Biographie des Monats Dezember 2016

„Krippenvater“ Pater Johann Chrysostomus Mössl (1863–1942)

P. Mößl neben einer Weihnachtskrippe, im Hintergrund die alte Höttinger Pfarrkirche (© Tiroler Landesmuseen / Volkskunstmuseum)

Als der Hl. Franz von Assisi 1223 im mittelitalienischen Greccio das biblische Geschehen rund um die Geburt Christi in Bethlehem nachstellen ließ, um der einfachen Bevölkerung die Menschwerdung Jesu bildlich vor Augen zu führen, markierte dies den Beginn einer Tradition, die heute aus dem Weihnachtsbrauchtum nicht mehr wegzudenken ist. Die Biographie des Monats Dezember 2016 befasst sich mit dem Prämonstratenserpater Johann Chrysostomus Mößl, dem die Krippenvereinsbewegung in den Alpenländern und darüber hinaus entscheidende Impulse verdankt.

Seelsorger im weissen Habit des Hl. Norbert

Pater Johannes Chrysostomus Mößl wurde am 25. Februar 1863 in Untermais bei Meran als ältestes von zehn Kindern eines Bauern und Wirts geboren und auf den Namen Matthias getauft. Nach der Matura trat er 1881 in das Chorherrenstift in Wilten  (damals noch eine selbstständige Gemeinde, seit 1904 bei Innsbruck) ein. Dieses Kloster wurde im 12. Jh. vom Prämonstratenserorden gegründet, der auf den Hl. Norbert von Xanten zurückgeht. 1885 legte Mößl die Ordensgelübde ab, im selben Jahr erfolgte die Priesterweihe. Die Wiltener Prämonstratenser betreuten mehrere Pfarren in der Umgebung, in denen auch Mößl teilweise seelsorgerisch tätig war. So wirkte er etwa zuerst als Kooperator in Tulfes, wechselte dann 1888 nach Sistrans und 1890 nach Ampass. Einige Jahre später treffen wir ihn in St. Sigmund im Sellrain an, wieder später erneut in Sistrans. In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg betreute Mößl die Pfarre von Hötting, damals eine eigene Gemeinde und noch nicht Stadtteil von Innsbruck. Dort war er maßgeblich am Bau der neuen Pfarrkirche beteiligt. Diese sollte als „Katechismuskirche“ in ihrem Bildschmuck die katholischen Glaubensinhalte nahebringen. Dazu dienten v. a. auch die insgesamt 37 von Mößl konzipierten Fenstergemälde, die er in einer eigenen Broschüre theologisch ausdeutete. Das Büchlein mit dem Titel „Erklärung der Fenstergemälde in der Pfarrkirche in Hötting“ wurde 1934 als „Neujahrs-Glückwunsch“ den Mitgliedern und Wohltätern des Papst-Leo-Kirchenbauvereins in Hötting überreicht. Während des 1. Weltkriegs wirkte Mößl als Kaplan des Lazaretts in Mentlberg, ehe er 1917 wieder ins Sellrain zurückkehrte und dort die Pfarre Gries übernahm.

Der „Verein der Krippenfreunde“ – eine Erfolgsgeschichte

Im Jänner 1909 kam P. Mößl, der – wie er in seinen Erinnerungen schreibt – während seiner Zeit im Sellrain, auf der Suche „nach einer anregenden Beschäftigung in der Winterszeit“, den Krippenbau für sich entdeckt hatte, auf die Idee, einen einschlägigen Verein zu gründen. Dieser sollte die Liebhaber der Weihnachtskrippe miteinander in Kontakt bringen. Ein entsprechender in der Presse veröffentlichter Aufruf stieß auf unerwartet großes Echo und bei einem ersten vorbereitenden Treffen Anfang Februar 1909 im Gasthaus „Goldener Hirsch“ in Innsbruck erschienen über hundert Interessierte. Am 17. Mai desselben Jahres war es dann so weit: Im legendären Innsbrucker Gasthaus „Bierstindl“ wurde der „Verein der Krippenfreunde“ gegründet und bald schon erschien die erste Nummer seines Organs „Der Krippenfreund“. Es war dies nicht der erste Verein dieser Art, bereits 1860 etwa gab es in Wenns im Tiroler Pitztal einen ähnlichen Zusammenschluss, doch war der Erfolg der „Krippenfreunde“, deren Mitgliederzahl noch zu Lebzeiten Mößls auf über 3.000 wuchs, beispiellos. In relativ kurzer Zeit entstanden neue Ortsgruppen mit sog. Krippenpflegern, zuerst vornehmlich in Tirol, doch darüber hinaus allmählich auch in anderen Bundesländern. Im Deutschen Reich kam es nach dem Vorbild der „Krippenfreunde“ ebenso bald zu einer regelrechten Gründungswelle entsprechender Vereine. Dabei durfte man auch einige Prominente zu den Förderern und Mitgliedern zählen, etwa den Tiroler Landeshauptmann Theodor Freiherr von Kathrein, der von Anfang an dazugehörte, oder die Fürstbischöfe Johannes Raffl  und Sigismund Waitz.

