Ziel des Forschungsprojekts (abgek. MI) ist ein umfassendes Motivverzeichnis der deutschsprachigen weltlichen Erzählliteratur von den Anfängen bis 1400. Zugrundegelegt ist ein Katalogisierungsschema, das Stith Thompson in seinem "Motif-Index of Folk-Literature" (Kopenhagen ²1955-58) entwickelt hat.
Zeitliche Abgrenzung: Die untere Grenze ist überlieferungsbedingt im 9. Jh., die Obergrenze rein pragmatisch mit 1400 angesetzt.
Sprachliche Abgrenzung: Es werden nur deutsche Texte erfaßt, weshalb lateinische und mittelniederländische Texte ausgespart sind.
Wem wird der MI dienen? Der MI wird ein unentbehrliches Arbeitsinstrument für all jene sein, die erzählende Texte vergleichen (Komparatisten, Germanisten, Latinisten, Romanisten, Anglisten, Skandinavisten, Keltologen, Orientalisten, Judaisten usw.) bzw. Erzählmotive und -inhalte suchen (Historiker, Volkskundler, Ethnologen, Religionshistoriker, Tiefenpsychologen), also mit Ausnahme der Linguistik für so gut wie alle geisteswissenschaftlichen Disziplinen.
Der MI wird in Buchform und als CD-ROM erscheinen.
Das Zuordnungsschema Stith Thompsons baut auf einer Kombination von alphabetischer Gliederung, die die großen Themenbereiche absteckt und ein erstes grobes thematisches Zuordnen ermöglicht (zu Kategorien wie D Magic, F Marvels, P Society) und einer dieser untergeordneten Zahleneinteilung im Dezimalsystem auf. Jede Sigle ist mit einer kurzen Motivcharakteristik verknüpft, gefolgt von Literaturangaben sowie Querverweisen auf andere Motiveinträge.
Ein alphabetischer Index erschließt das System.
Stith Thompson legt seinem Index einen weitgespannten Begriff von Motiv zugrunde, der auch wesentlich kleinere Einheiten als die in der Literaturwissenschaft gemeinhin als "Motive" bezeichneten berücksichtigt - "When the term motif is employed, it is always in a very loose sense, and is made to include any of the elements of narrative structure. In general any item that other investigators have made notes on has been accepted" definiert Thompson in der Einleitung zu seinem Index (Bd.1, S.19). Thompsons "Motif-Index of Folk-Literature" stellt sich vielmehr als Aufschlüsselungsmechanismus für Literatur dar denn als Verzeichnis von eigentlichen "Motiven". Thompsons Motivbegriff aber muß trotz seiner Schwächen aus Gründen der Kompatibilität mit den bereits bestehenden Indices die Grundlage unseres Index bilden, er wird jedoch modifiziert und genauer gefaßt: Als Motive gelten alle bewußt geformten, herausgehobenen und für die Erzählung wichtigen Stoffelemente, wie sie, dem konkreten Kontext enthoben, sich sinnvoll auch anderen Texten einfügen können. Von Thompson abweichende Motivdefinitionen werden grundsätzlich nur dann berücksichtigt, wenn durch ihre Vernachlässigung die angestrebte Vollständigkeit in der Erfassung von Motiven und motivähnlichen Stoffelementen gefährdet wäre. Ein Motiv-Index der mittelalterlichen Erzählliteratur kann freilich nur dann für die Erfassung von Texten sinnvoll erstellt und verwendet werden, wenn er sich nicht auf die bloße Auflistung von Motiven und Motivelementen beschränkt, sondern zugleich die konkrete Ausformung des Motivs sowie seine jeweilige Funktion im Kontext so präzis wie möglich zu erfassen vermag. In unserem Fall geschieht dies mit Hilfe eines jeweils Werksigle und Stellenangabe angeschlossenen Kommentars, der die konkrete Textstelle erläutert. Dem Motivkommentar folgen Verweise auf andere an dieser Stelle mit dem Motiv verknüpften Motive bzw. Motivelemente. Auf diese Weise lassen sich auch größere Erzählkomplexe in ihrem Sinnzusammenhang erfassen und auf ihre Erzählelemente hin analysieren, wobei stets die Funktion sowohl des Gesamtkomplexes als auch der Einzelmotive im Textzusammenhang bzw. ihre Stellung zueinander erfaßt werden.
Der MI berücksichtigt nicht nur Thompsons Standardwerk allein,
sondern, anders als die in dessen Nachfolge entstandenen Indices, die sich
ausschließlich an Thompsons Werk orientieren, auch sämtliche
zugänglichen Einzelindices selbst.
Auf die Vergabe neuer Nummern wird in unserem Index
soweit als möglich verzichtet. Sie ist nur bei häufig auftretenden
Varianten oder wesentlichen Abweichungen in Betracht zu ziehen. Vielmehr
wird danach getrachtet, im Rahmen des Systems mit geringfügigen Abwandlungen
auszukommen:
Der MI besteht aus insgesamt sechs Verzeichnissen: