"... hat durch bedeutende Leistungen ...
das Wohl der Gemeinde mächtig gefördert."

Eduard Sueß und die Entwicklung Wiens zur modernen Großstadt

Tillfried Cernajsek - Peter Csendes - Christoph Mentschl - Johannes Seidl

Portrait Eduard Suess
Foto: Wr. Stadt- und Landesarchiv

Im Laufe dieser 44 Jahre hat sich Vieles auf der Erde zugetragen, aber nichts ist so durchgreifend, nichts für die gesammte Cultur des Menschengeschlechtes so entscheidend gewesen, wie die Fortschritte der Naturwissenschaften in dieser Zeit. In jedes Gebiet des menschlichen Lebens und Schaffens sind sie eingedrungen; sie beeinflussen und verändern unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, unsere philosophischen Auffassungen, die wirthschaftliche Politik, die Machtstellung der Staaten, Alles. Wer aber genauer zusehen will, kann wahrnehmen, daß neben der Naturforschung auch der Naturforscher mehr und mehr in den Vordergrund tritt, daß seine sociale Bedeutung anerkannt wird und der Werth seiner Studien immer mehr geschätzt wird. Hieraus erwächst der heranwachsenden Generation von Forschern eine hohe Pflicht. Diese Pflicht besteht darin, daß sie an der Ethik ihrer eigenen persönlichen Lebensführung einen immer strengeren Maßstab anzulegen hat, damit bei steigender Einwirkung der Naturforschung auf alles gesellschaftliche und staatliche Leben auch der Naturforscher selbst sich mehr und mehr würdig fühle, theilzunehmen an der Führung der geistigen Menschheit.

(Eduard Sueß, Abschiedsvorlesung, 1901)

In seinem 1862 erschienenen Standardwerk "Der Boden der Stadt Wien" wies Eduard Sueß die hygienischen Gefahren nach, die sich aus der damaligen katastrophalen Wasserversorgung für die Wiener Bevölkerung ergaben. Diese Studie war zugleich auch der Grundstein zu einer politischen Karriere des damals bereits etablierten Wissenschafters. Sie führte ihn 1863 nicht nur in die Wiener Wasserversorgungskommission, sondern schon wenige Wochen später auf einen Sitz im Wiener Gemeinderat. Von diesem wurde er auch mit einer weiteren Studie zur Wasserversorgung beauftragt, die zum Ergebnis kam, daß die Herleitung aus dem Schneeberg/Rax-Gebiet die beste Lösung darstellen würde. Obwohl zahlreiche Hindernisse zu überwinden waren, konnte die von Sueß propagierte Variante durchgesetzt werden. 1873 fand schließlich die Eröffnung der Wiener Hochquellenwasserleitung statt. Genauso bedeutend war Sueß' Einsatz im Hinblick auf die Regulierung der Donau bei Wien, deren Überschwemmungen bis dahin immer wieder einzelnen Bezirken erhebliche Probleme bereiteten. Gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Cajetan Felder gehörte Sueß zu jenen, die für den Bau eines neuen Flußbetts eintraten. Diese Variante wurde dann, nicht zuletzt aufgrund von Sueß' wissenschaftlicher Untermauerung des Projekts, verwirklicht und 1875 erfolgreich abgeschlossen.

Eduard Sueß, der am damaligen Polytechnikum (heute Technische Universität) studiert hatte, ohne allerdings einen Abschluß zu erlangen, hatte sich bereits in jungen Jahren den Geowissenschaften, und hier zunächst der Paläontologie, zugewandt. Aufgrund dieser Interessen wurde er 1852 als Assistent am Hof-Mineralien-Cabinett (Vorläuferinstitution des Naturhistorischen Museums) angestellt. Hier publizierte er einige beachtenswerte wissenschaftliche Arbeiten über die Brachiopoden (Armfüßler). Durch diese pionierhaften Studien in wenigen Jahren zu großer Berühmtheit gelangt, wurde Sueß schließlich durch direkte Ernennung seitens des Unterrichtsministers Graf Leo von Thun 1857 zum ao. Professor für Paläontologie an der Universität Wien ernannt. 1862 ao. Professor und 1867 Ordinarius für Geologie, legte Sueß 1875 sein erstes epochemachendes Werk "Die Entstehung der Alpen" vor, in dem er seine für die damalige Zeit revolutionäre Sicht der Entstehung der Kettengebirge der gesamten Erde darlegte. Die in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse hat Sueß sodann in seinem monumentalen, vier Bände umfassenden Werk, "Das Antlitz der Erde" (1883-1909), erweitert und auf die Entstehung und Bildungsweise unseres gesamten Planeten ausgedehnt.

Sueß‘ wissenschaftlicher Ruhm führte ihn auch in die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften. Nachdem er bereits 1860 zum korrespondierenden Mitglied gewählt worden war, wurde er 1867 wirkliches Mitglied. Seit 1885 gehörte er zu den leitenden Funktionären, zunächst als Sekretär der math.-nat. Klasse, ab 1890 als Generalsekretär, seit 1893 als Vizepräsident, von 1898 bis 1911 schließlich oblag ihm als Präsident die Leitung der Akademie. Als Präsident war Sueß stets bestrebt, in breit angelegten Kooperationen die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen zu komplexeren Bereichen zusammenzufassen und sie auf große Unternehmungen hinzulenken. Stellvertretend dafür seien genannt: Die südarabische Expedition (1898/99), die primär linguistischen Zwecken diente, an der aber auch Geologen und Biologen teilnahmen, die Gründung des Instituts für Radiumforschung (1910), das Zustandekommen des deutschen Kartells, eines Zusammenschlusses der Akademien von Wien, München, Leipzig, Göttingen und Preußen (1906), sowie die Internationale Assoziation (1899), in der Akademien aus zahlreichen europäischen Staaten sowie den USA kooperativ zusammenwirkten.

Sueß war aber auch als Politiker ungemein aktiv. Alles andere als ein Elfenbeinturmgelehrter begann er Ende der 60er Jahre, sich besonders des Schulwesens anzunehmen. Drei Jahre lang war er als niederösterreichischer Landesausschuß für die Durchsetzung der liberalen Schulreformen zuständig. Auch als Reichsratsabgeordneter (ab 1873) erhob er immer wieder seine Stimme auf diesem Gebiet, konnte aber eine teilweise Rücknahme der Reformen 1883 nicht verhindern. Als Liberaler und als Naturwissenschafter stand Sueß zudem in permanentem Konflikt mit der Kirche, die in der damaligen liberalen Ära um die Wahrung ihrer Besitzstände, darunter eben auch das Schulwesen, kämpfte. Sueß blieb stets eine herausragende Erscheinung im österreichischen Reichsrat, gehörte allerdings seit 1879 der Opposition an.

Am 26. April 1914 ist Eduard Sueß in Wien verstorben. Sein Leichnam wurde in Marz (Burgenland) beigesetzt, wo er ein kleines Gut besaß. Mit Eduard Sueß verstarb nicht nur der größte Geologe, den Österreich je hervorgebracht hat, nicht nur der große Präsident der Akademie der Wissenschaften, es verstarb vielmehr auch ein bedeutender Forscher, der die praktische Anwendbarkeit seiner Forschungen nie aus den Augen verlor.