In den Satzungen des Vereins aus 1916 wird „die Erhaltung, Förderung und Fortentwicklung der Weihnachts- und Leidens(Fasten-)krippen sowie der einheimischen, religiösen Krippenkunst“ als Hauptzweck genannt. Für die lebenden und verstorbenen Mitglieder des Vereins – scherzhaft auch „Krippeler“ genannt und laut den Satzungen vorerst nur Katholiken – sieht § 15 das Lesen einer Messe in der Christnacht vor. Mößl, der Initiator dieser erfolgreichen Bewegung, wurde schon bald allgemein als „Krippenvater“ tituliert. Das vereinsmäßige Bauen von Weihnachtskrippen blieb in den ersten Jahrzehnten vor allem Männersache. Frauen bildeten vorerst eine Minderheit und hatten laut den erwähnten Satzungen „die nämlichen Pflichten und Rechte, mit Ausnahme des Rechtes, in den Ausschuß gewählt zu werden“. Der Franziskanerpater und Publizist Zyrill Fischer, später einer der schärfsten Gegner des Nationalsozialismus im katholischen Lager und nach seiner Flucht in die USA dort mit Franz Werfel befreundet, veröffentlichte Anfang der 1920er-Jahre im „Krippenfreund“ ein scherzhaftes Gedicht über die „Krippele-Narren“, in dem es heißt: „Sie leben in Jesuleins Sklaverei / Und tragen die heimlichen Ketten / Mit Lächeln und kindlichem Jubelgeschrei / Und lassen aus seliger Narretei / Sich nie und nimmer erretten.“

„Der Krippenfreund“ – Zentralorgan der „Krippeler“

Die Auflage des Vereinsblatts, des „Krippenfreunds“, betrug 1924 bereits 2.500 Stück. Die anfangs unregelmäßig, später dann vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, deren Leitung allerdings von Anfang an nicht in Mößls Händen lag, spiegelt getreu die vielfältigen Ziele und die diesen dienenden Aktivitäten des Vereins wider. Berichtet wird über Krippenbaukurse und -ausstellungen (inkl. Prämierungen) ebenso wie über Versammlungen von Ortsgruppen, über Neuerscheinungen von Literatur zum Thema sowie über das Krippenwesen in benachbarten und weiter entfernten Gegenden („Tiroler Krippenkunst und Japan“). Nachrufe auf verdiente Mitglieder werden genauso abgedruckt wie eingehende volkskundlich-historische Abhandlungen, biographische Skizzen zu bekannten Krippenkünstlern sowie Beiträge, die sich mit der „Theologie der Krippe“, d. h. der religiösen Dimension des in den Krippen dargestellten Heilsgeschehens befassen. Dass dabei kein Detail unberücksichtigt blieb, zeigen Titel wie „Das Alter des Jesuskindes bei der Anbetung der hl. Könige“ oder „Goethe als Krippenfreund“. Vor allem aber enthalten die ersten Nummern der Zeitschrift allerlei praktische Tipps und Anleitungen („Körperbau und Größenverhältnisse der Schafe und Ziegen“) und offenbaren den Phantasiereichtum der „Krippeler“, etwa wenn es darum geht, Hirtenfeuer oder Bachläufe zu imitieren oder das ideale Material für das Begrünen des Untergrundes, die sog. Krippenstreu, zu finden. Nicht zuletzt fungierten die Seiten des „Krippenfreunds“ auch als Tausch- und Verkaufsbörse, über die Figurenschnitzer ihre Dienste offerierten, Krippen zum Verkauf angeboten oder spezifische Suchanzeigen geschaltet wurden („Zu kaufen gesucht einzelne geschnitzte Gruppen, wie Flucht nach Ägypten, liegende Kamele, Soldaten für den Kindermord, mehrere Bethlehemiten, auch Schafgruppen“).

Die Krippe als kulturhistorischer Verhandlungsort

Ein Studium der Nummern aus den ersten drei Jahrzehnten des „Krippenfreunds“ zeigt nicht zuletzt, wie sehr sich die Weltläufte und kulturellen Entwicklungen selbst in einem so – scheinbar – entlegenen Bereich wie dem Krippenwesen widerspiegeln. So wird während des 1. Weltkriegs über die „Krippeler“ berichtet, die „im Felde der Ehre“ stehen, und nach dem Zusammenbruch der Monarchie ist man bemüht, den Kontakt zu den Mitgliedern südlich des Brenners, von wo ja auch Obmann Mößl stammte, aufrechtzuerhalten. Bemerkenswert sind auch die Diskussionen darüber, ob der sog. orientalischen Krippe, d. h. jener, in der das Weihnachtsgeschehen in Bethlehem angesiedelt wird, der Vorzug gegeben werden soll, oder ob der Krippenberg in Landschaft und Bebauung an heimische Gefilde erinnern soll. „Der deutsche religiöse, gemütvolle Mensch muß eine deutsche Krippe bauen!“, fand 1927 der Schwarzwälder Wilhelm Oswald in einem Beitrag für den „Krippenfreund“. Die Schriftleitung, damals in den Händen des Historikers und Archivars Karl Klaar, stellte in einem einleitenden Beitrag zu dem Artikel freilich fest, „daß unseres Erachtens durch die orient[alische] Krippe die beste religiöse Wirkung erzielt werden kann, welche unserem Verein stets die Hauptsache sein wird“.

Eine Krippe für das Kaiserhaus

Unter der Obmannschaft Mößls wurde 1922 auf der Generalversammlung der Krippenfreunde ein denkwürdiger Beschluss gefasst: Als „sichtbares Zeichen unwandelbarer Tirolertreue“ sollte den „armen, verbannten Kaiserkindern“ im spanischen Exil eine Weihnachtskrippe zum Geschenk gemacht werden. Zahlreiche Mitglieder des Vereins und Meister der Krippenkunst beteiligten sich an der Unternehmung, etwa der Maler Franz Seelos oder die Figurenschnitzer Johann Seisl und Hans Gwercher. Im Spätherbst des Folgejahres war es so weit: Nachdem die Krippe in der Innsbrucker Ursulinenkirche ausgestellt und von über 6.000 Besuchern bewundert worden war, wurde die drei Meter breite und 1,35 Meter tiefe Krippe per Bahn nach dem Fischerstädtchen Lequeitio im Baskenland abgeschickt, wo sich Kaiserin Zita mit ihren acht Kindern seit 1922 aufhielt. Pater Otto Matthys, Guardian des Innsbrucker Franziskanerklosters und 1922–27 Schriftleiter des „Krippenfreunds“, machte sich am 10. Dezember 1923 auf die Reise nach Spanien, im Gepäck die Krippenfiguren und die wärmsten Weihnachtswünsche des Vereins. Da der Krippenberg erst zu Silvester an seinem Bestimmungsort eintraf, mussten Matthys und seine Begleitung die Figuren in einer provisorischen Krippe platzieren. Ein diesem Artikel beigefügtes Bild (siehe rechts), das um 1925 aufgenommen wurde, zeigt Erzherzog Otto und seine sieben jüngeren Geschwister vor besagter Tiroler Krippe. Die kaiserliche Familie war hocherfreut, die einzelnen Urheber des Gemeinschaftwerks wurden mit eigenen Dankesschreiben bedacht, die – so Matthys in einem Bericht – „in manchen Mannes Auge warme Perlen glänzen“ ließen. Die Überbringung der frommen Fracht aus Tirol hatte jedoch auch ein kleines politisches Nachspiel: Nachdem in der Presse der Franziskanerpater mit der Aussage zitiert wurde, die Kaiserin habe ihm berichtet, sie hätte schon zweimal in Tirol um Aufenthaltsgenehmigung angesucht, diese jedoch nicht erhalten, sah sich die Tiroler Landesregierung sogar zu einem diesbezüglichen Dementi im „Tiroler Anzeiger“ veranlasst.

Schatten über den letzten Lebensjahren des „Krippenvaters“

1934, anlässlich des 25. Gründungsjubiläums, legte Pater Johann Chrysostomus Mößl seine Funktion als Obmann des Vereins der Krippenfreunde zurück. In einem Artikel im „Krippenfreund“ verabschiedete er sich von den Mitgliedern und meinte in gewohnt volkstümlich-ironischem Ton, der über siebzigjährige „alte Sabl“ (Säbel) mit seinen „Altersscharten und Rostflecken“ solle besser außer Dienst gestellt werden. Nach dem „Anschluss“ wurde der Verein 1939 zwangsaufgelöst und seine Kasse beschlagnahmt, auch der „Krippenfreund“ konnte nicht mehr erscheinen. Die letzten Lebensjahre des Zisterzienser-Chorherrn waren zudem überschattet von der Aufhebung des Stifts Wilten durch die Nationalsozialisten, sodass er sich um eine neue Bleibe umsehen musste. Er fand diese im Pfarrhaus von Tulfes. Der erfolgreiche Initiator des Krippenwesens verstarb nach langer Krankheit am 11. Juli 1942 in Innsbruck.

Der von Mößl 1909 angestoßenen Initiative konnte das vorübergehende Verbot freilich keinen Abbruch tun. Bald nach dem Ende des 2. Weltkriegs kam es zu einem Wiedererstehen des Krippenvereinswesens in Tirol sowie in den anderen Bundesländern und 1953 konstituierte sich der bis heute bestehende Verband der Krippenfreunde Österreichs als Dachorganisation der einzelnen Landesverbände.


Literatur: Tiroler Anzeiger, 23. 1. 1924; Haller Lokalanzeiger, 21. 1. 1950; Tiroler Nachrichten, 11. 7. 1952; Österreichisches Biographisches Lexikon; Der Krippenfreund, 1914, Nr. 17, 1923, Nr. 48, 1953, Nr. 138, 1959, Nr. 164, 1968, Nr. 199/200; Krippen-Kalender 1923, ed. S. Reider, 1923, S. 70ff.; St.-Kassian-Kalender ... 1948, S. 149ff.; Hötting in alter und neuer Zeit, hrsg. von F. Steinegger, 1955, S. 36, 73f.; Homepage des Landesverbands der Tiroler Krippenfreunde (Zugriff 8. 12. 2016).

(Hubert Bergmann)

 

Wir danken dem Bildarchiv Austria der Österreichischen Nationalbibliothek (Wien), den Tiroler Landesmuseen / Volkskunstmuseum  (Innsbruck), Marieluise und Andreas Fischerleitner (Thaur) sowie Anni Jaglitsch (Mötz) für die Bereitstellung von Bildmaterial bzw. Unterstützung bei der Erstellung dieses Beitrags.

Jaufenthaler Krippe aus Vill bei Innsbruck (© Bildarchiv Austria / Österreichische Nationalbibliothek)
Schulklasse in der amerikanischen Besatzungszone beim Basteln einer Krippe, 1950 (© Bildarchiv Austria / Österreichische Nationalbibliothek)
Kamelführer aus einer Papierkrippe von Georg und Felix Haller, Götzens/Terfens, um 1830 (© Tiroler Landesmuseen / Volkskunstmuseum)
Die Kinder von Kaiser Karl und Kaiserin Zita im spanischen Exil vor einer Tiroler Krippe, um 1925 (© Bildarchiv Austria / Österreichische Nationalbibliothek)
Der Name P. Mößls auf einer Gedenktafel für die verstorbenen Wiltener Prämonstratenser am Friedhof der Basilika Wilten (© M. Fischerleitner)