Slatin Rudolf (Anton Carl) Pascha, Sir, Frh. von, Offizier und Kolonialbeamter. Geb. Ober St. Veit, NÖ (Wien), 7. 6. 1857; gest. Wien, 4. 10. 1932; röm.-kath., islam. Nannte sich auch Abd al-Quadir. – Aus kleinbürgerl. Verhältnissen stammend. Offenbar unter dem Eindruck der „Ägypten-Faszination“ im Gefolge der Wr. Weltausst. 1873 reiste S. 1874 nach Ägypten, um dort als Buchhändler zu arbeiten, brach jedoch bereits nach wenigen Wochen gem. mit europ. Händlern und Abenteurern in den Sudan auf, von wo er 1876 nach Wien zurückkehrte, um seinen Militärdienst zu absolv. 1877 Lt. der Res., nahm er an der Okkupation Bosnien-Herzegowinas teil. Nach seiner Abrüstung im Dezember 1878 reiste er aufgrund eines Stellenangebots des Generalgouverneurs des ägypt. Sudan, Charles Gordon, neuerl. nach Kairo. Der Bedarf an europ. „Beratern“ nach dem ägypt. Staatsbankrott von 1876 erklärt die rasche Karriere des unerfahrenen S. in der brit. dominierten Administration des ägypt. Sudan: Im Februar 1879 Finanzinsp. des Sudan, wurde er nach wenigen Monaten zum Distriktskmdt. von Dara im Süden der Provinz Darfur berufen. Dort wurde S. in langwierige militär. Kämpfe mit dem Sultan der Fur verwickelt. 1881 wurde er zum Gouverneur von Darfur befördert, seine Amtszeit war jedoch von den Erfolgen der aufständ. Mahdia, einer antikolonialen Bewegung auf islam. Grundlage, überschattet. Um seine Akzeptanz unter den ägypt. Soldaten zu verbessern, konvertierte S. 1883 zum Islam, heiratete in die kgl. Familie der Fur ein und nahm den Namen Abd al-Quadir an. Angesichts einer militär. aussichtslosen Lage sah er sich jedoch im November 1883 zur Übergabe der Provinz an den Mahdi gezwungen; dieser berief S. 1884 an seinen Hof. S.s dortiger Aufenthalt war zwar unfreiwillig, aber privilegiert; er fungierte als Dolmetscher und Berater des Herrschers und tw. als Ausbildner der mahdist. Armee. Nach mehreren gescheiterten Versuchen gelang schließl. 1895 seine von den Briten organisierte Flucht. Vom ägypt. Vizekg. zum Pascha ernannt, wurde S. u. a. von Kgn. Victoria 1899 geadelt. Nach einer erfolglosen Rohstoffexploration im südl. Kordofan 1899/1900 war er 1900–14 Gen.insp. des brit. besetzten Sudan, 1907 GM der brit. Armee, im Jahr davor in den österr. Frh.stand erhoben. Im Juli 1914 verehel. er sich in Wien mit Alice v. Ramberg nach röm.-kath. Ritus. Mitte August mußte er kriegsbedingt aus der brit.-ägypt. Administration des Sudan ausscheiden. Obwohl 1914 Geh. Rat, gelang es S. nicht, im österr. Staatsdienst Fuß zu fassen, er entfaltete aber ab 1915 als stellv. Dir. des Informationsbüros für Kriegsgefangene und Vizepräs. des Kriegsgefangenenausschusses des Österr. Roten Kreuzes eine rege Tätigkeit. Nach dem Ende der Monarchie ging die Familie in die Schweiz, bei der Konferenz in St. Germain setzte S. aber noch seine Kontakte zu brit. Adelskreisen zugunsten österr. Kriegsgefangener ein. Nach dem Tod seiner Frau ließ er sich 1923 in Südtirol nieder. S., der bekannteste jener Alt-Österreicher, die im Dienst imperialist. europ. Mächte Karriere machten, hat v. a. durch seinen autobiograph. Bestseller „Feuer und Schwert im Sudan“ einen wesentl. propagandist. Beitr. zur Etablierung der bis Ende 1955 andauernden brit. Herrschaft im Sudan geleistet.

W.: Auf der Flucht, 1895; Feuer und Schwert im Sudan. Meine Kämpfe mit den Derwischen, meine Gefangenschaft und Flucht 1879–95, 1896 (auch engl., mehrfach aufgelegt); etc.

L.: R. Hill, S. Pasha, 1965 (m. B.); ders., A Biographical Dictionary of the Sudan, 2. Aufl. 1967; E. Flandorfer, R. S., Pascha und Baron, phil. Diss. Wien, 1971 (m. B.); G. Brook-Shepherd, S. Pascha, 1972 (m. B.); M. Gritsch, Die Beziehungen Österr.-Ungarns zum ägypt. Sudan ..., phil. Diss. Wien, 1975, S. 305ff.; W. Cechovsky, Der Sudan zur Zeit des Mahdi-Aufstandes im Spiegel österr. Ztg. und Z., phil. Diss. Wien, 1981, bes. S. 161ff.; M. Zach, Österreicher im Sudan von 1820 bis 1914 (= Beitrr. zur Afrikanistik 24), 1985, S. 171ff.; Abenteuer Ostafrika, Schloß Halbturn 1988, S. 278ff. (Kat., m. B.); H. A. Vogelsberger, S. Pascha, 1992 (m. B.); G. Neveril, Österr. Afrikareiseberr. des 19. Jh. als Nachrichtenquellen – dargestellt am Beispiel „Feuer und Schwert im Sudan“ von R. S., DA Wien, 1999, s. Reg.; H. Tomandl, in: Arabien und Schwarzafrika am Nil: Sudan, 2002, S. 128ff.

(W. Sauer)

Biographie aus: ÖBL 1815-1950, 57. Lieferung, 2004, S. 350

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