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© Abteilung Musikwissenschaft
Redaktion: Mario Aschauer
Letzte Änderung: 15.02.2013 17:33

Musik – Identität – Raum


Bearbeiter: Mag. Dr. Barbara Boisits, Mag. Dr. Christian Fastl,
Mag. Dr. Elisabeth Fritz-Hilscher, Mag. Monika Kornberger,
Mag. Dr. Alexander Rausch, Mag. Dr. Stefan Schmidl,
Mag. Dr. Björn R. Tammen

Die Kulturwissenschaften haben sich in den letzten Jahren verstärkt den Begriffen "Raum" und "Räumlichkeit" zugewandt ("spatial turn") und die Zeitachse, den Evolutionismus und lineare Entwicklungsannahmen als zuvor dominierende Leitvorstellungen der Moderne zurückgedrängt. "Raum" wird sowohl materiell als "Behälter" und "Territorium" als auch symbolisch als "soziale oder subjektive Konstruktion" verstanden (Wilfried KAISER, Mental Maps – kognitive Karten, Stuttgart 1994). Die "Verortung der Kultur" (Homi BHABHA) führt sogar zu einer "spatialen Hermeneutik" mit dem Anspruch, "alle Verstehensakte räumlich zu öffnen, so dass sie die Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander und Auseinander ungleicher Lebenssphären ebenso erfassen können wie die Asymmetrien der Machtverteilung" (Doris BACHMANN-MEDICK, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbeck bei Hamburg 2006, S. 303).

Für die interdisziplinäre Wertigkeit von Untersuchungen an musikalischen Phänomenen wirkt sich zudem günstig aus, dass die Sprach- und Diskurslastigkeit des "linguistic turn" durch den "spatial turn" überwunden wurde und in der Folge davon Materialität und Medialität neben Repräsentation und Symbolisierung wieder als Forschungsgegenstände etabliert sind. Gleichzeitig wird aber auch die Rolle der Musik bei der Konstruktion kollektiver (sozialer, nationaler etc.) Identitäten (Identitäten, hrsg. von Aleida ASSMANN und Heidrun FRIESE, Frankfurt a. M. 1998; Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit, hrsg. von Bernhard GIESEN, Frankfurt a. M. 1991) mit Nachdruck zu untersuchen sein. Gerade die musikalische Repräsentation und Symbolisierung von Machtverhältnissen wird in interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Untersuchungen oft kaum bedacht. Dabei erlaubt die ästhetische Ausgestaltung und mediale Inszenierung derartiger Identitätskonstruktionen einerseits interessante Rückschlüsse auf dahinter liegende politische Vorstellungen, andererseits ist die Musik als ästhetisches Phänomen sozusagen aus sich heraus ein wirkender Faktor in der individuellen wie kollektiven Welterfahrung als Basis einer Identitätsbildung. Die für Umbruchszeiten (siehe Schnittstellen) konstatierten Identitätskrisen, die verstärkte Wahrnehmung von Identität und Differenz, von Eigenem und Fremdem lässt die Frage nach dem Anteil der Musik an derartigen identitätspolitischen Kodierungen ("habsburgischer Mythos", "österreichischer Mensch", "mit Schwert und Leier", "Musikland Österreich", "Musikstadt Wien") legitim erscheinen.
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Aus dieser aktuellen Konstellation heraus wird der Projektplan entwickelt und konkretisiert. Statt kontinuierlicher Darstellung oder lexikalischer Segmentierung wird der Fokus auf (vorderhand) vier Schnittstellen der Musikgeschichte Österreichs gerichtet. Ihre Wahl ist begründet: in einem Charakter als "Sattelzeit" (einem Wandel, der erkennbar historisch Bedeutsames auslöst) – in einer noch unbefriedigenden Forschungslage (historische Phasen wie die der "Wiener Klassik" oder der "Wiener Moderne" sind überforscht bzw. werden von eigenen Forschungseinrichtungen oder –projekten hinreichend abgedeckt) - und davon abhängig in offensichtlichen Desiderata der Quellenerschließung. Die vier Schnittstellen werden nach stets den gleichen allgemeinen Kriterien untersucht. Diese Kriterien haben das Ziel, durch Detailuntersuchungen einen je spezifischen "Kulturraum" mit seinen ebenfalls spezifischen Identitätsbildungen zu rekonstruieren, die Ergebnisse aber so durchsichtig zu halten, dass sie für vergleichende Untersuchungen ohne Nivellierung ihrer Komplexität offen bleiben.

