09.01.2017

Barockes Spektakel

Prachtvolle Festzüge, prunkvolle Kostüme und tagelange Opern – die ÖAW-Forscherin Andrea Sommer-Mathis spricht im Interview über das Barock als einer Hochzeit des Theaters. Sie hat die Ausstellung „Spettacolo barocco!“ mitkuratiert, die noch bis 30. Jänner im Theatermuseum zu sehen ist.

Kaum eine Kunstform war geeigneter, die spektakulären Schaueffekte des Barock umzusetzen, als das Theater. Den Beweis dafür erbringt noch bis 30. Jänner 2017 das Wiener Theatermuseum mit der umfangreichen Schau „Spettacolo barocco! Triumph des Theaters“. Dort zu sehen sind kunstvolle Abbildungen von theatralischen Festzügen und Opernaufführungen, von opulenten Rossballetten, wie sie am Wiener Hof unter den drei „Barockkaisern“ Leopold I., Joseph I. und Karl VI. Usus waren, sowie prunkvolle Kostüme und Kurzvideos mit Originalquellen aus dem 17. Jahrhundert.

„Auch wer schon einmal da war, wird wieder Neues entdecken", sagt Andrea Sommer-Mathis vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie ist eine der Kurator/innen der seit März vergangenen Jahres laufenden Ausstellung.

Im Interview erzählt die Theaterwissenschaftlerin, warum Italien für das barocke Theater besonders wichtig war, wo im kaiserlichen Wien damals Theateraufführungen stattfanden – und warum die Ausstellung mit Hanswurst endet.

Die Ausstellung „Spettacolo barocco!“ läuft seit knapp einem Jahr. Damit feiert das Theatermuseum auch sein 25-jähriges Bestehen im Palais Lobkowitz. Wie blicken Sie auf dieses Jahr zurück?

Andrea Sommer-Mathis: Ich blicke sehr gerne auf dieses Jahr zurück, weil sich für mich ein Kreis in meiner Karriere geschlossen hat. Ich bin seit 1984 an der ÖAW tätig und habe hier mit einem Forschungsprojekt zum „Barocktheater am Wiener Kaiserhof“ begonnen. Nun hatte ich die einmalige Gelegenheit, meine langjährige Expertise für eine ganz besondere Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Das Theatermuseum hat nach langer Zeit seine wertvollen Barockbestände auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich daran mitwirken konnte.

Warum wurde das Barocktheater als Thema gewählt?

Sommer-Mathis: Die Barocksammlungen des Museums gehen auf den Begründer der Theatersammlung an der damaligen Hofbibliothek, Joseph Gregor, zurück, der bereits 1918 die Chance erkannte, die kostbaren Theatralia aus ehemals kaiserlichem Besitz zu sammeln. Dazu gehören u.a. die Handzeichnungen von Lodovico Ottavio Burnacini, der als Architekt, Bühnen- und Kostümbildner mehr als 50 Jahre am Wiener Hof tätig war, ebenso wie die Skizzen aus der Werkstatt der Bühnenbildnerfamilie Galli Bibiena oder die Kostümentwürfe von Antonio Daniele Bertoli, der auch als Zeichenlehrer Maria Theresias tätig war. Auf diesen Blättern haben wir unsere Ausstellungsschwerpunkte aufgebaut.

Warum setzte man vor allem auf die Entwürfe italienischer Künstler?

Sommer-Mathis: Italienische Künstler waren im Bereich der höfischen Theater- und Festkultur führend und wurden daher an viele europäische Fürstenhöfe engagiert, so auch an den Wiener Kaiserhof. In einem der Ausstellungsräume weisen wir daher auf die Bedeutung und Vorbildwirkung des Hofes der Medici in Florenz hin, an dem die Anfänge der Oper und des Rossballetts zu verorten sind. Aber auch für die Entwicklung der Perspektive und der Kulissentechnik waren italienische Künstler maßgebend; und die Theaterform der Commedia dell’arte mit ihren charakteristischen Masken geht ebenfalls auf Italien zurück. Diesen Themen sind zwei weitere Räume der Ausstellung gewidmet.

War das Barocktheater in Wien – also die aufwendigen Opern, Rossballette und ähnliche Theaterformen – nur dem Hof vorbehalten oder war das barocke Spektakel auch für das Volk gedacht?

Sommer-Mathis: Es gab natürlich auch Theater für das Volk, das hat aber anders ausgesehen – das waren zunächst vor allem Theatertruppen, die umherzogen, ihre Bühnen auf den Straßen und Märkten aufbauten und in erster Linie Sprechstücke aufführten. Die italienischen Opernaufführungen blieben hingegen in Wien bis ins 18. Jahrhundert der Hofgesellschaft vorbehalten. Die einzigen Festveranstaltungen, an denen das Volk mehr oder weniger direkt teilhaben konnte, waren die Feuerwerke.

Wie oft fanden solche Festaufführungen statt?

