1. Österreichischer Numismatikertag









 

Für den 2. und 3. April 2004 - Freitag und Samstag - hatten die Numismatische Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das Institut für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien und das Münzkabinett am Kunsthistorischen Museum Wien zu einem ersten Österreichischen Numismatikertag eingeladen, der in den Räumlichkeiten des Instituts abgehalten wurde. Formuliertes Ziel der Veranstaltung war es, die Kommunikation unter den im Fach Numismatik in Österreich tätigen Personen zu verbessern, um auf diese Weise für die Zukunft eine bessere Zusammenarbeit zu erreichen. Deshalb wurde der genannte Personenkreis eingeladen, die eigene Institution mit ihren Projekten, Sammlungsbeständen oder Arbeitsschwerpunkten vorzustellen.

Als Auftakt präsentierte das Institut für Numismatik und Geldgeschichte zwei Neuerscheinungen, die kürzlich im Institutsverlag, der Österreichischen Forschungsgesellschaft für Numismatik, erschienen sind. Günther Dembski vom Kunsthistorischen Museum stellte den zweiten Band der Sammlung Leypold (Sylloge Nummorum Graecorum Österreich) vor; diese Sammlung kaiserzeitlicher Provinzialprägungen, deren Publikation mit dem vorliegenden Band abgeschlossen ist, wurde kürzlich von der Oesterreichischen Nationalbank erworben und wird als Dauerleihgabe dem Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums zur Verfügung stehen. Im Rahmen des Repertoriums zur neuzeitlichen Münzprägung Europas konnte der Band über die Münzprägung im Fränkischen Reichskreis vorgestellt werden. Aus diesem Anlaß waren zwei Ehrengäste zu Vorträgen eingeladen worden: Hans-Jörg Kellner aus München stellte den Band vor und wies mit Freude darauf hin, daß nunmehr zwei der drei korrespondierenden Kreise und damit ein Großteil der zum heutigen Bayern gehörenden Münzstände im Rahmen des Repertoriums vorliegen. Im anschließenden Vortrag griff er aus der Münzgeschichte des 18. Jahrhunderts Einzelaspekte heraus, die Bayern und Franken betreffen. Hermann Maué vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ging in einem höchst anregenden Vortrag auf die Abgrenzungsprobleme zwischen Münze und Medaille in Vergangenheit und Gegenwart ein - ein Problem, das sich bei der Bearbeitung des Repertoriums immer wieder stellt. Als Ergebnis konnte er festhalten, daß es die modernen strengen Definitionen von Münze und Medaille in der Vergangenheit nicht gab; es kam lediglich auf das Edelmetall an, und so konnte eine Zahlung durch 30 Dukaten ebenso getätigt werden wie durch eine Goldmedaille im Gewicht von 30 Dukaten.

Der Einladung, im Rahmen des Numismatikertags einen Arbeitsbericht vorzutragen, waren 29 Personen gefolgt, die vier Gruppen zuzurechnen waren: die Mitarbeiter des Münzkabinetts am Kunsthistorischen Museum Wien, Mitarbeiter und Studenten des Instituts für Numismatik und Geldgeschichte, die Angestellten der Numismatischen Kommission der Akademie der Wissenschaften und weitere Numismatiker, die an österreichischen Museen und Universitäten tätig sind.

Schwerpunkte der Arbeit am Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums (G. Dembski, M. Alram, H. Winter; R. Denk war verhindert) sind derzeit die Aufarbeitung älterer Schatzfunde wie auch die Erarbeitung bzw. Planung von Sammlungskatalogen (ungarisches Mittelalter und frühneuzeitliche ungarische Medaillen; frühmittelalterliche Münzen). In Vorbereitung sind die Publikation der geschnittenen Steine von Carnuntum und das Werkverzeichnis des Medailleurs Ferdinand Welz und seiner Schüler; in einem Projekt wird die Ausbreitung der Euro-Münzen und Banknoten im Geldumlauf untersucht.

Die Mitarbeiter des Instituts berichteten aus ihren Arbeitsschwerpunkten, der griechischen (E. Specht und der Lehrbeauftragte S. Karwiese), der axumitischen und mittelalterlichen Numismatik (W. Hahn), dem Münzwesen Roms (W. Szaivert), schließlich der byzantinischen Münzprägung und derjenigen in Thurium und Velia (M. Metlich). S. Krmnicek stellte seine Arbeit an antiken Münzen des Kärntner Landesmuseums vor, H. Emmerig seine Forschungen zum Mittelalter unter besonderer Einbeziehung schriftlicher Quellen. Dissertationsprojekte zu Erzherzog Karl von Innerösterreich und zur österreichischen Medaille des 18. Jahrhunderts präsentierten M. Grundner und A. Grundner-Rosenkranz. B. Prokisch skizzierte, wie es mit dem Repertorium weitergehen soll (österreichische Neufürsten und Schlesien), und stellte zwei weitere Buchprojekte vor, die schon weit gediehen sind: einen Katalog der Münzen und Medaillen des Deutschen Ordens nach 1525 und einen Katalog der amtlichen und privaten Rechenpfennige in den Habsburger Erbländern.

