Tibeter in Ordnung?

Kloos: Natürlich schütteln sie teilweise den Kopf und sagen, dass das so nicht richtig ist. Andererseits ist genau diese Flexibilität und Anpassungsfähigkeit eine Stärke der tibetischen Medizin. Dazu kommt heute, dass durch den zunehmenden wirtschaftlichen Wert der tibetischen Medizin deren regionale Unterschiede und Identitäten stärker betont werden. Zum Beispiel würden die Mongolen sofort Einspruch erheben, wenn man ihre Medizin als "tibetische Medizin" bezeichnet. Gleiches gilt für die Bhutanesen oder Ladakhis. Größtenteils konnte man sich aber auf den Ausdruck „Sowa Rigpa“ einigen. Das ist zwar tibetisch, ist aber diplomatisch soweit unverfänglich, als es „Die Wissenschaft vom Heilen“ heißt und somit einigermaßen neutral ist. Diesen Ausdruck verwendeten die Tibeter auch schon in alten Schriften. Damit weist man auf die Herkunft aus Tibet hin, ohne die Medizin allerdings einer bestimmten ethnischen Gruppe zuzuordnen.

Haben auch die Tibeter etwas vom Erfolg ihrer Medizin oder profitieren letztlich chinesische und indische Investoren?

Kloos: Das ist eine gute Frage und im Moment arbeiten wir auch genauer zu dem Thema, wie sich die Besitzverhältnisse nun mit der Industrialisierung verändern. Bevor „Sowa Rigpa“ zum Wirtschaftsfaktor wurde, war das eine rein tibetische, mongolische oder bhutanesische Angelegenheit. Da stellte sich die Frage nie, wem gehört das und wer kann davon profitieren. Aber jetzt, da das ein immer lukrativeres Geschäft wird, wachsen die Begehrlichkeiten, auch von China und Indien usw.

Dennoch würde ich sagen, dass letztlich auch die Tibeter davon profitieren. Allein deshalb, weil man größtenteils von „tibetischer Medizin“ spricht. Die eigenständige, kulturelle Identität der Tibeter wird dadurch unterstrichen. Zudem ist es eine rein tibetische Expertise, die die Tibeter auch nicht so schnell aus der Hand geben werden.

Was ist aber mit der Vereinfachung ihrer Medizin, so wie es das Unternehmen Cheezheng macht? 

Kloos: Nun, das ist ein Mechanismus, den wir bereits aus der Vermarktung von Ayurveda oder TCM kennen und ich vermute, es wird auch bei der tibetischen Medizin letztlich darauf hinauslaufen. Die komplexeren Arzneimittel werden sicher auch weiterhin nach den klassischen Formeln produziert, aber hier ist das wirtschaftliche Wachstum definitiv begrenzt. Also wird man sich langfristig auf Single-Component-Drugs und Lifestyle-Produkte konzentrieren. Ob das dann immer noch tibetische Medizin genannt werden kann, sei dahingestellt.