Politik von Informationstechnologien

Internet-Anwendungen wie soziale Netzwerke, Suchmaschinen, oder Musikstreaming-Plattformen haben sich ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit katapultiert. Dabei vergessen wir oft, dass diese Technologien keine neutralen Werkzeuge darstellen, sondern Interessen transportieren.

Informationstechnologien werden in unserer Gesellschaft verhandelt und halten ihr damit einen Spiegel vor.

Technologie als soziales Phänomen

Der Technikphilosoph Bruno Latour hat Technologie als beständig gemachte Gesellschaft beschrieben („technology is society made durable“). Er meint damit, dass Technologien nicht nur gesellschaftspolitische Auswirkungen haben, sondern selbst eine Reihe von Normen, Werten, Ideen, ja sogar Ideologien in sich tragen.

Ein Beispiel: Kommerzielle Suchtechnologien wie etwa Google verfolgen offen profitorientierte Interessen. Geschäftsmodelle wie zielgruppenspezifische Werbung prägen Suchinstrumente nachhaltig – denken wir nur an das Ausmaß von bezahlten Anzeigen in den Ergebnissen unserer Suchen. Universelle Suchmaschinen sind daher repräsentativ für Konsumgesellschaften und kapitalistische Wirtschaftsstrukturen.

Gesellschaft verfestigt sich durch Technologie

Gleichzeitig tragen hunderte Millionen NutzerInnen kommerzieller Plattformen zur Verbreitung kapitalistischer Praktiken bei. Ob auf Facebook, Amazon oder Twitter – werbebasierte Geschäftsmodelle gehen mit Online-Überwachung einher. Das Anlegen von detaillierten User-Profilen, um Werbeanzeigen noch besser an individuelle Vorlieben, Wünsche und Interessen anzupassen, setzt den gegenwärtigen Trend zu nahtloser Bürgerüberwachung im Internet fort.

Ähnlich zeigen sich Geschlechterverhältnisse und andere Machtstrukturen in Technologien. Kaum ein Computerspiel kommt ohne Geschlechterklischees aus, selbst wenn sie „bloß ironisiert“ dargestellt werden. Über Technologie wird also Gesellschaftspolitik betrieben.

Entstehungszusammenhänge und Netzwerkstrukturen

Während sich andere ITA-Forschungsschwerpunkte mit den Auswirkungen – z.B. mit Fragen rund um Datenschutz, Privatsphäre und Sicherheit – beschäftigen, geht es hier um die Entstehung und Verhandlung von Informationstechnologien.

Wie können wir etwa gesellschaftliche Werte und Normen in Konzepte und Methoden der Softwareentwicklung besser einbeziehen? Oder wie können Suchmaschinen angesichts des Spannungsfeldes von globaler Informationsökonomie und lokaler Gesellschaftspolitik entwickelt werden? Weiter untersuchen wir, welche Rolle unterschiedliche InteressensvertreterInnen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Rechtswissenschaft, Datenschutz, Netzpolitik etc. in der Gestaltung von globalen Technologien spielen, und wie sie ihre Position in globalen Akteurs-Netzwerken stärken können.

Erkenntnisinteresse

Durch die Analyse von Entwicklungspraktiken und gesellschaftspolitischen Akteurs-Netzwerken kann die implizite Politik von Informationstechnologien identifiziert und offen gelegt werden. Kulturelle Normen und Werte, Ideologien, Geschlechterverhältnisse und andere Machtstrukturen, die über Software wirksam werden, können so hinterfragt und neu gestaltet werden. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in die Politik sowie in die Entwicklungspraxis eingebracht und an die breitere Öffentlichkeit kommuniziert.

Soziale Normen und Werte werden in Informationstechnologien mit eingeschrieben.