Die Mitarbeiter der Numismatischen Kommission, großteils Absolventen des Instituts, informierten über die weit gespannten derzeit laufenden Projekte. Vier Numismatiker widmen sich hier den römischen Fundmünzen aus Carnuntum (F. Schmidt-Dick, M. Pfisterer, A. Ruske, K. Vondrovec), U. Schachinger ist dabei, den FMRÖ-Band für die Steiermark abzuschließen, F. Schmidt-Dick berichtete über die Arbeit am zweiten Band ihres Typenatlas der römischen Münzprägung. Ein Katalog der Prägung des Kaisers Traian entsteht im Rahmen der Reihe "Moneta Imperii Romani" (B. Woytek). Vorbereitet wird auch die Publikation des türkischen Münzfunds von Beçzin, eines Funds von etwa 50.000 Akçes und knapp 1000 europäischen Münzen, verborgen im frühen 17. Jahrhundert (N. Schindel, L. Reis, S. Pfeiffer-Taş; letztere war verhindert). Auf dem Gebiet des Alten Orients arbeiten M. Alram und N. Schindel (Sylloge Nummorum Sasanidarum) und K. Vondrovec (Iranische Hunnen).

Die Sektion mit Vertretern anderer Institutionen und Bundesländer machte deutlich, daß eine flächendeckende numismatische Betreuung in Österreich nicht gewährleistet ist. Aus dem Kärntner Landesmuseum in Klagenfurt berichtete E. Krauland über die Neulegung der Mittelaltersammlung. B. Prokisch umriß das Aufgabenfeld des sich seiner Verantwortung bewußten Landesnumismatikers in Oberösterreich in umfassender Weise, während K. Peitler vom Steirischen Landesmuseum Joanneum in Graz Verwunderung hervorrief, da sich seine Institution von den wissenschaftlichen Aufgaben der Numismatik offenbar weitgehend verabschiedet hat. Das Kunstarchiv der Oesterreichischen Nationalbank, das Entwürfe österreichischer Banknoten und andere Kunstobjekte aus dem Bereich der Finanzgeschichte verwahrt, stellte U. Felber vor. Von den Universitäten kamen K. Strobel (Klagenfurt), der auf dem Gebiet des römischen Finanz- und Geldwesens forscht, G. Thüry (Salzburg), der sich als Althistoriker mit Fundtheorie und anderen numismatischen Fragestellungen befaßt, und H. Rizzolli (Innsbruck), der die Geldgeschichte des alttirolischen Raums zum Spezialgebiet hat. H. Tursky stellte die Bemühungen der Tiroler Numismatischen Gesellschaft um ein Corpus der Tiroler Münzprägungen vor. Von der Kommission für Byzantinistik an der Akademie der Wissenschaften kam A. Wassiliou, die über das Projekt der Publikation der Wiener Bestände byzantinischer Bleisiegel berichtete.

Erst im Laufe der Tagung stellte sich heraus, daß man mit dem Stand der Erfassung und Publikation der Fundmünzen in Österreich durchwegs sehr unzufrieden ist, seit 1984 die jährlichen Münzfundberichte in den "Fundberichten aus Österreich" eingestellt wurden. Eine Diskussion zu diesem Thema gab den Anstoß, eine Initiative zu starten, um gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt eine Wiederaufnahme der fortlaufenden Dokumentation der Fundmünzen aus Österreich zu erreichen. Das Publikum signalisierte breite Unterstützung für dieses Anliegen und sagte seine Kooperation zu.

Der Österreichische Numismatikertag bot erstmals die Möglichkeit, sich umfassend über den Stand der Numismatik in Österreich zu informieren und die in diesem Fach tätigen Personen zu einem großen Teil persönlich kennenzulernen. Über 70 Besucher aus fast allen Bundesländern, Fachnumismatiker wie Sammler, nützten dieses Angebot. Junge Wissenschaftler von Institut und Kommission konnten ihre Forschungen präsentieren; Studenten der Numismatik hatten die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und Einblicke in fast alle Gebiete der Numismatik zu gewinnen. Ein Heurigenbesuch ermöglichte persönliche Kontakte außerhalb des Hörsaals.

Die Veranstaltung wurde von mehreren Sponsoren großzügig unterstützt: Die Münze Österreich (Generaldirektor Dietmar Spranz) und der Verband Österreichischer Münzenhändler (Präsidentin Dr. Eva Szaivert) verschlossen sich auch diesmal dem Anliegen der wissenschaftlichen Numismatik nicht und ermöglichten einen angenehmen Rahmen der Veranstaltung. Dafür ist ganz herzlich zu danken.

Die rundum gelungene Veranstaltung ging am Nachmittag des 3. April zu Ende; an eine Wiederholung ist gedacht: Der 2. Österreichische Numismatikertag ist für das Jahr 2006 geplant.

Hubert Emmerig

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Letzte Änderung: 13.05.2004