25.01.2017

Gemeinsames Gedenken

Das österreichische Parlament und die ÖAW erinnerten zum Holocaust-Gedenktag an die Opfer der Wiener Sammellager. Zeitzeug/innen erzählten von ihrem Leben und Überleben an diesen lange Zeit vergessenen Orten des NS-Terrors.

„Der Holocaust begann nicht in den Konzentrationslagern. Der Holocaust begann in unserer Mitte“, sagte Nationalratspräsidentin Doris Bures anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags, der weltweit am 27. Jänner begangen wird. Sie erinnerte damit an ein lange vergessenes Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte: jene Wiener Sammellager, in denen in der Zeit des Nationalsozialismus tausende Jüdinnen und Juden vor ihrem Transport in die Vernichtungslager interniert wurden.

Gemeinsam mit Zeitzeug/innen und Historiker/innen widmeten sich das Parlament der Republik Österreich und die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) bei einer Gedenkveranstaltung im Festsaal der Akademie diesen letzten Orten vor der Deportation, die sich in den Jahren 1941 bis 1942 in der Kleinen Sperlgasse, Castellezgasse und Malzgasse in der Wiener Leopoldstadt befanden. 

Erinnerung wach halten

66.000 österreichische Jüdinnen und Juden wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Für einen großen Teil dieser Menschen waren die Sammellager die erste Station auf dem Weg in die Vernichtung. Die Erinnerung an diese Orte wachzuhalten und an die junge Generation weiterzugeben, sei ein großer Verdienst der Zeitzeug/innen, betonte ÖAW-Präsident Anton Zeilinger in seinen Begrüßungsworten. Er freue sich, dass Helga Feldner-Busztin und Arik Brauer der Einladung an die Akademie gefolgt seien. 

Arik Brauer wurde 1929 als Sohn eines jüdischen Schuhmachers in Ottakring geboren. Die Herrschaft der Nationalsozialisten beendete seine unbeschwerte Kindheit. Brauers Vater starb in einem Konzentrationslager, er selbst überlebte in einem Versteck. Am Podium erzählte er im Gespräch mit Gerhard Baumgartner vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands von der Deportation eines autistischen Mädchens im Sammellager, dem er Flöte spielen beigebracht hatte. „Sie konnte nicht reden, aber sie hat gewusst, was ihr blüht. Sie hat mir die Flöte gegeben. Ich habe sie bis heute.“ Die Befreiung von der Nazi-Herrschaft sei für ihn wie eine Geburt gewesen und er habe auf den Straßen getanzt.

Helga Feldner-Busztin erlebte das Ende des Nationalsozialismus im Konzentrationslager Theresienstadt, wohin sie mit ihrer Mutter und Schwester deportiert worden war. Zuvor war sie kurze Zeit in den Wiener Sammellagern interniert: „Wir durften uns innerhalb der Orte frei bewegen, diese aber nicht verlassen“, erzählte sie. Dieser physischen Ausgrenzung sei die gesellschaftliche Ausgrenzung durch das von den Nazis erzwungene Tragen des Judensterns vorausgegangen. Sie habe sich durch den Stern gezeichnet gefühlt. Auch lange Jahre nach ihrer Befreiung habe sie noch das Gefühl gehabt, besser sein zu müssen als die anderen, „um ihnen zu zeigen, dass ich kein Untermensch bin“, so Feldner-Busztin.

Vergangenheit rekonstruieren

Gemeinsam mit Arik Brauer und weiteren Überlebenden der Wiener Sammellager stand Feldner-Busztin auch für Interviews über das Erlebte vor der Kamera, von denen Ausschnitte bei der Gedenkveranstaltung gezeigt wurden. Die Interviews sind bis 30. Juni 2017 auch in der Ausstellung „Letzte Orte vor der Deportation“ des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW in der Krypta am Wiener Heldenplatz zu sehen.

Eine der Kuratorinnen der Ausstellung ist die ÖAW-Historikerin Heidemarie Uhl. Der „Zivilsationsbruch“ mitten in der Stadt sei für sie der Anstoß für die Gestaltung der Schau gewesen. In der NS-Zeit hätten die Orte große Bedeutung für die Deportationen gehabt. Heute erinnere kaum etwas an die Gräuel der NS-Zeit, es seien ganz normale, unauffällige Gebäude, so Co-Kuratorin Monika Sommer. Die Ausstellung habe es sich daher zur Aufgabe gemacht, zu rekonstruieren, was vor 75 Jahren dort mit dem Menschen geschah. Eine Aufgabe, die wichtig ist und wichtig bleiben wird. Denn, so Nationalratspräsidentin Doris Bures in ihrer Rede an der ÖAW: „Um erinnern zu können, brauchen wir das Wissen über die Vergangenheit.“