Der Arbeitsvorgang wird durch ein hierarchisches Modell strukturiert. Ausgehend von zwei grundlegenden Perspektiven und der Festlegung von vier historischen Schnittstellen als Gegenstände werden fünf spezielle inhaltliche Perspektiven als Arbeitsbereiche gewählt.

1. Zentraleuropäische Perspektive auf die "Musikgeschichte Österreichs": Der Begriff "Zentraleuropa" wird aktuell häufig verwendet, er ist weniger belastet als der Mitteleuropa-Begriff. Er akzentuiert eine Focusbildung innerhalb weiter Zusammenhänge, muss aber für die unterschiedlichen historischen Schnittstellen differenziert angewandt werden.

2. Vernetzung versus Insularisierung: Innerhalb des zentraleuropäischen Kulturraums, aber auch über ihn – je nach historischer Gegebenheit – hinausgreifend, wird die Spannung zwischen Tendenzen zur Interkulturalität und jenen zur regionalen Insularisierung untersucht.

Gegenstand der Untersuchung sind vier historische Schnittstellen:

•   1430
•   1740
•   1848
•   1945–1955/56

Die Untersuchungen der vier genannten Schnittstellen gehen einheitlich von den folgenden fünf Fragebündeln aus, deren Abfolge auch in etwa den zu setzenden Arbeitsschritten entspricht.

Vernetzung von Zentren

•   Was sind die Zentren des Musiklebens im zentraleuropäischen Raum?
•   Was sind die Voraussetzung und die Eigenart ihrer Vernetzung?
•   Mit welchen Zentren außerhalb des zentraleuropäischen Raums bestand
enger Kontakt – mit welchen offensichtlich nicht?
•   Ausmaß und Auswirkung von Musikerwanderungen
•   Repertoirebildung und Austausch von Musik (Werke, Gattungen, Stile): Ist
der Umgang mit Übernommenem epigonal oder kreativ?
•   Wie verhalten sich Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung des
Musiklebens zueinander?
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Diastratische und horizontale Strukturen des Musiklebens

(fokussiert auf Österreich, aber unter vergleichender Berücksichtigung des gesamten zentraleuropäischen Raums)

•   Welche Schichtenbildung ist in der Musikübung erkennbar?
•   Welche Institutionen, aber auch gesellschaftliche Faktoren, Bräuche u. a.
sind Träger des geschichteten Musiklebens?
•   Welche gesellschaftlichen Funktionen erfüllen bestimmte Arten der Musik?
•   Bilden sich schichtenspezifische Musikstile aus?
•   Gibt es eine Wechselbeziehung oder eine Abschottung der Schichten und i
hrer Musik (Übernahmen, Vermischung, "Hybridkultur")?
•   Sind Musik und Musikleben der einzelnen gesellschaftlichen Schicht
einheitlich oder in sich heterogen (Leben in "Parallelwelten")?

Diachronie

•   Welche Ausgangssituation liegt der jeweiligen Schnittstelle vor?
•   Auf welche Traditionen reagiert eine "Sattelzeit" und auf welche Weise?
•   Welchen Zukunftshorizont eröffnet die Konstellation der Schnittstelle?

Medialität und Repräsentation

•   Wie verhalten sich orale und/oder schriftliche Vermittlung von Musik,
insbesondere in Aufführungspraxis und Musikunterricht?
•   Wie sehr wird die Gestaltung dieses Verhältnisses von Theorie getragen?
•   Welche Medien werden eingesetzt?
•   Lassen sich jeweils bestimmte Gewohnheiten der Aufführungspraxis und
der Rezeption von Musik formulieren?
•   Spiegeln musikalische Repräsentation und Symbolisierung Absichten der
Herrschenden wider?
•   Wie äußert sich die primäre ästhetische Wirkung der Musik als Faktor der
Erfahrung und Weltorientierung (in gesellschaftlichen Verhaltensweisen, in
Aufführungsgegebenheiten, in literarischen oder bildnerischen Reflexen)?

Musik und Identitätsbildung

Die Frage nach der (historisch sicher sehr unterschiedlichen) Identitätsbildung richtet sich auf einen bindenden Inhalt eines "Kulturraums", auf den Umfang der gesellschaftlichen Gültigkeit und der Differenziertheit von Identitäten.

•   Wie geartet und wie hoch zu veranschlagen ist die Rolle der Musik?
•   Mit welchen und wie intensiven Vernetzungen zu anderen Faktoren einer
Identitätsbildung tritt Musik auf?
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