29.03.2017

Der Krieg als Vater der Gleichheit?

Solange alles friedlich zugeht in der Gesellschaft, werden die Reichen immer reicher. Diese kontroverse These belegte der Stanford-Historiker Walter Scheidel bei einem Vortrag an der ÖAW.

Es war keine schöne Nachricht, die Walter Scheidel den Anwesenden im gut gefüllten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) überbrachte. Alle bekannten Rezepte, um soziale Ungleichheit mit politischen Mitteln zu minimieren, funktionierten nicht, war das Fazit seines Vortrags am 28. März zum Thema „Was reduziert Ungleichheit?“ Es gebe einen langen historischen Trend zu mehr Ungleichheit, und das einzige, was diese Entwicklung beeinflussen könne, sei etwas, das wir nicht wirklich herbeiwünschen sollten: Gewalt.

Als Althistoriker und Fachmann für antike Sozial- und Wirtschaftsgeschichte blickt Scheidel auf lange Zeiträume und verwies zunächst auf die Vor- und Frühgeschichte. Ungleichheit zwischen Menschen beginne erst mit der Sesshaftigkeit, denn in Jäger- und Sammlerkulturen lasse sich Reichtum nicht akkumulieren. Erst Landbesitz sei Grundlage und Ursprung der Ungleichheit.

Große Kriege, tiefgreifende Revolutionen, Staatszusammenbrüche und Epidemien minimieren die Kluft zwischen Arm und Reich.

Scheidel beruft sich auf statistische Daten, die für die alte Geschichte nicht immer leicht zu beschaffen sind. Die anhand von Grafiken aufgearbeiteten Beispiele im Vortrag reichten vom Arbeitslohn im alten Ägypten über Wohnausgrößen im Britannien zwischen der Eisenzeit und dem Spätmittelalter, Eigentumsverteilung in Frankreich vor und nach der Französischen Revolution bis hin zu Trendlinien des Anstiegs von Ungleichheit in der Gegenwart. Er habe nur vier Faktoren ausmachen können, die bislang die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich wirklich minimieren konnten, sagte Scheidel: Große Kriege, tiefgreifende Revolutionen, Staatszusammenbrüche und Epidemien.

Zusammenbruch der Ungleichheit

Ein schlagendes Beispiel für seine These sind für Scheidel vor allem die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Das „Top 1“- Prozent der reichsten Menschen in den USA, Kanada, Frankreich und Japan etwa hielt in den 1930er Jahren 20 Prozent des gesamten Volkseinkommens. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte sich dieser Anteil auf ein Drittel reduziert. Scheidel sprach hier von einem „Zusammenbruch der Ungleichheit in den 1930er und 1940er Jahren“, deren Folgen bis in die 1970er Jahre zu spüren gewesen seien. Erst dann wurden die Reichen wieder merklich reicher.

Die Ursachen dieses dramatischen Einbruchs waren klar kriegsbedingt. Immobilien wurden zerstört, durch Inflation verloren Kapitalanlagen an Wert, aber auch Bildungsabschlüsse galten weniger als zuvor. Vor allem aber greift der Staat in Kriegszeiten zu drakonischen Mitteln und besteuert Einkommen und Vermögen viel stärker als zuvor. „Im 19. Jahrhundert gab es fast gar keine Einkommens- und Vermögenssteuer“, erklärte Scheidel, während die Steuersätze schon im Ersten Weltkriegs steil von fünf auf 35 und später sogar auf bis zu fast 70 Prozent anstiegen. Auch Erbschaftssteuer wurde erhoben. In der Zwischenkriegszeit sanken die Steuersätze dann wieder.

Die Reichen erholen sich schnell

Doch nicht jeder Krieg ist ein Gleichmacher, ganz im Gegenteil. Es seien nur die großen Massenmobilisierungskriege, die einen nivellierenden Effekt auf die soziale Ungleichheit hätten, betonte Scheidel. Für andere Beispiele in der früheren Geschichte, etwa den amerikanischen Bürgerkrieg oder die napoleonischen Kriege, lasse sich dieser Effekt nicht eindeutig nachweisen. Von traditionellen Kriegen und den Bürgerkriegen des globalen Südens profitierten die Oberschichten sogar.

Nachdem im 14. Jahrhundert große Teile der Bevölkerung der Pest zum Opfer gefallen waren, stieg der Wert der Arbeit im Vergleich zum Landbesitz.

Sobald es der Gesellschaft nach Krisen wieder besser geht, erholen sich auch die Reichen in der Regel schnell und gewinnen ihre Privilegien zurück. Das zeigte Scheidel an historischen Beispielen der Epidemien. Nachdem im 14. Jahrhundert große Teile der Bevölkerung in Europa der Pest zum Opfer gefallen waren, sei für eine Zeit lang der Wert der Arbeit im Vergleich zum Landbesitz gestiegen. Aber lange habe der Vorteil der unteren Schichten nicht angehalten. Sobald die Folgen der Epidemie halbwegs verdaut und neue Arbeitskräfte nachgewachsen waren, habe sich die alte Ordnung wieder hergestellt.

Nur gewaltsame Schocks wirken

„Je größer die Imperien sind, je länger sie andauern, desto reicher werden die Oberschichten“, sagte Scheidel mit Blick auf das römische Reich. Es sind lange Prozesse, in denen sich die Ungleichheit aufbaut. Als große Entwicklungslinien zeichnete der Sozialhistoriker vergleichend Trends der Ungleichheit in den USA, in Lateinamerika und in Europa nach – hier sogar über eine Zeitspanne von 700 vor Christus bis in unsere Zeit. Trotz einiger Einbrüche steigen diese Linien, das heißt die Ungleichheit, insgesamt an. Selbst für die skandinavischen Länder sei, wenn auch gedämpfter, diese Entwicklung zu beobachten.

Je größer die Imperien sind, je länger sie andauern, desto reicher werden die Oberschichten.

Gibt es keine friedlichen Mittel, den Prozess umzukehren? Scheidel ist skeptisch. Landreformen, Demokratisierung oder gewerkschaftlicher Einfluss seien im Verhältnis bislang wenig wirksam gewesen, die Finanzkrise von 2008 erscheine im Nachhinein nur als ein kleiner Dämpfer. Verabschieden müsse man sich auch von der Idee, dass wirtschaftliche Entwicklung die Ungleichheit reduziere. „Anscheinend gibt es keine friedlichen Mechanismen, die so stark dämpfend wirken wie gewaltsame Schocks“, sagte er. Die vier großen Gleichmacher aber, Krieg, Epidemien, Staatszusammenbrüche und Revolutionen seien heute weder wünschenswert noch sehr wahrscheinlich.