Sommer-Mathis: Das ist eine gute und wichtige Frage, denn auch heute noch wird in der Literatur häufig das Bild vermittelt, als ob man im Barock ständig derartige Spektakel veranstaltet hätte. Die Aufführungen waren jedoch stets anlassbezogen. Das heißt, sie fanden bei Geburten, Krönungen oder Hochzeiten statt. Später kamen dann die Geburts- und Namenstage des Kaiserpaares hinzu, für die man eigene Opern komponierte und aufführte. Die Hauptfestzeit des Jahres war und blieb die Faschingszeit. Sie gab der Hofgesellschaft auch Gelegenheit, durch Verkleidung und Maskierung aus dem zeremoniellen Alltag auszubrechen.

Man sagt auch, dass in dieser Zeit das Theater in eigene Theatergebäude einzog. Stimmt das?

Sommer-Mathis: Nein, es gab im 17. Jahrhundert zwar zwei Versuche, freistehende Opernhäuser in Wien zu errichten, doch hatten diese keinen langen Bestand. Das berühmteste ist das Theater auf der Cortina auf dem heutigen Josefsplatz. Es existierte 15 Jahre, von 1668 bis 1683, doch sind in diesem Zeitraum insgesamt nur vier Aufführungen dokumentiert. 1683 wurde es dann während der „Zweiten Wiener Türkenbelagerung“ wegen akuter Brandgefahr abgerissen.

Vom Theater auf der Cortina hat sich eine Ansicht des Zuschauerraumes erhalten, die sehr häufig abgebildet wurde und so entstand wohl die Vorstellung, dies sei der Raum, der im 17. Jahrhundert am häufigsten bespielt wurde. Tatsächlich spielte man aber meist in größeren und kleineren Innen- und Außenräumen der Hofburg. Kleine Aufführungen konnten auch in der Gemäldegalerie oder in den kaiserlichen Appartements stattfinden, einmal sogar im Schlafzimmer der Kaiserin, als sie nach einer Schwangerschaft den Raum nicht verlassen konnte.

Was sind Ihre persönlichen Highlights der Ausstellung?

Sommer-Mathis: Das ist schwer zu sagen, weil ich bei aller Bescheidenheit glaube, dass uns die Ausstellung in ihrer Gesamtheit wirklich gut gelungen ist – nicht zuletzt durch die architektonische Umsetzung von Kaj Delugan und die Ausstellungsgrafik von Michaela Noll. Aber meine persönlichen Highlights befinden sich wohl doch im ersten Raum, der zum Einstieg in das „Spettacolo barocco“ zunächst den wahrhaft spektakulären Hochzeitsfestlichkeiten von Kaiser Leopold I. mit der spanischen Infantin Margarita gewidmet ist.

Wie muss man sich dieses Spektakel vorstellen?

Sommer-Mathis: Es wurde 1667 das berühmte Rossballett „La contesa dell’Aria e dell’Acqua“ auf dem Burgplatz aufgeführt, mit mehr als 1300 Mitwirkenden, darunter auch der Kaiser höchstpersönlich. Eines meiner Highlights ist zweifellos der kurze Film, den mein Co-Kurator, Rudi Risatti, auf der Grundlage der erhaltenen Druckgrafiken realisiert hat. Er gibt auf sehr anschauliche und amüsante Weise eine Vorstellung davon, wie man sich den Ablauf dieser Festveranstaltung vorzustellen hat.

Nicht weniger ansprechend erscheint mir übrigens das Video von der berühmtesten Wiener Barockoper, „Il pomo d’oro“, die 1668 im Theater auf der Cortina an zwei Tagen aufgeführt wurde. Meiner zweiten Co-Kuratorin, Daniela Franke, ist es gelungen, die komplexe Handlung der zehnstündigen Oper in einer 30-minütigen Kurzfassung anhand der prachtvoll kolorierten Stiche der Bühnenbilder Burnacinis verständlich und vergnüglich nachzuerzählen.

Barockes wird in der Ausstellung nicht nur gezeigt, sondern auch wiederaufgeführt.

Sommer-Mathis: Begeistert haben mich die Begleitveranstaltungen der Ausstellung, vor allem die Konzerte, die während der letzten Monate stattfanden. Ja und einmal hatten wir eine italienische Commedia dell’arte-Truppe zu Gast, die drei Aufführungen und einen Workshop veranstaltet hat, das war wunderbar.

Ihre Ausstellung endet 1750 mit Hanswurst – warum?

Sommer-Mathis: Wir haben die Ausstellung bewusst in den ersten Regierungsjahren Maria Theresias enden lassen, weil in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Paradigmenwechsel stattfand. Maria Theresia ließ ja 1741 das ehemalige Hofballhaus am Michaelerplatz in ein öffentliches Opernhaus umwandeln – das „Theater nächst der Burg“ bzw. „Alte Burgtheater“. Und während im städtischen Kärntnertortheater bereits seit 1708 verschiedene Hanswurst-Darsteller das Wiener Bürgertum mit Komödien und Parodien begeisterten, verlagerten sich die höfischen Theateraufführungen immer mehr in die Privaträume der kaiserlichen Residenzen und neue Unterhaltungsformen, wie Bälle, erhielten an Gewicht. Damit ging natürlich auch das „Spektakuläre“ des Barocktheaters verloren.