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TRAUER UM WALTER DOSTAL

Mit dem Ableben Walter Dostals in Wien am 6./7.August 2011 haben Ethnologie bzw. Sozial- und Kulturanthropologie in Österreich, Zentraleuropa sowie im gesamten deutschsprachigen Raum einen ihrer besten Vertreter verloren. Walter Dostal hat im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts diese Disziplin entscheidend geprägt.
Dostal war vor allem durch seine ethnographischen Feldstudien über Arabische und Nahöstliche Gesellschaften bekannt geworden. Darüber hinaus trug er auch wesentlich zur Entwicklung der anthropologischen Theorie bei, indem er besonders das Zusammenspiel von Umwelt, Gesellschaft und Geschichte hervorhob. Als führender Experte für die Arabische Halbinsel hat Walter Dostal eine seit dem späten 19. Jahrhundert an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften begründete Wissenschaftstradition in das beginnende 21. Jahrhundert weiter geführt.

Dostal gehörte der ersten Generation von Studierenden an, die nach dem 2. Weltkrieg in diesem Fach ausgebildet wurden. Seine Forschungen hatten zum Ziel, eine neue und international orientierte Grundlage für die früher „Völkerkunde“ genannte Disziplin in den deutschsprachigen Ländern nach 1945 zu bilden.
Dostal wurde am 15. Mai 1928 in Grulich bei Brünn (heute: Tschechische Republik) geboren. Seine Familie zog Ende des 2. Weltkrieges nach Wien, wo er sein Anthropologiestudium begann. Seine kritische Auseinandersetzung mit der „Kulturkreislehre“ bewog ihn, alle spekulativen Geschichtskonstruktionen abzulehnen und stattdessen mit empirischen Methoden auf archäologischen Zeugnissen und Textbelegen aufzubauen. Am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere wurde er besonders von Robert Heine-Geldern (korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) und Joseph Henninger beeinflusst. Nach seiner Dissertation zu semitischsprachigen Kulturen begann er ethnographische Feldforschungen auf der Arabischen Halbinsel, welche er mit internationalen Forschungsaufenthalten in Frankfurt und Rom kombinierte. Zu dieser Zeit war er auch als Kurator für die Nahost-Abteilung am Völkerkundemuseum in Wien tätig.

Durch seine ersten Feldforschungen in Kuwait (in den späten 1950ern) und im Südjemen (während der frühen 1960er Jahre) wurde Dostal zum weltweit ersten professionellen Sozial- und Kulturanthropologen, der ethnographische Feldforschungen auf der Arabischen Halbinsel durchführte. Seine als Buch veröffentlichte Habilitation über die Beduinen Südarabiens, einschließlich seiner Theorie über die Techniken des Kamelreitens und deren Bedeutung für die Evolution der Kamelhaltung in Arabien, begründete seinen internationalen Ruf. Noch in seinem letzten akademischen Vortrag vom Oktober 2010 auf dem internationalen ŐAW-Workshop "Camels in Asia and North Africa: Their significance in past and present" hat er dieses Thema neuerlich aufgegriffen.

Mitte der 1960er Jahre wurde Dostal zum ersten Lehrstuhlinhaber des neu gegründeten Seminars für Ethnologie in Bern (Schweiz) berufen, das er in seiner zehnjährigen Tätigkeit aufzubauen half. Während dieser Jahre setzte er seine ethnographischen Feldforschungen im Nordjemen fort. Die Resultate dieser Feldforschung wurden in seinem Buch zum Markt von San’ a und in wesentlichen Artikeln zur tribalen Organisation publiziert. Gleichzeitig schuf er ein umfangreiches Gesamtwerk ethnographischer Dokumentarfilme zu Südarabien. Zur selben Zeit begann Dostal seine Theorien zum Einfluss ökologischer Faktoren auf die sozio-kulturelle Organisation menschlicher Gesellschaften zu entwickeln.
Als Professor und Dekan an der Universität Bern begann Dostal sich mit neuen Themen der Anthropologie wie beispielsweise den Rechten indigener Ethnien Nord- und Südamerikas zu beschäftigen. Darüber hinaus war er einer der ersten männlichen deutschsprachigen Anthropologen, der Arbeiten zur Gender-Thematik publizierte. Die späten 1960er Jahren prägten somit Dostals stetig  enger werdende Kontakte mit neuen internationalen Entwicklungen in diesem Feld und darüber hinaus.

1975 kehrte Dostal nach Wien zurück und übernahm den Lehrstuhl am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Am 25. Mai 1977 wurde Walter Dostal zum korrespondierenden Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gewählt. 
Einige seiner damaligen Magister- und Dokorats-Student/inn/en, die heute zum Grundstock der Mitarbeiter/innen des Instituts für Sozialanthropologie (ISA) der ÖAW zählen, haben von seinem profunden akademischen Wissen und seiner guten Betreuung enorm profitiert. Dazu gehören Andre Gingrich, Guntram Hazod, Johann Heiss, Christian Jahoda, Maria-Katharina Lang und Helmut Lukas. Diese Liste inkludiert auch jene, die mit dem ISA zwar weiterhin zusammen arbeiten, aber ihre Karriere anderswo fortsetzten, wie auf Professuren in den USA (Peter Schweitzer, Univ. von Alaska, Fairbanks), in Großbritannien (Hildegard Diemberger, Cambridge) oder Deutschland (Ernst Halbmeier, Marburg).

In seiner Tätigkeit an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gründete Walter Dostal durch Zusammenlegung der Ethnologischen mit der Arabischen Kommission die Kommission für Sozialanthropologie und erfüllte diese Einheit mit neuem Leben. Durch die Förderung wichtiger Forschungsvorhaben seitens der Kommission für Sozialanthropologie legte Dostal den entscheidenden Grundstein für das heutige ISA. Er setzte sich nicht nur dafür ein, dass zeitgemäße, empirische Feldforschungen in den Ländern des Himalaya, in Tibet und in Südostasien durchgeführt wurden, er initiierte auch das vom Österreichischen Wissenschaftsfond finanzierte Projekt in Asir (Saudi Arabien), aus dem die 1983 und 2007 von ihm herausgegebenen Publikationen hervorgingen. Darüber hinaus veröffentlichte Dostal im Verlag der ÖAW auch seine Monographien über den österreichischen Jemen-Forscher Eduard Glaser und zur sozio-kulturellen Evolution in Arabien. Angesichts dieser produktiven wissenschaftlichen Tätigkeit wurde Walter Dostal am 11. Mai 1993 zum wirklichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Bis zum Jahr 2003 leitete er die Kommission für Sozialanthropologie.   Er stellte seine Unterstützung und Expertise als Vorsitzender des Kuratoriums auch dann noch zur Verfügung, als die Kommission im Jahr 2007 in eine Forschungsstelle und in weiterer Folge 2009 in das heutige Institut für Sozialanthropologie umgewandelt wurde. Walter Dostal wird dem ISA und den sozialanthropologischen Forschungsgemeinschaften Zentraleuropas als Mensch und Wissenschafter in respektvoller, dankbarer und wertschätzender Erinnerung bleiben.

2007 An Interview with Walter Dostal (with/mit Sylvia M. Haas), in: Current Anthropology vol. 48, no.3, 429- 437