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‚Erinnerungslandschaften‘ in multiplen Modernitäten.

‚Erinnerungslandschaften‘ in multiplen Modernitäten.

Erinnerungen an Verbrechen gegen die Menschheit in kurdischen Gesellschaften

Projektleitung: Maria Six-Hohenbalken
Projektlaufzeit: 05.2013-04.2018
Finanzierung:
Elise Richter Projekt (FWF)

Die kurdische Gesellschaft ist geprägt durch unterschiedliche Gewalterfahrungen. Diese umfassen genozidale und ethnozidale Prozesse, Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen sowie die Leugnung ihrer ethnischen Identität und ihrer nationalen Bestrebungen. All diese Gewalterfahrungen sind wichtige Bezugspunkte nicht allein für die Historiographie, sondern auch für das Selbstverständnis, für Identitätsprozesse und Zugehörigkeiten Einzelner. Das Ziel des Projekts ist Erinnerungsprozesse in der kurdischen ‚Transnation‘, das heißt in den unterschiedlichen Nationalstaaten in denen Kurden leben wie auch in der Diaspora, aufzuzeigen und mit einem innovativen methodischen Zugang die Dynamiken von Erinnerung und Vergessen zu untersuchen. Kriege, Deportationen, Folter und Verfolgung sind nicht allein Teil individueller Erfahrungen, die die Betroffenen in ihrer Existenz beeinträchtigen und das ganze Leben prägen, sondern auch Teil der sozialen Erinnerung der größeren Gemeinschaft(en).
Die Hypothese dieses Projekts ist, dass die Darstellungen der Vergangenheit in der kurdischen Transnation nicht nur durch intra-ethnische kulturelle Unterschiede, die Integration in unterschiedliche Nationalstaaten und interne Machtbeziehungen geprägt ist, sondern wesentlich durch unterschiedliche politische intra- und interethnische Exklusionsmechanismen und massive transgenerativ wirkende Gewalterfahrungen beeinflusst ist. Da neue Kommunikationstechnologien staatenlosen Gemeinschaften ungeahnte Möglichkeiten bieten, sind sie nicht nur neue Wissensspeicher für Dokumentationen von kriegerischen Ereignissen und Menschenrechtsverletzungen, sondern evozieren neue Erinnerungsformen auf kollektiver und individueller Ebene. Das Projekt hat zum Ziel die multiplen Erinnerungsformen in den Herkunftsländern und der Diaspora auf ihre Unterschiede, Gemeinsamkeiten, In- und Exklusionsmechanismen zu untersuchen und die Verbindungen mit Identitätsprozessen aufzuzeigen. Diese Dynamiken von Erinnern und Vergessen werden mit einem deskriptiven, einem phänomenologischen und einem komparativen Ansatz erforscht. Kriegerische Ereignisse werden auf gesellschaftlichen Langzeitwirkungen, auf intergenerationale Weitergabe dieser Erfahrungen sowie auf inter- und intra-ethnische Beziehungen hin untersucht. In Archivstudien werden bis dato unveröffentlichte Dokumente über den Massenmord an den Yeziden während des 1. Weltkriegs, über die Verfolgungen der Kurden von Dersim 1937/38 und über die Anfal-Operationen 1988/89 gegen die Kurden im Irak analysiert. Daran anschließend werden Langzeitauswirkungen, Bewältigungsmechanismen und Erinnerungen in unterschiedlichen Zeitebenen mit qualitativen Methoden untersucht. Eine vergleichende Analyse mit Erinnerungsmechanismen anderer transnationaler Kommunitäten soll neues Licht auf Dynamiken der vielfältigen, oft ambivalenten Erinnerungsformen bieten, um in Zukunft ‚Erinnerungslandschaften‘ in multiplen Modernitäten besser untersuchen und erfassen zu können.