02.03.2017

Die Kunst und das Gehirn

Je abstrakter die Kunst desto mehr wird unser Gehirn angespornt, selbst kreativ zu werden, sagt der Medizin-Nobelpreisträger Eric R. Kandel. Bei einem Vortrag in Wien schlug das Ehrenmitglied der ÖAW eine Brücke zwischen Kunst und Hirnforschung.

Was haben Wissenschaft und Kunst gemeinsam? Dass sich der Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger Eric R. Kandel dieser Frage widmet, verwundert nur wenig, gilt er doch selbst als leidenschaftlicher Kunstliebhaber. Seine These zu diesem Thema: Künstler/innen können genauso wie Forscher/innen ein Problem aufgreifen und versuchen, dieses tiefgehend zu verstehen. Denn laut Kandel vereint sie die Fähigkeit, sich auf ausschließlich eine Komponente eines „Problems“ zu konzentrieren und sich diesem ganz hinzugeben. „Beide werden zu Problemlösern“, so Kandel – egal ob es um die Reduktion von Form und Farbe geht oder um die Frage, was im Gehirn passiert, wenn wir einen Arm nicht mehr bewegen können. 

Auf Einladung des IMBA – Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nahm Eric Kandel am 24. Februar in Wien-St. Marx den Zusammenhang von Wissenschaft und Kunst in den Blick. Er startete mit einem kurzen Abriss über die Funktionsweise des Gehirns – mit dessen Gehirnarealen, die unterschiedlichen Funktionen wie Sprechen oder Gehen zugeordnet sind, sowie den Synapsen, die neue neuronale Verbindungen eingehen können und somit Lernen ermöglichen. Obwohl die Veranstaltung am frühen Nachmittag stattfand, war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Im Publikum befanden sich Künstler/innen gleichermaßen wie Wissenschaftler/innen sowie Kunst- und Wissenschaftsinteressierte.

Kunst und Neurowissenschaften

Die Aufforderung nach einer Vereinigung der beiden Kulturen von Natur- und Geisteswissenschaften formulierte bereits der britische Physiker und Schriftsteller Charles Percy Snow 1959. Gegenwärtig bemüht sich Kandel darum. „Ich schlage heute nur einen Weg vor, wie man die bestehende Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überbrücken kann und zwar über die Neurowissenschaften und die Kunst.“ Genauer gesagt über die abstrakte Kunst, denn sie löse am meisten „Feuerwerk“ in einem menschlichen Gehirn aus, erklärte Kandel.

Abstrakte Kunst löst ein Feuerwerk im Gehirn aus.

Wie, das erläuterte der Nobelpreisträger, der auch Ehrenmitglied der ÖAW ist, zunächst anhand von zwei Werken William Turners. „Turner liebte es, Schiffe und das Meer zu zeichnen, die sich mit der Naturgewalt konfrontiert sahen. Beispielsweise sein Werk ‚Calais Pier‘ aus dem Jahr 1803, in dem der Sturm und die Wellen das Schiff beinah verschlingen.“

Turner malte das gleiche Thema noch ein zweites Mal, dieses Mal allerdings abstrakt mit nur wenig klaren Formen. „Dieses abstrakte Bild bewegt die Menschen mehr. Aus dem einfachen Grund, weil es der Vorstellungskraft erlaubt, sich zu wundern. Es fordert den Betrachter heraus, selbst kreativ zu sein. Das löst Freude im Gehirn aus.“ Sofern man sich darauf einlasse. „Manche haben Probleme damit, Zugang zu abstrakter Kunst zu finden. Aber wer Geduld hat und dran bleibt, erfährt Kreativität.“

Die Kunst im eigenen Kopf

Beim Betrachten reduzierter Formen sind die kreativen Prozesse allerdings von Person zu Person unterschiedlich. „Niemand sieht und empfindet ein Bild gleich wie ein Betrachter neben ihm“, so Kandel. Man könnte also sagen, es entsteht in jedem Kopf ein neues Werk.

Niemand sieht und empfindet ein Bild gleich wie ein Betrachter neben ihm.

Der Verdacht liegt nahe, dass das mit der Struktur unseres Gehirns zu tun hat, also damit, was wir zum Beispiel bisher erfahren oder gelernt haben. „Einen Mechanismus beschreibt man als Bottom-up-Prozess. Bestimmte Dinge hat unser Gehirn demnach einfach einordnen gelernt.“ Beispielsweise gehen wir bei zwei verschieden großen Figuren automatisch davon aus, dass die kleinere Person weiter weg ist als die größere. Diese automatisierte Verarbeitung von visuellen Reizen und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen würden unser Überleben letztlich möglich machen, ergänzte Kandel.

Wir können dadurch aber auch in die Irre geführt werden. Den meisten sind solche optischen Illusionen bekannt, etwa jene von zwei gleich langen Strichen, die dem Betrachter aber unterschiedlich lang erscheinen. Hinzu kommt, dass auch unsere Lebenserfahrungen und gespeicherten visuellen Muster mitdefinieren, was wir in einem abstrakten Bild sehen. 

Was tatsächlich im Gehirn passiert, wenn wir Werke von Künstlern wie Willem de Kooning und Jackson Pollock betrachten, ist noch wenig empirisch belegt. Das möchten Kandel und seine Kolleg/innen nun ändern und Menschen bzw. ihre Gehirnfunktion aufnehmen, wenn sie figurative Kunst mit klaren Formen und abstrakte Kunst desselben Künstlers betrachten – wie beispielsweise William Turners „Calais Pier“.